«Ich wollte keine
Suppenküche machen», erklärt Annelore
Ressel,
die als Vorsitzende der Hildesheimer Tafel das
Kinderrestaurant ins
Leben gerufen hat. Laut einer aktuellen Studie des
Kinderhilfswerks
Unicef hat sich Kinderarmut in Deutschland seit
1989 mehr als
verdoppelt. Inzwischen gilt jedes zehnte Kind in
Deutschland als arm.
Und so gibt es für die Kinder im neu eröffneten Restaurant
die
Möglichkeit, für 1,50 Euro zu Mittag zu
essen sowie für 50 Cent zu
frühstücken. Das Essen stammt aus den
gespendeten Lebensmitteln der
Tafel, angeboten wird gesunde Kost.
Aber im Hildesheimer Kinderrestaurant sollen die
Kinder nicht
einfach nur verpflegt werden. «Ich will nicht nur den
Magen öffnen.
Das Essen ist ein Schlüssel zu dem Tor, das
ich öffnen möchte»,
erklärt Ressel. Sie will den Kindern
eigentlich selbstverständliche
Benimmregeln beizubringen, die bei vielen Kindern
heute alles andere
als selbstverständlich seien: «Dazu gehört, dass die
Kinder am Tisch
sitzen bleiben, bis der letzte aufgegessen hat.» Sie
müsse auch
jedesmal zu Beginn des Essens erklären, wozu
die Servietten auf den
Tischen da sind: «Es gibt Kinder, die damit
wirklich nichts anfangen
können.»
Die 13-jährige Sabriye ist
zum zweiten Mal mit ihrer Klasse ins
Kinderrestaurant gekommen. Bei ihr zu Hause gibt
es morgens kein
Frühstück: «Wenn ich zur Schule
gehe, schläft meine Mutter noch.» Und
so kann sich Sabriye gut vorstellen, demnächst mit ihren
Freundinnen
öfter ins Kinderrestaurant zu gehen.
Weil es in armen Familien oft
keine regelmäßigen Mahlzeiten gibt,
seien diese Kinder zusätzlich benachteiligt, ist Ressel
überzeugt.
Schließlich leide langfristig auch die
Leistung in der Schule, wenn
die Kinder etwa hungrig in die Schule gehen. «Dabei sind
Kinder, die
per Zufall der Geburt in ein armes Elternhaus
geboren wurden, ja
nicht per se dümmer. Dadurch wird in unserer
Gesellschaft ein großes
Potenzial vergeben.»
Das Hildesheimer Kinderrestaurant ist laut Ressel
ein bislang auch
deutschlandweit einmaliges Projekt. Zwar gibt es
auch in anderen
Städten bereits Tafeln, die warme Mahlzeiten
für Kinder anbieten,
etwa in Berlin oder Leipzig. Ressel möchte
aber in ihrem Restaurant
nicht nur bedürftige Kinder begrüßen, sondern
Angehörige aller
Gesellschaftsschichten: «Mit diesem Konzept
sind wir die ersten.»
Durch die zentrale Lage in der Nähe mehrerer
Schulen sollen Kinder
aus unterschiedlichen Stadtteilen angelockt
werden. «Es gibt viel zu
wenig Kontakt zwischen Kindern unterschiedlicher
Schichten. Das will
ich ändern.»
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