Hinter ihren strahlenden Augen
verbergen die kleinen Patienten oft
schlimme Geschichten. Sie handeln von Landminen,
die sie beim Spielen
in die Hände genommen haben, oder von
Verwandten, die zwischen
kriegerische Fronten geraten sind. Andere Kinder
leiden an
schmerzhaften Knochenentzündungen oder sind
durch eine Lippen-Kiefer-
Gaumen-Spalte entstellt. Die Jungen und
Mädchen werden im Rahmen der
sogenannten Einzelfallhilfe nach Deutschland
geholt und kostenlos in
Krankenhäusern behandelt. Die
anschließende Therapie im dorfeigenen
Reha-Zentrum in Oberhausen macht sie wieder fit
für die Heimreise.
Finanziert wird die Arbeit der Hilfsorganisation
durch Spenden. Rund
150 kleine Patienten tummeln sich Tag für Tag
im Friedensdorf, viele
von ihnen stammen aus Afghanistan oder Angola.
Zahlreiche freiwillige
Helfer packen an allen Ecken und Enden mit
an.
Während sich Mediziner
Mohammed Ali Hariri im Behandlungsraum auf
seine nächste Patientin vorbereitet,
verkürzt sich eine Gruppe von
Kindern in einem Raum schräg gegenüber
die Wartezeit. Ein paar
Mädchen malen mit Buntstiften Blumen auf
Papier, eine Gruppe Jungen
diskutiert darüber, welches Land denn wohl
größer ist: Angola oder
Afghanistan. Die ehrenamtliche Helferin Silvia
Falbe mischt sich in
das Gespräch ein und schlägt in einem
Schüler-Atlas die Weltkarte
auf. Noch bevor die Diskussionsrunde zu einem
Ergebnis kommt, hat das
Warten auf den Arzt für Anna ein Ende. Im
Behandlungsraum zeigt die
Zwölfjährige dem Doktor ihr rechtes
Bein. Ein Gerüst aus Drähten
sorgt für Stabilität. Mit einem
Wattestäbchen betupft das tapfere
Kind die Wunden mit Jodsalbe rund um den
Fixateur.
Doch im Friedensdorf lernen die kleinen Patienten
auch ein wenig
für das spätere Leben: In einem kleinen
Klassenzimmer üben sie bei
Sven Schwarz rechnen. Die Kinder freuen sich auf
den Unterricht bei
dem ehemaligen Gesamtschullehrer, der sich
einfühlsam um sie kümmert,
denn ihre Leistungen werden nicht benotet.
Kommunikationsprobleme
gibt es nicht. Schon kurz nach ihrer Ankunft in
Deutschland können
sie die ersten Worte der für sie fremden
Sprache sprechen. Und so
unterhalten sich die Patienten unterschiedlichster
Nationalitäten
auch auf dem Dorfplatz auf Deutsch. Zu kleinen
Europäern umerzogen
werden sie während ihres Aufenthalts aber
nicht: «Darauf legen wir
ganz großen Wert», sagt
Friedensdorf-Sprecherin Heike Bruckmann.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen
versuchen manche der Kinder, sich
schnell aus dem Staub zu machen. «Jetzt aber
noch die Zähne putzen»,
werden sie beim Herausstürmen aus dem
Speisesaal von den Mitarbeitern
erinnert. Kurze Zeit später treffen sich die Kinder auf dem
Dorfplatz
an der Rua Hiroshima und überlegen, wie sie den
Nachmittag verbringen
könnten. Auf dem Bolzplatz und dem
Gelände mit Klettergerüst und
Schaukel ist das Gelächter groß - bis
zum Tag des Abschieds. Denn
über alle sprachlichen und religiösen
Grenzen hinweg sind sie Freunde
geworden. Und sie wissen genau: Ein Wiedersehen ist
unwahrscheinlich.
(Internet:
www.friedensdorf.de)
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