Das scheue Wort 

Es war ein scheues Wort. 

Das war ausgesprochen 

Und hatte sich sofort 

Unter ein Sofa verkrochen. 

Samstags, als Berta das Sofa klopfte, 

Flog es in das linke, verstopfte 

Ohr von Berta. Von da aus entkam es. 

Ein Windstoß nahm es, 

Trug es weit und dann hoch empor. 

Wo es sich in das halbe, bange 

Gedächtnis eines Piloten verlor. 

Fiel dann an einem Wiesenhange 

Auf eine umarmte Arbeiterin nieder, 

Trocknete deren Augenlider. 

Wobei ein Literat es erwischte 

Und, falsch belauscht, 

Eitel aufgebauscht, 

Mittags dann seichten Fressern auftischte. 

Und das arme, mißbrauchte, 

Zitternde scheue Wort 

Wanderte weiter und tauchte 

Wieder auf, hier und dort. 

Bis ein Dichter es sanft einträumte, 

Ihm ein stilles Palais einräumte. – – 

Kam aber sehr bald ein Parodist  

Mit geschäftlich sicherem Blick, 

Tauchte das Wort mit Speichel und Mist 

In einen Aufguß gestohlner Musik. 

So ward es publik. 

So wurde es volkstümlich laut. 

Und doch nur sein Äußeres, seine Haut, 

Das Klangliche und das Reimliche. 

Denn das Innerste, Heimliche 

An ihm war weder lauschend noch lesend 

Erreichbar, blieb öffentlich abwesend. (Joachim Ringelnatz) 

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