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(SERIE LANDSLEUTE)
«Ich bin ein absoluter
Hörmensch» - Blinde Staatsanwältin ermittelt Von Jasper Rothfels, dpa (Mit
Bildern MNZ001/002 vom 7.8.) =

Frankenthal (dpa/lrs) - Wenn Staatsanwältin
Kerstin Sauer ihre Akten studiert, dann macht sie das anders als ihre Kollegen.
Denn Kerstin Sauer ist blind. Das hält die 41-Jährige jedoch nicht davon ab, im
pfälzischen Frankenthal mit Freude und Eifer ihrem Beruf nachzugehen. Besonders
gerne mag sie die Gerichtsverhandlungen. «Das ist das Salz in der Suppe», sagt
die schlanke blonde Frau. «Sonst hätte ich den Job nicht angenommen.» Sie ist
nach eigenen Angaben eine von zwei blinden Staatsanwältinnen in Deutschland.
Die geborene Niedersächsin war nicht immer
blind. Sie leidet an einer angeborenen Augenkrankheit, die die Netzhaut des
Auges zunehmend lichtundurchlässig macht. Als Jugendliche konnte sie noch sehen
und besuchte auch Schulen für Nichtbehinderte. Nicht überall fühlte sie sich
gut aufgehoben. Nachdem sie Abitur gemacht hatte, begann sie eine kaufmännische
Ausbildung, auf die ein Jurastudium folgen sollte. Der Arzt riet ihr jedoch,
wegen der Krankheit bald zu studieren. Also brach sie die Ausbildung ab und
begann in Hannover mit dem Studium, das sie nach fünf Jahren abschloss.
Weil ihr damaliger Freund und heutiger
Ehemann eine Stelle bei einem Pfälzer Chemieunternehmen bekam, absolvierte sie
ihr Referendariat in Frankenthal und machte dann das zweite Examen, mit dem die
Ausbildung endet. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich bereits mit ihrer
Blindheit abgefunden und ihre Brillen weggeworfen. «Dann wurde es richtig
interessant», erinnert sich die Juristin. «Versuchen Sie mal, mit meiner
Behinderung auf dem Arbeitsmarkt einen Job zu kriegen!» Kerstin Sauer gelang es
trotzdem, auch weil sich die Lage für Juristen nach dem Mauerfall entspannt
hatte. Sie arbeitete mehrere Jahre als Richterin und Staatsanwältin in
Niedersachsen. Dabei habe sie sich anfangs durchboxen und besser als
Nichtbehinderte sein müssen, sagt sie. 2002 gelang ihr endlich der lang
ersehnte Wechsel nach Frankenthal, für den sie sich vier Jahre lang beworben
hatte.
In Frankenthal ist Kerstin Sauer für ein
kleines Betäubungsmitteldezernat zuständig, außerdem für jugendliche, heranwachsende
und erwachsene Beschuldigte im Amtsgerichtsbezirk Bad Dürkheim. «Da kommt von
Schwarzfahren über Raub bis zum bewaffneten Raubüberfall alles vor», sagt sie.
Vor allem Jugendstrafverfahren mache sie gerne, weil man dabei noch etwas
bewirken könne.
Obwohl Kerstin Sauer Blindenschrift lesen
kann, arbeitet sie kaum damit. «Bei spät erblindeten Menschen ist es mit der
Punktschrift immer so eine Sache», sagt sie. «Ich kann sie, aber es dauert.»
Zudem würde ein Gesetzeswerk wie das BGB in Punktschrift 20 bis 30 Aktenordner
füllen. «Bei mir geht das Reingucken ein bisschen anders», scherzt die
41-Jährige. Sie hat eine Assistentin, die ihr die Akten vorliest. Das reicht
ihr. «Ich habe ein relativ gutes Gedächtnis», sagt sie bescheiden. Schon das
Studium hatte sie auf diese Weise bestritten - mit der Hilfe von Freunden oder
bezahlten Studenten.
«Ich bin ein absoluter Hörmensch», sagt die
Staatsanwältin. «Das Gehör ist mein absoluter Sinn.» Das helfe ihr auch bei der
Befragung von Verdächtigen. «Ich höre es an der Stimme, wenn einer nicht die
Wahrheit sagt», meint sie. «Man kann die Stimme weniger gut bewusst steuern als
Äußerlichkeiten.» Und auch für Stimmungen zwischen Menschen habe sie ein
besseres Gespür als mancher andere. Und wenn sie doch einmal etwas über
Äußerlichkeiten wissen wolle - etwa ob ein Verdächtiger Schweißperlen auf der
Stirn gehabt habe - könne sie immer noch die Assistentin fragen, die sie auch
zu den Prozessen begleitet. Auch dort gibt es Hilfsmittel. So werden in
Prozessen um Verkehrsunfälle die Szenen oft mit Spielzeugautos nachgestellt,
deren Position Kerstin Sauer ertasten kann.
«Meine Geschichte ist eine lebende
Erfolgsgeschichte», sagt die Juristin, die gerne mit ihrem Mann ausgedehnte
Fahrradreisen auf dem Tandem unernimmt. «Aber da stecken 30 Jahre harte Arbeit
dahinter.» Sie fordert, es müsse Alltag werden, dass Menschen mit Handicaps
genauso am Erwerbsleben teilnehmen können wie Nichtbehinderte. Bei vielen
Blinden sei dies nicht der Fall - sie seien arbeitslos oder würden irgendwie
mit bestimmten Maßnahmen beschäftigt. «Nur 15 Prozent sind in einem echten
Arbeitsverhältnis», sagt sie.

dpa jr yyrs rt
070415 Aug 05