Auszug aus DZ- Autor(en) : Keyvan Dahesch Erscheinungs-Datum : 9.10.2003
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Behinderte
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ESSAY Die EU hat
2003 zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen erklärt. Doch im
Vergleich zu Ländern wie den Vereinigten Staaten, Kanada oder Australien
müssen Behinderte in Deutschland immer noch um Anerkennung kämpfen. Um ihre
Gleichstellung in Beruf und Alltag durchzusetzen, ist ein
Anti-Diskriminierungsgesetz dringend nötig / In Festreden wird Behinderten
Gleichstellung versprochen. Ihr Alltag aber bleibt ein ständiger Kampf |
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Als er für die Nachfolge Helmut Kohls im Gespräch war, gab
der damalige CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble dem
stern ein Interview. Die Zeitschrift betitelte es mit der Schlagzeile: Ein
Krüppel als Bundeskanzler? Schäuble erklärte sich mit dieser Formulierung
ausdrücklich einverstanden. Es sei legitim, die Befähigung eines behinderten
Politikers für ein hohes Staatsamt auf diese Weise zu thematisieren.
"Diese Frage muss man stellen", meinte der seit 1990 durch ein
Attentat querschnittsgelähmte Politiker. Wie aber sieht es in Deutschland aus? Man muss gar nicht erst an die Nationalsozialisten und ihre Praxis der Zwangssterilisation und Ermordung als "minderwertig" eingestufter Menschen erinnern, um hierzulande eine unheilvolle Tradition der Verdächtigung und Ablehnung jeglichen Abweichens vom vermeintlich "Normalen" zu erkennen, die bis heute nicht ganz überwunden ist. Auch noch nach dem Ende des "Dritten Reichs" wurden Menschen mit Behinderungen in der deutschen Gesellschaft als "leistungsgemindert" abgewertet, abgesondert und an den Rand gedrängt. Man denke nur an die Entscheidungen deutscher Gerichte, die allein die Anwesenheit und den Anblick schwerstbehinderter Menschen als "Urlaubsfreuden mindernd" bewerteten und den Klägern Schadensersatz zugesprochen haben. Einer Gruppe geistig Behinderter wurde das Aufenthaltsrecht in ihrem eigenen Garten eingeschränkt, weil sich Nachbarn von der "Andersartigkeit ihrer Unterhaltung" gestört fühlten. Vorrang für die KriegsverletztenAn der bis heute fortdauernden Tendenz zur Ausgrenzung
haben auch die häufig bewunderten Leistungen von Millionen Menschen, die im
Krieg blind, taub oder beides wurden, von Menschen, die Beine und Arme
verloren haben, nichts Grundsätzliches ändern können. Bis 1974 konzentrierten
sich die Bundesregierung und die meisten Landesregierungen darauf, die
materiellen Nöte der Kriegsverletzten zu lindern. Gehandikapte Menschen, die
der NS-Todesmaschinerie entkommen waren, wurden von der Politik übergangen.
Gleiches galt erst recht für jene, die nach 1945 mit einer Behinderung
geboren wurden oder durch Krankheit oder Unfall zu Behinderten geworden
waren. Ihren Nachteil durch eine der Unterstützung von Kriegsopfern analoge
Hilfe auszugleichen, so hieß es, würde die öffentliche Hand überfordern. So
blieben die Behinderten sich selbst und der Fürsorge ihrer Angehörigen oder
privater Hilfsorganisationen überlassen. Auf Inspiration von außen angewiesen"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt
werden." - Erst seit 1994 steht diese Ergänzung in Artikel 3 des
Grundgesetzes, dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz. Zu konkreten Schritten,
diese Vorgabe mit Leben zu füllen, kam es aber erst nach dem
Regierungswechsel 1998. Das IX. Sozialgesetzbuch vom Juli 2000, welches das
Eingliederungsgesetz von 1974 ablöste, ist unter Beteiligung behinderter
Menschen entstanden und enthält wirksamere Regelungen als sein Vorgänger.
Doch nach wie vor hapert es bei der bürgerfreundlichen und unbürokratischen
Anwendung seiner Bestimmungen. Mit Verhältnissen wie in Kanada und
Australien, wo öffentliche Gebäude und Verkehrsmittel so gestaltet werden,
dass sie für alle Menschen gleichermaßen erkennbar, erreichbar und benutzbar
sind, lassen sich die Zustände bei uns, aber auch in anderen europäischen
Ländern noch lange nicht vergleichen. Durch die konsequente Anwendung des Americans with Disabilities Act (ADA) vom 26. Juli 1990 wurde den rund 50 Millionen in den USA lebenden Menschen mit Behinderungen die Teilhabe an allem gesellschaftlichen Geschehen ermöglicht. Dadurch wurden ganz nebenbei jährlich bis zu 200 Milliarden Dollar zusätzlich in den Wirtschaftskreislauf gebracht. In den USA werden sogar Universitätsvorlesungen in Gebärdensprache gehalten, was gehörlosen Menschen ein höheres Bildungsniveau beschert. In oberen deutschen Behörden, in Bundes- und Landesministerien gibt es im Gegensatz zu den USA kaum Beschäftigte mit sichtbaren Behinderungen. Aber bei allen einklagbaren Bürgerrechten, die gehandikapten Menschen in den USA zu Gebote stehen, auch dies gehört zum Gesamtbild: Mit sozialen Zuwendungen für sie ist es nicht zum Besten bestellt, von einer umfassenden Sozialversicherung ganz zu schweigen. In der Bundesrepublik sieht es mit solchen Leistungen wesentlich besser aus - noch. Die Zahl behinderter Menschen wird größerVollzieht sich schon in Europa der Wandel zu einer
behindertengerechten Gesellschaft nur im Schneckentempo, so ist vor allem in
den Entwicklungs- und Schwellenländern kaum eine Bewegung wahrzunehmen. Daran
haben auch das Weltjahr der Behinderten 1981, die gleichnamige Dekade 1982
bis 1991, die Verabschiedung von UN-Standards zur Schaffung von
Chancengleichheit 1992 und, seit 1993, der Welttag der Behinderten am 3.
Dezember - alle einstimmig von der UN-Vollversammlung beschlossen - nicht
viel ausrichten können. Im Gegenteil: Durch Kriege, Mangel an Hygiene und
medizinischer Versorgung nimmt die Zahl behinderter Menschen weltweit zu -
und ihr Elend. Damit all das zur Selbstverständlichkeit wird, bedarf es
eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Bewusstseinswandels. Weil sich der
bayerische Soziologe Adolf Ratzka nicht vorschreiben lassen will, wie er zu
leben hat, hat er mit Frau und Tochter seine Heimat verlassen und ist nach
Stockholm gezogen. Die schwedische Regierung erstattet dem mit 17 an
Kinderlähmung erkrankten Rollstuhl- und Atemgerätnutzer die Kosten für 18 Stunden
Assistenz pro Tag. So kann der Gründer und Leiter des Stockholmer Instituts
on Independent Living ein selbstbestimmtes Leben führen. Er beschäftigt neun
Hilfskräfte, die ihn in Teilzeitarbeit abwechselnd auch bei Geschäfts- und
Urlaubsreisen unterstützen und seine Familie entlasten. "In
Bayern", sagt Ratzka, würde man mich für meine Behinderung bestrafen:
Meine Frau könnte nicht arbeiten, sondern müsste für mich da sein; wir hätten
den Lebensstandard von Sozialhilfeempfängern, weil wir zu meinen Assistenzkosten
beitragen müssten; dazu noch die Furcht, ins Pflegeheim zu müssen, wenn sich
die politische Lage verschlechtert." |
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