
Der Ort, wo man die Augen öffnet
Hilfe für Schwerstbehinderte in der
Dritten Welt - Die Christoffel-Blinden-Mission
Der große Saal des Bürgerhauses in
Frankfurt-Griesheim, in dem tausend Menschen bequem Platz finden, ist höchstens
zu einem Viertel mit
Publikum besetzt. Auf der Bühne stehen
schwerstbehinderte Frauen und Männer aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Mit
ihren Gesängen und
Tänzen wollen sie zeigen, wie wirkungsvoll man
schwerst behinderten Menschen aus der Dritten Welt helfen kann, wenn man den
Willen und die
Mittel dazu aufbringt. Schade, daß ein solches
Thema so wenig Leute anzieht, denke ich. Und tröste mich: Vielleicht liegt es
ja auch an dem
schönen Wetter an diesem Samstagnachmittag.
Eingeladen hat die
Christoffel-Blindenmission (CBM)
aus Bensheim an der Bergstraße, eine
von dem Pfarrer Ernst Jakob Christoffel
gegründete Organisation, die sich seit 80 Jahren um die Ärmsten der Armen in
der Welt kümmert.
Während die Schwerstbehinderten
hinter der Bühne ihren Auftritt vorbereiteten, denke ich einige Augenblicke
über meinen Lebensweg nach:
Vielleicht wäre ich - als blindes Kind
ebenfalls in einem Entwicklungsland geboren - auch bei dieser Gruppe. Aber ich
hatte das Glück,
begüterte Eltern zu haben. Sie gaben mir zu
essen und zu trinken, schönes Spielzeug und Kleider; ich hatte ein Hausmädchen,
das mich
spazieren führte, und man schickte mich
zeitweilig in eine normale Schule, wo ich ohne jegliche Hilfsmittel den Unterricht
durch Zuhören
verfolgte. Zu geistigen Gütern aber fand ich -
wie jene, die im Bürgerhaus nun ihr Können demonstrieren - erst mit dem Besuch
einer
Bildungsstätte der CBM. Auf sie stieß ich in
Iran - dort bin ich 1941 zur Welt gekommen -, als meine Eltern beschlossen
hatten, mich zur
Behandlung meines vermeintlich heilbaren
Augenleidens in die Bundesrepublik zu schicken. Bei der Suche nach einer
Möglichkeit, mir etwas
Deutsch beizubringen, erfuhren wir von der
Existenz der Schule in Isfahan. Dort erst erlernte ich die Blindenschrift.
Im Bürgerhaus führt eine achtköpfige
Gruppe aus Pudulogong in Botswana afrikanische Tänze vor. In Pudulogong gibt es
seit 1982 ein
Rehabilitationszentrum der CBM für Blinde.
'Pudulogong', erklärt der Moderator, bedeute zu deutsch 'der Ort, wo man die
Augen öffnet.' Mit
einem Choral in deutscher Sprache
verabschiedet sich die Gruppe von den Zuhörern. - Die ersten deutschen Lieder
habe auch ich bei der CBM
gelernt, 1957/58, in Isfahan, wo man mich
lesen und schreiben lehrte, schriftlich rechnen und das Formen mit Ton. Auf
einer mit
Vertiefungen, erhabenen Punkten und Linien
dargestellten Landkarte an der Wand ertastete ich die Geographie meiner Heimat.

Für mich war das karg eingerichtete
Haus nur eine Station auf der Reise nach Deutschland; für meine Mitschüler,
rund 60 Schwerstbehinderte,
die die Schulleitung buchstäblich von der
Straße aufgesammelt hatte, bedeutete es Herberge, Zuhause und Heimat zugleich.
Die meisten
Klassenzimmer dienten nachts als Schlafsaal.
Auf dem Boden breiteten die Bewohner ihre Matratzen aus und fühlten sich darauf
wie Könige.
Sie hatten das Pech, in einer Weltregion
behindert geboren worden oder später behindert geworden zu sein, in der die
analphabetische und
unwissende Mehrheit des Volkes das Gebrechen
als Gottesstrafe für die Verfehlungen der Angehörigen und Betroffenen ansieht.
Doch hatten sie
das Glück, in einer Einrichtung aufgenommen zu
werden, in der man sie menschlich behandelte. Sie brauchten nicht mehr wie
Millionen andere
mit gleichem Schicksal im Straßengraben, in
den Hauseingängen oder verwahrlosten Ruinen zu schlafen; mußten nicht mehr um
ein Stück Brot
oder ein paar Groschen betteln, die ihnen oft
genug andere gesunde, aber durch Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger völlig
heruntergekommene
Menschen mit Gewalt oder heimlich wegnahmen.
Sie bekamen Elementarunterricht und wurden in einfachen handwerklichen
Tätigkeiten wie
Bürsten- und Besenbinden, Korb- und
Mattenflechten ausgebildet. So besehen, gehörten sie zu den privilegierten
unter ihresgleichen.
An 1000 Einsatzplätzen in 96 Ländern
betreuen die rund 5000 hauptamtlichen Beschäftigten der Mission, darunter
Augenärzte,
Krankenschwestern, Optiker, Lehrer und
Handwerker, etwa 40 000 Blinde, körperlich oder geistig Behinderte oder
Leprakranke. Dazu sind
jährlich fast 80 Millionen Mark erforderlich,
die allein durch private Spenden aufgebracht werden. Nach Schätzungen der
Weltgesundheitsbehörde leben mehr als 500
Millionen behinderter Menschen auf der Erde, 400 Millionen davon unter
menschenunwürdigen
Verhältnissen in den Entwicklungsländern. Die
Zahl der blinden Behinderten wird auf rund 50 Millionen geschätzt, von denen
die meisten in
den Ländern der Dritten Welt ebenfalls ein
tristes Dasein fristen. Durch Hygiene, Gesundheitsvorsorge und entscheidend
bessere medizinische
Versorgung könnten nach Auffassung des
'Deutschen Komitees zur Verhütung von Blindheit' 60 bis 80 Prozent der
Nichtsehenden in den
unterentwickelten Ländern dieses Schicksal
erspart werden. Doch scheint sich keine staatliche Stelle in diesen Ländern
ernsthaft um diese
Probleme zu kümmern. Viele Regierungen
überlassen ihre schwerstbehinderten Bürger sich selbst.
Ohne die Arbeit von
Privatorganisationen wie die CBM, Misereor oder das deutsche Komitee zur
Verhütung von Blindheit würde vielleicht kein
Schwerstbehinderter in der Dritten Welt je aus
dem Bettlerdasein herauskommen. Auch wenn sich das Wirken dieser Einrichtungen
im Hinblick
auf die große Zahl wie der berühmte Tropfen
auf den heißen Stein ausnimmt - es ändert sich die Lage derer, die den Tropfen
bekommen, doch
zum Positiven. So findet ein 25jähriger
blinder Inder, der mit Hilfe der CBM zum Kerzenmacher ausgebildet wurde, in
seinem Heimatdorf sein
Auskommen; arbeitet die durch die Folgen von
Kinderlähmung stark behinderte Naomi Kiragu aus Kenia heute als Optikerin in
einem Hospital;
konnte der Burmese Thein Lwin - 18jährig
verlor er durch eine Explosion im Schullabor das Augenlicht und eine Hand - das
Gymnasium
abschließen und studieren. Heute leitet er die
'Christliche Blindenvereinigung' Burmas.
Der Nachmittag ist vorbei. Die
Veranstalter bedanken sich bei mir besonders herzlich, weil sie mich als einen
der wenigen Journalisten unter
den Gästen entdeckt haben. Sie wissen nicht,
daß auch ich einen wichtigen Teil meiner Entwicklung der Arbeit ihrer
Organisation verdanke.
Gern hätte die CBM ihr Jubiläum auch in der
Isfahaner Blindenschule gefeiert. Doch die Machthaber in Iran haben die
Einrichtung vor zwei
Jahren geschlossen, weil sie von Christen
geleitet wurde. Lieber sollten die Behinderten auf der Straße enden, als daß
sie ihr islamisches
Seelenheil an Ungläubige verlieren. Ich schäme
mich für meine ehemaligen Landsleute.
KEYVAN DAHESCH
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