Jutta Bossecker Kommentar: Es schreckt auf
Zu „Die Sadisten von
Hilchenbach“, Zeit-Online-Bericht von Sabine Rückert
vom 26.07.2010
Es schreckt auf, es ist unfassbar und doch ist es
geschehen, in unserer Mitte. Ob es nun in Hilchenbach
im Siegerland oder an einem anderen Ort geschehen wäre, es sind
Menschen unserer Gesellschaft, die diese Taten verübt haben. Auch
wir als Teil dieser Gesellschaft sind mitverantwortlich. Warum
können vier Mitarbeiter eines Bauhofs jahrelang unbemerkt einen
behinderten Mitarbeiter massiv und brutal quälen und exzessiver
körperlicher Gewalt aussetzen? Das Opfer war in diesem Falle Bernd
Decker und er schwieg sehr lange. Warum? Er stehe am unteren Ende der
Hackordnung.
Warum geraten Menschen, besonders benachteiligte,
behinderte Menschen immer noch ins Abseits und werden an den
Rand unserer Gesellschaft gedrängt und
ausgegrenzt?
Bernd Decker geriet sechsjährig unter einen
Wagen. Seine Behinderungen waren Folgen, die ihn
lebenslänglich beeinträchtigen. Schon in seiner Schulzeit
anfangs im Gymnasium, dann in der Realschule, so schreibt Sabine
Rückert wurde er von Mitschülern verspottet und
gehänselt. Während er dann in der Hauptschule erstmals Freunde
gewann. Dort habe jeder einen Fehler, zitiert Rückert das Opfer
Bernd Decker.
Vor über einem Jahr, am 26.
März 2009 wurde die UN-Behindertenrechtskonvention von Deutschland
ratifiziert, in der die Rechte behinderter Menschen gestärkt
wurden. Durch Barrierefreiheit und Assistenz soll die Teilhabe aller
Menschen am gesellschaftlichen Leben möglich werden. Dies fordert
ein Umdenken in der Gesellschaft. Nun steht nicht mehr die Integration
im Vordergrund sondern die Inklusion. Mit Inklusion soll zum Ausdruck
kommen, dass von Anfang an nicht ausgesondert und getrennt werden soll,
um später zu integrieren, sondern jeder nach seinen
Möglichkeiten gemeinsam lernen, arbeiten und selbstbestimmt leben
kann.
Wie wir bei Bernd Decker gehört haben, birgt das
gemeinsame Lernen auch Gefahren. Benachteiligte Kinder
und Jugendliche könnten ausgegrenzt und wieder „ganz unten in
der Hackordnung stehen“. Sie benötigen jedoch diesen
„normalen Umgang“ und Herausforderungen, aber auch Schutz,
Anerkennung und Erfolg. Erfolg und Anerkennung ist ein grundlegendes
Bedürfnis für jeden von uns. Dazu sind für diese Menschen
Mitschüler wichtig, wie Decker sagt „die mit Fehlern“,
Gleichgesinnte mit denen sich auf gleicher Augenhöhe gemessen
werden kann. Das Schulsystem so zu gestalten und zu formen, dass jedes
Kind mit seinen Möglichkeiten gefördert und gefordert wird,
wird eine große Herausforderung an uns alle werden.
Die UN-Konvention bietet ein gutes
Fundament für Verbesserungen. Auf ein Fundament baut man, das
sollten wir tun.
Jutta Bossecker, Mutter einer Tochter mit Lernschwierigkeiten
28.07.2010