Süddeutsche Zeitung POLITIK Mittwoch,
8. Juni 2005
Das Streiflicht
(SZ) Am Anfang wundert man sich. Dann
lächelt man, dann lacht man. Bis einem eines Tages das Lachen vergeht. Weil aus
dem Spaß ein Wahn, ein
Massenwahn geworden ist. Dann muss man sich entscheiden:
zwischen dem Mitmachen und dem Widerstand. Manchmal hört so ein Wahn auch
wieder
auf, mit den Hula-Hoop-Reifen ist es so
gewesen. Mit den Handys ist es leider nicht so, sie werden uns quälen bis ans
Ende unserer Tage.
Jeder tut es, und wer es nicht tut, ist
beinahe schon tot. Der ist nur noch ein armes Gespenst aus lange vergangenen,
unbegreiflichen,
handyfreien Zeiten.
Heute morgen haben wir uns Gehstöcke
gekauft. Daran ist, wie an fast allen Torheiten dieser Welt, eine tolle Frau
schuld: Ulla Schmidt,
unsere Gesundheitsministerin. Zugegeben,
bisher fanden wir sie eher tüchtig und bieder als direkt cool und
charismatisch, aber dieses Foto
in der Morgenzeitung hat uns die Augen weit
geöffnet. Ein Bild, in dem sich Anmut und Tatkraft wundersam verbinden, und
daran sind, neben
der flotten Ponyfrisur der hohen Dame, der
schicken Sonnenbrille, der schäfchenweißen Sommerjacke und den weiten, lustig
im Winde wehenden
Ministerhosen, eben diese beiden Gehstöcke
schuld. Ulla Schmidt beim Nordic Walking – und wir auf ihren Spuren! An ihren
Fersen. So viele
Trends haben wir verpasst und verschnarcht,
das wird uns diesmal nicht passieren! Diesmal sind wir, wenn schon nicht bei
den Ersten, so
doch immerhin nicht bei den Letzten. Und siehe
da, das nordische Wunder, es funktioniert: Ein paar schwungvolle Schritte nur,
ein paar
kräftige Stockstöße, und eine bisher
unbekannte Hochstimmung macht sich breit. Eben noch fühlte man sich verzagt und
feige, nun ist man zu
beinahe jedem Abenteuer bereit. Ja, es könnte
jetzt sogar geschehen, dass man die voranstürmende Ministerin einholt und sie
auf klassische,
auf nahezu faustische Weise anspricht: Frau
Ministerin, darf ich wagen . . . ? Ganz und gar unvorstellbar, so eine Szene in
unserem
früheren, stocklosen, trostlosen Leben!
Und der Wahnsinn geht weiter! Schon
legen sich die ersten Deutschen mit den Stöcken schlafen. Schon bringen sich
die ersten Leitartikler,
auf den Redaktionsfluren wandelnd und walkend,
nordisch-rhetorisch in Schwung. Schon gibt es Pläne, wie man auch das
Fahrradfahren (Nordic
Biking) durch den gekonnten Einsatz von
Stöcken dynamisieren könnte. Schon versuchen die ersten Kapellmeister, statt
mit einem Taktstock
mit zwei Gehstöcken zu dirigieren – die
Ergebnisse sind vielversprechend, auch wenn es hier und da zu Verletzungen des
Primgeigers gekommen
sein soll. Kurzum: Mit Deutschland geht es,
wenn schon nicht aufwärts, so doch endlich wenigstens vorwärts. Und bald schon
werden wir
sagen: Es ist geschafft, ganz Deutschland geht am Stock.