STADT FRANKFURT AM MAIN
WOCHENDIENST VOM 18. OKTOBER 2005
Dialog im Dunkeln
Neues Museum in der Hanauer
Landstraße entführt in die Welt der Blinden
Eine in der Main-Metropole
geborene Idee kehrt nach Jahren zurück und wird hier dauerhaft realisiert.
Sehende versetzen sich in die Lage von Blinden: In sechs Erlebnisräumen können
die Besucher den Alltag der Menschen ohne Augenlicht nachvollziehen. Beim
Dialog im Dunkeln gibt es nichts zu sehen, aber allerlei zu hören, fühlen,
riechen und zu schmecken.
Frankfurt am Main
(pia/18.10.05) Eine Gruppe junger Frauen und Männer. Nervös spielen sie mit den
weißen Stöcken, die sie an der Kasse bekommen haben. „Gehen sie bitte um die
Kurven und lassen Sie sich nicht durch das abnehmende Licht verunsichern. Wenn
Sie nichts mehr sehen, werden Sie von unseren blinden Kolleginnen und Kollegen
angesprochen und sicher durch die Räume geführt“, sagt ihnen die Kassiererin.
Etwa so dürfte es ab November an der Kasse des Dialogmuseums zugehen, wenn sich
Kinder, Frauen und Männer zum ersten Mal für ein paar Stunden in die Welt der
blinden Menschen entführen lassen wollen.
Die Idee kam dem Leiter des
Dokumentarischen Instituts der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt, Andreas
Heinecke, 1987, als dort einige blinde Frauen und Männer zu wissenschaftlichen
Dokumentarinnen und Dokumentaren für Rundfunk und Zeitungen ausgebildet wurden.
„Wie wär’s, wenn wir alle, die uns nach Fähigkeiten und Leistungen nichtsehender
Menschen fragen, für kurze Zeit in die Lage dieser Menschen versetzen“, dachte
Heinecke. So wurde als Test an einem Nachmittag ein Raum total abgedunkelt und
die Gäste von einem blinden Menschen dort hin geführt. Sie fühlten Tische und
Stühle, bekamen Kaffee und Kuchen, den sie im Dunkeln verzehrten.
Nach der unerwartet
positiven Resonanz entwickelte die Stiftung Blindenanstalt aus der Idee das
Projekt „Dialog im Dunkeln“. Die mehrwöchige Präsentation im Sommer 1990 im
Künstlerhaus Mousonturm übertraf alle Erwartungen: „Schulklassen,
Betriebsausflüge, Touristengruppen, Vereine wollten zum „Dialog im Dunkeln“,
bei dem es nichts zu sehen, aber allerlei zu hören, fühlen, riechen und zu
schmecken gab“, sagt Andreas Heinecke. Daraufhin entschloss sich der promovierte
Germanist, die Ausstellung weltweit zu präsentieren. Er kaufte die Rechte von
der Stiftung Blindenanstalt und veranstaltete „Dialog im Dunkeln“ seitdem in
100 Städten Europas, Amerikas, Afrikas und Asiens mit gleichem Zuspruch wie in
der Mainstadt.
Nun soll die Ausstellung als
Teil des Dialogmuseums, das Anfang Dezember seine Tore öffnen wird, einen
Dauerplatz in Frankfurt bekommen. Markenzeichen des Museums in der Hanauer
Landstraße 139-145, einem aufstrebenden Viertel im Osten der Stadt, sind unterschiedliche
Angebote rund um die Themen Kommunikation und Wahrnehmung. Der Parcours für
„Dialog im Dunkeln“ ist auf einer Fläche von 500 Quadratmetern angelegt. In
sechs Erlebnisräumen können die Besucherinnen und Besucher den Alltag der
Menschen ohne Augenlicht nachvollziehen. Ein Park mit Bäumen, unebenen
Sandböden, Sitzbänken und einem Holzsteg unterscheidet sich kaum von gleichen
Anlagen in der Natur. Ein anderer Raum vermittelt die Atmosphäre einer
Innenstadt mit verwirrenden Straßengeräuschen, unübersichtlichen Übergängen,
vorbeifahrenden Fahrzeugen usw. Im Klangraum hört man nicht nur diverse
Geräusche, sondern nimmt durch Bodenvibrationen auch musikalische Eindrücke
wahr. „Die Methode hat sich in der Gehörlosentherapie bewährt“, sagt Klara
Kletzka, Geschäftsführerin des Dialogmuseums.
Neben „Dialog im Dunkeln“
bietet das Dialogmuseum zunächst zweimal in der Woche ein Restaurant an, das
ebenfalls die Dunkelheit als Medium nutzt. Motto: „Taste of Darkness“. Gereicht
wird ein Überraschungsmenü, das von blinden Servicekräften im Dunkeln serviert
wird. „Mit dieser Art kulinarischer Reise möchten wir eine Gruppe erreichen,
die sich weniger von der pädagogischen Botschaft als von dem Wunsch nach einem
ungewöhnlichen Erlebnis angesprochen fühlt“, erklärt Andreas Heinecke. Das
dritte Angebot des Dialogmuseums heißt Casino for Communication. Im nicht
abgedunkelten „KommunikationsCasino“ sollen die Besucherinnen und Besucher an
neun Feldern und Tischen spielerisch ihre kommunikativen Fähigkeiten und
Talente entdecken und erproben. Dabei legt ein Spieler eine Augenbinde an. Sein
Gegenüber beschreibt ihm beispielsweise ein unfertiges Modell eines Bauwerks
auf dem Tisch. Der Spieler unter der Augenbinde muss nun Anweisungen geben, wie
das Werk zu vollenden ist.
Das Dialogmuseum in
Frankfurt beseitigt auf künstlerische Art und Weise Mauern zwischen Menschen
mit und ohne Behinderungen und schafft zudem mindestens 30 wirtschaftlich
vollwertige Arbeitsplätze für behinderte Menschen. Und wie an vielen Orten, an
denen „Dialog im Dunkeln“ längere Zeit veranstaltet wurde, haben auch in der
Main-Metropole Wirtschaftsrepräsentanten schon den Wunsch angemeldet, ihre
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dunkeln in der Kunst der Kommunikation
trainieren zu lassen. Hier können sie ohne optische Ablenkung ihre verbalen
Fähigkeiten testen. Denn: „Wer da nicht spricht, existiert nicht“, sagt Andreas
Heinecke.
Keyvan Dahesch
„Dialog im Dunkeln“ kann man
ab Mitte November besuchen. Mit dem gesamten Angebot steht das Dialogmuseum für
Besucherinnen und Besucher Anfang Dezember nach der feierlichen Eröffnung durch
die Oberbürgermeisterin Petra Roth als Schirmherrin bereit. Informationen unter
der kostenlosen Hotline: 0700 - 44 55 60 00 Internet: www.dialogmuseum.de