Berliner Blindenschule wird 200 - bundesweit älteste Einrichtung
Von Aliki Nassoufis, dpa
Berlin (dpa)
Die elfjährige
Viktoria sitzt an ihrer Schreibmaschine und tippt
englische Vokabeln auf Karteikarten. «'Why'
heißt 'Warum' und 'Who' ist 'Wer', sagt sie
stolz. Doch als sie die erste Karte aus der Maschine holt, stehen dort
keine Buchstaben, sondern kleine Punkte - Blindenschrift. Denn Viktoria
kann nicht sehen, sie ist seit ihrer Geburt blind. Zusammen mit rund 140
anderen Kinder besucht sie die Johann-August-Zeune-Schule in Berlin, die
in der kommenden Woche (14.9.) ihren 200. Geburtstag feiert und damit
die erste und älteste Blindenschule Deutschlands ist.
Die Gründung der Berliner
Blindenschule im Herbst 1806 war einem Franzosen zu verdanken. Valentin
Hauy, der in Paris bereits seit 22 Jahren eine Blindenanstalt
führte, machte auf seiner Reise nach St.
Petersburg einen Zwischenstopp in Berlin. Dort traf
er zufällig den Gymnasiallehrer Johann August Zeune und fasste mit
ihm den Entschluss, auch in dieser Stadt eine Blindenschule
einzurichten.
Damals erblindeten die Menschen noch wegen
kleinster Infektionen der Augen und mussten für ihren Broterwerb
meist betteln gehen.
Das sollte sich mit der Gründung der Schule
ändern. Zeune war davon überzeugt, dass
Blinde entgegen der öffentlichen Meinung durchaus
zur Schule gehen konnten. Er sollte Recht behalten. 1806 fing der
28-Jährige in seiner Privatwohnung mit nur einem Schüler
an.
Einige Jahre später musste er in ein
größeres Gebäude umziehen, um die dutzenden Kinder und
Jugendlichen unterrichten zu können, die zu ihm kamen.
Heute leben in Deutschland nach
Angaben des Blinden- und Sehbehindertenverbandes rund
145 000 Blinde und mehr als 500 000 sehbehinderte Menschen.
Die meisten von ihnen sind älter als 60 Jahre, doch mehr als
10 000 sind jünger als 18 Jahre und werden in den bundesweit
rund 50 Blindenschulen unterrichtet.
Eine von ihnen ist die Johann-August-Zeune-Schule.
Die Klassen 1 bis 13 sind auf einem Gelände
vereint. Auf dem Schulhof laufen Kinder umher, aus dem Musikraum ist ein
Klavier zu hören und in den Klassenräumen sitzen die
Schüler an Computern und üben Mathe, Physik und Deutsch.
«Wir folgen in allen Fächern dem regulären
Rahmenlehrplan, der auch für alle anderen Schulen in Berlin
gilt», sagt der Schulrektor Thomas Kohlstedt. Daher sind die
Abschlüsse von dieser Einrichtung auch gleichwertig mit denen
anderer Schulen.
Vor allem aber ist Kohlstedt wichtig, dass seine
Schülerinnen und Schüler selbstständig
sind. «Wir wollen die Kinder hier nicht in einem geschützten
Bereich halten - sie sollen sich in der Welt da draußen gut
zurechtfinden.» Deswegen lernen die Kinder auch Kochen, Schwimmen
und das Surfen im Internet. Zum einen müssen die Kinder mit ihrer
Behinderung klar kommen. Gerade, wenn sie sehend zur Welt gekommen und
erst im Laufe der Jahre erblindet sind, müssen sie ihre Situation
psychisch verarbeiten. Hinzu kommt, dass sie mit den normalen
Schulfächern und den Übungen für das alltägliche
Leben doppelt belastet werden.
Die meisten Kinder der Schule kommen gut mit ihrer
Behinderung zurecht. Sie albern herum, sobald ihre
Lehrerin einen Augenblick nicht aufpasst und nutzen wie
die kleine Viktoria jede Gelegenheit zum Reden. Als die große
Pause beginnt, stürmen die Schüler aus den Klassen und tasten
sich an den Wänden oder am Geländer in Windeseile über
die Gänge.
Damit dabei alles glatt läuft, gibt es eine
einfache Regel: Jeder geht auf der rechten Seite. An
diesem Tag hat es aber ein blinder Schüler besonders eilig und
stürmt auf der anderen Seite den Gang entlang - und
stößt mit einem sehbehinderten Mädchen zusammen. Die
erschrickt kurz, ruft dann aber wütend: «Guck doch hin, wo Du
hinläufst!»
(Internet: Johann-August-Zeune-Schule:
www.blindenschule-
berlin.de; Deutscher Blinden- und
Sehbehindertenverband:
www.dbsv.org)
dpa iki yybb ia