Blinde lernen das Surfen im
Internet
Von Keyvan Dahesch, dpa
(Mit Bild MUN001) =

Saulgrub (dpa/lby) - Edgar Eisenmann gibt im
PC www.bundestag.de ein und bestätigt mit der
Eingabetaste. Zehn Sekunden später hört der vor zwölf Jahren allmählich
erblindete Mann von einer künstlichen Stimme gut verständlich in seinem
Kopfhörer: «Herzlich willkommen auf der Homepage des Deutschen Bundestages.»
Dann lässt er sich mit einer Tastenkombination die Links auf dieser Seite per
Kopfhörer vorlesen und wählt das gewünschte Thema aus. Wie der 40-jährige
Eisenmann aus der Nähe von Kreuzberg in der Röhn ließen sich sechs weitere
nichtsehende oder stark sehbehinderte Frauen und Männer im oberbayerischen
Saulgrub das Surfen im Internet beibringen.
Kursleiter Werner Krauße aus Metten bei
Deggendorf zeigt ihnen im
Kur- und Begegnungszentrum
für Blinde und Sehbehinderte, wie sie mit diversen Tastenkommandos Webseiten
finden und sich darauf zurechtfinden können. Der 60 Jahre alte Diplom-Pädagoge,
der 1964 durch einen Unfall seine Sehkraft verlor, hat sich die umfassenden
EDV-Kenntnisse hauptsächlich selber angeeignet. Geduldig erklärt er die
Handhabung der Hilfsmittel und Programme zum Schreiben, Lesen, Senden und
Empfangen von E-Mails sowie die Benutzung des Internet.
«Wer die Blindenschrift nicht kann, muss
sich von der synthetischen Stimme alles ansagen lassen, was er in den PC
eingibt oder dort findet», beschreibt Krauße. Viel schneller kämen jene
zurecht, die den Bildschirminhalt auch auf der elektronischen Zeile unterhalb
der PC-Tastatur in Blindenschrift lesen können.
Obwohl Eisenmann als gelernter Maurer nicht
das notwendige «Fingerspitzengefühl» zu haben glaubte, hat er die aus sechs oder
acht Punkten bestehende Blindenschrift gelernt. Das gilt auch für die
38-jährige Claudia Ramer aus Bamberg. Die vor neun Jahren erblindete
Hauswirtschaftsleiterin und Hotelfachfrau aus Bamberg hat trotz Behinderung
auch eine Ausbildung zur Public-Relations-Assistentin absolviert. Heute hilft
die Mutter eines vier Jahre alten Sohnes ehrenamtlich ihrem Mann als
Bezirksgruppenleiter des Bayerischen
Blinden- und
Sehbehindertenbundes in Bamberg. «Das Netz der Netze ist auch für uns blinde
Menschen eine immer wichtiger werdende Hilfe und deshalb übe ich hier den
Umgang damit», sagt Ramer.
Neben den Angaben über die frisch gewählten
Bundestagsabgeordneten, die leicht zu finden sind, blättert die Gruppe unter
anderem in den Webseiten von Stiftung Warentest und sucht unter SChätze der Welt
Daten über die Länder, Denkmäler und andere sehens- und hörenswerte Schätze der
Welt. «Diese Auftritte sind barrierefrei, das heißt, sie können auch von
Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen genutzt werden», sagt Krauße.
Da die Menschen im Alter auch sehschwächer
würden, müssten nicht nur öffentliche Einrichtungen, sondern auch Privatfirmen
ihre Webseiten für alle Menschen nutzbar anbieten, fordert der EDV- Fachmann.
Dazu müssten die Überschriften und Links deutlich kenntlich gestaltet, Bilder
und Grafiken mit einem Text beschrieben und selbstauslösende Links vermieden
wären. «Sehende Menschen können mit einem Mausklick zu allen gewünschten
Stellen kommen. Blinde müssen sich für jede Aktion im Internet eine
Tastenkombination merken», sagt Krauße.
Mit Angeboten wie diesem Kurs, speziellen
Modenschauen oder Lehrgängen für blinde Computereinsteiger oder
Hobbyprogrammierer von Internetseiten zieht das Kur- und Begegnungszentrum des
Bayerischen
Blinden- und
Sehbehindertenbundes in Saulgrub blinde Urlauber aus dem gesamten Bundesgebiet,
Österreich und der Schweiz an. Das 1962 gegründete Zentrum ist heute nach
Einschätzung der Leiterin Marianne Eckert die modernste Einrichtung dieser Art
in der Bundesrepublik. «Wir versuchen, das Haus ständig den neuen
Erfordernissen anzupassen.» dpa fm yyby dw
200430 Nov 05