Auf den ersten Blick sieht es im
Probenraum in der Kalkscheune aus
wie bei einem gewöhnlichen Orchester.
Stühle werden ratternd über den
Boden gezogen, das Schlagzeug klappert aufgeregt
und die zahlreichen
Geigen jaulen wild durcheinander, als sie gestimmt werden.
Dann
jedoch fällt das Sprachengewirr auf: Neben
Englisch und Deutsch sind
polnische, schwedische, spanische und italienische
Gesprächsfetzen zu
hören. Doch viel Zeit bleibt nicht. Die
Musiker sind alle erst vor
wenigen Stunden in Berlin angekommen und haben nur
vier Tage, um die
Stücke bis zum Konzert gemeinsam zu
proben.
«Wir wollen aber nicht einfach nur
Musik spielen», erklärt der
Direktor des Sozialmedizin-Instituts der Berliner
Charité, Stefan
Willich, der 2007 einen weltweiten Aufruf startete
und die
internationale Gruppe gründete. «Mit
dem Orchester wollen wir das
Bewusstsein dafür wecken, dass es in vielen
Gegenden der Welt keine
ausreichende medizinische Versorgung
gibt.»
Deswegen nehmen sich die musizierenden Mediziner
für die
gemeinsamen Konzerte nicht nur Urlaub und zahlen
auch selbst für ihre
Flüge, Unterkünfte und Verpflegung,
sondern spenden auch ihre
Konzerteinnahmen. Mit dem bevorstehenden Konzert
beispielsweise
werden ein Hilfsprojekt in einem
südafrikanischen Township und das
Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer
aus der ganzen Welt
unterstützt.
In dem World Doctors Orchestra sind nicht nur alle
gängigen
Instrumente, auch fast alle Fachrichtungen
vertreten: von Internisten
über Orthopäden bis hin zu Neurologen.
Doch viel Zeit zum gemeinsamen
Spiel haben die Medizin-Musiker nicht. Die meiste
Zeit des Jahres
behandeln sie Patienten in ihren Praxen oder
operieren in Kliniken.
Etwa sechs Wochen vor einem Konzert schickt
Willich, der Dirigent des
Orchesters ist, die Noten an alle Spieler.
«Sie üben dann zu Hause
ihren eigenen Part», berichtet der
49-Jährige. Erst vier Tage vor
einem Konzert treffen sie sich und proben die Stücke
gemeinsam.
«Das ist sehr aufregend», erzählt
Willich. Immerhin könne man erst
dann merken, was gut klappe und was nicht. Das kann bei so
anspruchsvollen Stücken - wie sie mit Mahlers
fünfter Symphonie und
Mozarts Sinfonia Concertante jetzt auf dem
Programm stehen - ziemlich
stressig werden. Doch die Mediziner müssen nicht nur unter
Hochdruck
proben. «Es ist auch faszinierend zu sehen, wie sich dabei
Menschen,
die - wie zum Beispiel Chefärzte - im Beruf
sonst häufig
Einzelkämpfer sind, problemlos in die Gruppe
einfügen.»
Der Hauptgrund für dieses
Engagemnet ist, dass die Ärzte alle mit
Enthusiasmus dabei sind. Schließlich haben
die meisten nicht nur
Medizin studiert, sondern auch eine lange
Musikerkarriere hinter
sich. Willich beispielsweise spielt seit seiner
Kindheit Geige und
studierte einige Jahre lang Musik. Auch die
anderen Mediziner spielen
seit Jahren ein Instrument, deswegen erreichen die
Musikamateure auf
ihren Konzerten ein überraschend hohes
Niveau. Das hat sich
herumgesprochen: Im Frühjahr wurden sie
bereits im US-amerikanischen
Cleveland bejubelt, für 2010 plant das
Orchester Konzerte in Armenien
und Taiwan.
(Internet: www.world-doctors-orchestra.org