Stern Titel Donnerstag, 18. Oktober 2007 Seite 28
Deutsche Vergangenheitsbewältigung
EVA IN DER NAZIFALLE
Die
Unsicherheit im Umgang mit dem Nationalsozialismus ist
riesengroß. Das Unwissen auch. Jeder vierte Deutsche glaubt immer
noch, dass die
Hitler- Diktatur auch gute Seiten hatte.
Eva Herman hat - wohl ungewollt - eine lange vernachlässigte
Debatte angestoßen
Eva Herman ist eine Mücke, die zu
einem Elefanten gemacht wurde. Ihr Auftritt bei Kerner ... Halt! Stopp!
Warum lesen Sie eigentlich noch
weiter? Das war ein Vergleich von Mensch
und Tier - und der geht gar nicht, wie Johannes B. Kerner sagen
würden.
Brauner Dreck. Nazi-Sprache. Und daher,
liebe Leser, müssen wir Sie an dieser Stelle nach reiflicher
Überlegung leider auffordern, mit der
Lektüre dieses Textes
aufzuhören. Danke.
Falls Sie immer noch da sein sollten, fangen wir mit der
gebotenen Vorsicht noch mal von vorne an. Es geht darum, wie man
über den
Nationalsozialismus reden darf, was erlaubt, was verboten
und was nötig ist - und warum wir ausgerechnet Eva Herman, die
vergangene Woche
so spektakulär aus der Kerner-Show
im ZDF geflogen ist, eine Chance verdanken, diese Grenze neu zu
vermessen.
Die vormalige
"Tagesschau"-Sprecherin hat gelegentlich
Schwierigkeiten, ihr Weltbild in eindeutige Worte zu fassen. Aber was
sie an dem
unglücklichen Abend bei Kerner und
zuvor wirklich gemeint hat, ist letztlich egal. Es geht nicht um Eva
Herman.
Entscheidend ist, wie sie - auch wenn das ungerecht sein
mag - verstanden wurde: nämlich als jemand, der findet, es sei
nicht alles schlecht
gewesen im Nationalsozialismus.
Das ist keineswegs der Irrglaube einer
versprengten Minderheit. In einer repräsentativen Forsa-Umfrage
für den stern schloss sich jeder
Vierte der über 1000 Befragten
dieser Haltung an. Unter den über 60-Jährigen konnten sogar 37
Prozent im NS-Regime auch gute Seiten
entdecken. Je niedriger der
Schulabschluss, desto höher die Zustimmung: 44
Prozent waren es unter den Hauptschulabsolventen.
Ein dramatischer Befund. Zur Erinnerung
sei daher noch mal zusammengefasst, was bisher geschah: Frau Herman ist
im Laufe von vier Ehen,
einer Mutterschaft und einer
zwanzigjährigen Fernsehkarriere zu der Erkenntnis gelangt, dass
Emanzipation Mist und der beste Platz für die
Frau am Herd und bei ihren
möglichst zahlreichen Kindern sei. Dummerweise hat sie vor Wochen
die Begriffe "Nationalsozialismus" und "gut"
in einem einzigen Satzungetüm
untergebracht. Wie und ob sich beide Wörter aufeinander beziehen,
ist im Dickicht ihres Geredes über Werte
und Familie schwer auszumachen (siehe
Zitat S. 30). Sie meint: überhaupt nicht. Andere meinen: sehr wohl.
Das kostete sie den Job bei der
"Tagesschau".
Als der Fernsehseelsorger Johannes
Baptist Kerner ihr die Beichte abnehmen wollte, wies sie jede Nähe
zu nationalsozialistischem Gedankengut
weit von sich, ließ aber die erwartete
Bußfertigkeit vermissen.
Schlimmer noch: Sie benutzte das Wort
"Autobahn" in einem Satz, der sich auf die NS-Zeit bezog.
Margarethe Schreinemakers, die als Kerners
Betschwester fungierte, rief: "Ich
krieg erhöhten Puls." Kerner: "Autobahn geht halt
nicht." Senta Berger, als dritte Fachkraft dabei,
analysierte:
"Das ist wirklich schwierig." Am
Ende schmiss der praktizierende Antifaschist Kerner
seine Duz-Freundin Eva raus. Sie war in die Nazifalle
getappt.
Offenkundig gibt es Millionen, die so
denken, wie Eva Herman nachgesagt wird.
Nur reden die meist nicht vor
Mikrofonen.
Aus verständlichen Gründen,
denn für die öffentliche Debatte über die Nazi- Zeit
gelten strenge Regeln. Wer sie verletzt, ist erledigt.
Unter den Gestrauchelten sind eher
unverdächtige Figuren wie der ehemalige Bundestagspräsident
Philipp Jenninger, der die ersten Jahre
unter Hitler ein "Faszinosum"
nannte.
Aber eben auch Gestalten vom Schlage
des früheren Bürgermeisters der niederrheinischen Stadt
Korschenbroich, Wilderich Graf von Spee. Noch
in den 80er Jahren meinte er, man
müsse schon "ein paar reiche Juden erschlagen", um den
Haushalt der Kommune auszugleichen.
Da schimmert eine Weltsicht durch, die
man lieber vor Gericht als im Fernsehstudio verhandeln würde.
Ganz ohne Regeln und Tabus wird es also
nicht gehen. Das Zweifeln am Holocaust, an dem es keine Zweifel gibt,
ist ein Fall für den
Staatsanwalt. Auch den Charakter von
Hitlers Angriffs- und Vernichtungskrieg darf nach mehr als sechs
Jahrzehnten niemand infrage stellen,
der sich nicht selbst aus der
Diskussion ausschließen will. Aber ist es
richtig, dass vor den Fernsehern Millionen Zuschauer sitzen,
die
denken, was man im Fernsehen nicht
sagen darf? Natürlich nicht. Eine einfache Regel würde
weiterhelfen:
Volksverhetzer muss man bekämpfen,
Ahnungslose informieren.
Noch mal Eva Herman. Nichts ist leichter, als sie zu
vernichten. Zum Beispiel mit einem Zitat von Joseph
Goebbels. Hitlers oberster Hetzer,
ein ausgewiesener Verehrer des
Weiblichen, sagte: "Die Frau hat die Aufgabe, schön zu sein und
Kinder auf die Welt zu bringen." Klingt fast
wie bei Eva, genauso der nächste Satz: "Die
Vogelfrau putzt sich für den Mann und brütet
ihm die Eier aus. Dafür sorgt der Mann für die
Nahrung. Sonst steht er auf der Wacht
und wehrt den Feind ab." Gegen solche Analogien kann man sich kaum
wehren. Sie sind scharfe Waffen im
politischen Nahkampf. Neue Erkenntnisse
bringen sie selten. Die ergeben sich nur, wenn man sich die Mühe
macht, zu erklären und zu
erläutern, und dabei auch Widerspruch in
Kauf nimmt. Das ist anstrengend, langwierig und
verspricht nicht die Quoten eines anständigen
Eklats vor laufender Kamera.
Trotzdem: Der Herman angelastete
Rückgriff auf die NS-Familienpolitik ist nicht
deshalb so fatal, weil sich ihr abenteuerliches Frauenbild
in Teilen mit dem von Goebbels deckt.
Sondern weil untrennbar zur Familienpolitik der Nazis etwas anderes
gehört: der mörderische
Rassenwahn und das Herrenmenschentum.
Tatsächlich unternahmen die Nazis alles, damit die
Frauen zu Hause blieben und Kinder kriegten.
Natürlich nur die Frauen, die - und das ist
jetzt wirklich brauner Dreck und Nazi-Sprache -
"erbgesund" und "rasserein" waren. Den anderen drohten
schon ab 1933 Zwangssterilisationen
und später das KZ und die
Gaskammer.
Dabei wurden auch die sogenannten
Arierinnen nur als Gebärmaschinen für
gesunden Nachwuchs gebraucht,
Link behinderte Kinder wurden zu
Tausenden ermordet.
Als "vom jüdischen Intellekt
erfundenes Wort" tat Hitler die Emanzipation ab. Die Frau sollte
gebären und ansonsten nicht im Wege stehen (im
Krieg durfte sie auch in der
Rüstung schuften, weil die Männer anderswo töten und
sterben mussten). Durch das "Erste Gesetz zur
Verminderung der Arbeitslosigkeit"
- und das war kein Zufall - wurde die Vergabe von Ehestandsdarlehen
eingeführt. Bis zu 1000 Reichsmark,
was damals sehr viel Geld war, gab es,
wenn zuvor berufstätige Frauen zu Hause blieben. Für jedes
Kind, das sie gebaren, wurden 250 Mark
von der Darlehensschuld gestrichen.
Die gemeinsame Veranlagung von
Ehegatten bei der Steuer, 1934 eingeführt, wirkte ebenfalls als
Prämie für den Berufsausstieg der Frau.
Später gab es Mutterkreuze
für Vielgebärende.
Heinrich Himmler, der oberste
SSMörder, ließ keinen Zweifel daran, welche Zwecke damit
verfolgt wurden. In einem Befehl "für die gesamte SS
und Polizei" schrieb er 1939:
"Niemals wollen wir vergessen, dass der Sieg des Schwertes und das
vergossene Blut unserer Soldaten ohne Sinn
wären, wenn nicht der Sieg des
Kindes und das Besiedeln des neuen Bodens folgen
würden." Das ist der Geist der Familienpolitik der
Nazis;
das ist der Dreck, in dem nach Gold
wühlt, wer die vermeintlichen Errungenschaften und die Konjunktur
der Werte preist.
Die unfreiwillige Aufklärerin
Herman befasste sich bei Kerner auch mit dem Straßenbau, was ihr
den Konter "Autobahn geht halt nicht"
einbrachte. Dabei gehen Autobahnen
wunderbar - wenige andere Projekte zeigen so deutlich, wie zielstrebig
und zwangsläufig das NS-Regime
auf einen großen Krieg zusteuerte.
"Straßen des
Führers" hießen die Autobahnen.
Sie waren, so der britische Historiker
Richard Evans, "vielleicht das dauerhafteste der vom Dritten Reich
ins Werk umgesetzten
Propagandaprojekte".
Hitler hat die Autobahn nicht erfunden, auch nicht die
erste gebaut, aber den Straßenbau inszeniert wie niemand zuvor. Es
war ein doppeltes
Schauspiel: Der Bau der neuen Trassen
wurde als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gepriesen, die einem
beträchtlichen Teil des Millionenheers der
Arbeitslosen eine neue Chance
eröffnete. Und dann war er, was noch reizvoller war, ein
Versprechen an die Deutschen. Von 1934 an redete
Hitler davon, dass jede Familie irgendwann ein
Auto besitzen werde, um diese Straßen zu
befahren. Da kam alles zusammen.
Schöne Bilder von kühn
geschwungenen Brücken inmitten deutscher Prachtlandschaften;
Arbeitslose, die wieder in Lohn und Brot waren, und als
Zugabe die Verheißung einer
motorisierten Zukunft.
Bereits im September 1933
eröffnete Hitler die Bauarbeiten für die Strecke
Hamburg-Basel, für die seit Jahren Pläne vorlagen, mit denen
die
Nazis ursprünglich nichts zu tun hatten. Keine zwei
Jahre später wurde das erste Teilstück bei
Frankfurt freigegeben - heute gehört es zur
A5 und wird täglich von weit
über 100 000 Fahrzeugen genutzt. Eva Herman hat also völlig
recht, wenn sie sagt, dass wir heute noch über die
damals gebauten Straßen fahren. Insgesamt stellten
die Nationalsozialisten bis zu Kriegsbeginn über
3000 Kilometer Autobahn fertig. Dabei
waren nie mehr als 125 000 Menschen mit
den Projekten beschäftigt - der Rückgang der Arbeitslosigkeit
hatte andere Ursachen: insbesondere
das Ende der Weltwirtschaftskrise und
die Aufrüstung.
Von den ersten Tagen seiner Herrschaft
an versprach Hitler die "Rettung des deutschen Arbeiters durch einen
gewaltigen und umfassenden
Angriff auf die Arbeitslosigkeit".
1933 wurde die ungeheure Summe von
fünf Milliarden Reichsmark für
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bereitgestellt.
Tatsächlich sank die Zahl der
Arbeitslosen, die bei Hitlers Machtergreifung sechs Millionen betragen
hatte, rasend schnell. Neben der
Verdrängung der Frauen trug dazu
auch die wieder eingeführte Wehrpflicht und die Manipulation der
Statistik bei. Entscheidend war aber,
dass das Regime trickreich beschafftes Geld in
unvorstellbaren Mengen in die Aufrüstung pumpte.
Zehntausende kamen im Flugzeugbau unter;
bei Krupp wurden Panzer gebaut
(offiziell waren es Traktoren). Die Auto Union kurbelte die Produktion
von Militärfahrzeugen an. All das
musste mehr oder weniger getarnt werden.
So wurde der Autobahnbau zum
Propagandavehikel für die Erfolge der "Arbeitsschlacht",
als die der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit
vermarktet wurde.
Das Ziel war dabei von Anfang an nicht
die wirtschaftliche Erholung. Bereits im Februar 1933 sagte Hitler im
Kabinett, jede
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme müsse unter dem
"Gesichtspunkt der Wiederwehrhaftmachung des deutschen
Volkes" gesehen werden. Im gleichen
Monat - diesmal vor Offizieren und
SS-Führern - kündigte er an, in etwa acht Jahren werde es
nötig werden, "Lebensraum im Osten zu
schaffen".
Erst dieser Plan erklärt die
abenteuerliche Finanzierung der Hitler'schen Politik:
Bezahlt werden sollten die schönen Straßen,
über die wir heute noch fahren, von den versklavten
Völkern im Osten.
Auch wenn Zwangsarbeiter und
KZ-Häftlinge im Krieg beim Bau der Trassen geschunden wurden, ging
der Plan bekanntlich nicht auf.
So wie die Autobahnen für sich genommen durchaus
nützlich sein mögen, verhält es sich mit vielen anderen
Maßnahmen des Regimes. Es führte
die steuerfreien Nachtund
Sonntagszuschläge ein, die noch Jahrzehnte später von
deutschen Gewerkschaften verteidigt wurden. Es bescherte
den Rentnern eine Krankenversicherung.
"Hitlers Volksstaat" war eine
"Gefälligkeitsdiktatur", wie der Historiker Götz Aly
in einem heftig diskutierten Buch dargelegt hat. Aly
sieht die Deutschen jener Jahre als "Nutznießer
und Nutznießerchen".
Der Staat operierte dabei stets hart an
der Zahlungsunfähigkeit. Die Ausgaben für Rüstung und
Arbeitsbeschaffung sowie die Milliarden für
die Wohltaten zur Verbesserung der
Stimmung machten den ohnehin gewollten Krieg unausweichlich. Selbst
Goebbels jammerte über das "rasende
Defizit".
Die Ausplünderung der Juden konnte
es nicht stoppen. Das sollte der Krieg leisten.
Bis es so weit war, druckte die
Reichsbank einfach Banknoten, über eine Tarnfirma
wurden Wechsel in Milliardenhöhe ausgegeben.
Die Schulden stiegen unaufhörlich.
"Weder Hitler noch seine
Wirtschaftsfachleute schien das zu stören",
schreibt Richard Evans. "Für sie waren die Schulden nur
ein
kurzfristiges Problem, da sie in den
kommenden Jahren durch die Expansion nach Osten finanziert werden
würden." Beim Versuch, auf diese Art
den Staat zu sanieren, starben Dutzende
Millionen Menschen. Natürlich erklärt die Notwendigkeit der
Ressourcenbeschaffung nicht allein die
aggressive und mörderische Politik der Nazis - aber
sie gehört dazu. Wer Hitlers Autobahnen preist, sollte an diesen
Zusammenhang erinnert
werden. Das Gleiche gilt für alle, die sagen, die
Nazis hätten sich um Familien gekümmert oder
die Arbeitslosen von der Straße geholt.
Dabei sollte man den Zeigefinger nicht
zu hoch heben. Denn nicht nur die Eswar- nicht-alles-schlecht-Fraktion
hat es sich zu leicht gemacht,
sondern auch die, deren Job es gewesen wäre, solchem
Gedankengut mit Argumenten zu begegnen.
Sie haben eine wesentliche Erkenntnis lange
vernachlässigt: nämlich, dass es keineswegs nur ein
"Rudel von Berauschungstechnikern"
(Golo
Mann) war, das die Deutschen ins
Unglück geführt hat. Große Teile der
Bevölkerung haben von der Politik der Nazis zeitweise profitiert
und
auch deshalb begeistert mitgemacht. Nur passte das nach
dem Krieg nicht ins Konzept der
Zeitgeschichtsschreibung. Das ganze Nazi-Sprache
Nazi-Gerede von der
"Volksgemeinschaft" wurde, wie der Jenaer Historiker Norbert
Frei beobachtet, als pure Fiktion dargestellt:
"Statt der breiten Zustimmung, der
'Führer'-Begeisterung und der hohen
Integrationsbereitschaft" habe die Forschung deshalb betont,
wie
brutal und unterdrückerisch das Regime gewesen sei.
Diese Sicht sei "nicht falsch, aber doch
höchstens die halbe Wahrheit".
Schon im September 1933 jubelte Hitler bei einer
Tagung des Frontkämpferbundes "Stahlhelm"
in Hannover: "Dass wir das Volk gewonnen haben,
dass das Volk zu uns gehört, dass das Volk in
unserer Bewegung die Führung wirklich sieht und
anerkennt, das ist das Entscheidende, ist
das, was uns glücklich macht."
Ausnahmsweise war das nicht nur Propaganda. Als der
junge Emigrant Willy Brandt bei einer illegalen Reise
nach Berlin 1936 die Stimmung der
Arbeiter erkundete, stellte er fest, sie seien zwar nicht
regimefreundlich, aber "erst recht nicht
regimefeindlich".
Das hatte - nicht nur, aber auch - mit den Dingen zu tun,
die heute offenbar noch von Millionen Deutschen als gute Seiten des
Regimes
gesehen werden.
Gesprochen wurde darüber nach dem
Krieg - aber zumeist privat; etwa wenn Oma beim Familienfest einen
Eierlikör zu viel hatte. Die
öffentliche Auseinandersetzung blieb lange aus. Denn
Geschichtsschreibung war über Jahrzehnte Politik.
Und dieser Aspekt passte eben nicht.
In langen Kämpfen entstand das
Dickicht der Regeln und Tabus, das heute nicht nur vor Entgleisungen und
Zumutungen schützt, sondern
gelegentlich auch behindert. In diesen Tagen drucken
Boulevardzeitungen Listen mit Wörtern, bei denen
Vorsicht geboten sei - von "Autobahn"
bis "Volkswagen". Irgendwas hat
sich da verselbstständigt.
"Wir leben heute im großen
Zeitalter der historischen Mythologie", schrieb
der 1917 geborene Sozialwissenschaftler Eric Hobsbawm. Die
Erinnerung werde umgeschrieben und umerfunden, um sie
für die eigenen Zwecke nutzbar zu machen. Der Umgang mit dem
Nationalsozialismus ist
dafür das beste Beispiel.
Es wurde verdrängt und angeklagt, tabuisiert und ins
Licht gezerrt, moralisiert und ins Absurde
übersteigert. In den Wirtschaftswunderjahren
beschwiegen und verdrängten die ehemaligen
Volksgenossen ihre Schuld, während die
Wissenschaftler sich daran abarbeiteten, Strukturen und
Mechanismen der NS-Herrschaft zu
untersuchen. Konkrete Täter für die ungeheuren Verbrechen
machten sie fast nie aus. Das große Verdienst,
danach gefragt zu haben, gebührt erst den
Nachgeborenen.
Die "Bewältigung" der
Vergangenheit hatte begonnen. Alles, was irgendwie in den zwölf
dunklen Jahren vorgekommen war, wurde verdammt. Und
zwar mit einer Radikalität, die
dazu führte, dass etwa der heute in Ehren ergraute Altlinke Johano
Strasser seinen Genossen in den
Sechzigern verheimlichte, dass er Leichtathletik trieb,
Körperertüchtigung. Unversöhnlich
gingen noch in den 80er Jahren die ergrauten
Protagonisten des Historikerstreits
aufeinander los.
Geschichtsschreibung war in der
Bundesrepublik selten der Versuch, dem Publikum die
wesentlichen Zusammenhänge zu erklären. Immer war
sie
Kampf um die Meinungs- und
Deutungshoheit; geführt mit vollem Einsatz und
manchmal edlen Motiven.
Es ist bezeichnend, dass es die
US-Fernsehserie "Holocaust" war, die Ende der
70er Jahre den Völkermord an den Juden im Bewusstsein
der
Deutschen verankerte - alle
Bemühungen der fast zwei Jahrzehnte zuvor
verblassten angesichts der Wirkungsmacht des Schicksals der
Familie
Weiss. Noch länger dauerte es, um
den Mythos der sauberen Wehrmacht endgültig zu zerstören.
Erst in den 80er Jahren - als die
Zeitzeugen alt geworden waren - begann die
Zeitgeschichtsschreibung, sich um das Alltagsleben im
Nationalsozialismus zu kümmern.
Vielleicht ist das die Chance, die Minderheit, der nicht
alles schlecht erscheint, aus dem Reich der Mythen zu
holen. Dabei nutzt jede
Äußerung aus der schweigsamen
Menge. Wenn sich die Klassensprecher der Ahnungslosen
melden, sollen sie reden.
Auch Falsches und schwer
Erträgliches. Das nervt. Aber wir müssen
ihnen antworten, statt sie rauszuschmeißen.
Grafik:
UMFRAGE VIELE FINDEN NICHT ALLES
SCHLECHT Hatte der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten (Bau der
Autobahnen, Beseitigung der
Arbeitslosigkeit, niedrige
Kriminalität, Förderung der Familie)?
Ex-"Tagesschau"-Sprecherin und
Buchautorin Herman, 48, fühlt sich zu unrecht in die rechte Ecke
gestellt.
Sie wehrt sich gegen den Vorwurf, die
Familienpolitik der Nazis zu feiern
"Und wir müssen vor allem das
Bild der Mutter in Deutschland auch wieder
wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus
und
der darauf folgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit
den 68ern wurde damals praktisch alles das - alles, was wir an
Werten hatten - es
war 'ne grausame Zeit, das war ein völlig
durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der
das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das
wissen wir alle - aber es ist damals eben auch das, was
gut war - und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das
sind Familien,
das ist Zusammenhalt - das wurde abgeschafft. Es durfte
nichts mehr stehen bleiben ..."
Eva Herman
(am 6. September bei der
Präsentation ihres Buches "Das Prinzip Arche
Noah")
Die Frau trägt, umgeben von
Ehemann und acht Kindern, das "Mutterkreuz".
Auch materielle Anreize sollten die Geburtenrate hochtreiben
Das Bild der Mutter mit Kind wurde 1938 in Berlin
aufgenommen. Für die Nazis sollten Frauen vor allem eines:
"arische" Kinder gebären. Die
Verehrung der Mütter war Teil des
Rassenwahns
Mit Schaufeln über der Schulter
posieren Männer des Reichsarbeitsdienstes 1935. Arbeitsdienst und
die wieder eingeführte Wehrpflicht trugen
ebenfalls zum Abbau der
Arbeitslosigkeit bei. Das Volk wurde uniformiert und auf den lange
geplanten großen Krieg vorbereitet
"Aber es sind ja auch Autobahnen damals gebaut
worden, und wir fahren heute drauf"
Eva Herman (am 9. Oktober im ZDF bei "Kerner")
Der Bau der Autobahnen - hier in
Pommern - war ein gigantisches Propagandaprojekt. Geld
spielte keine Rolle. Es würde ja Krieg geben
Die Aufrüstung, hier eine
Panzerproduktion im Ruhrgebiet, war einer der
Gründe für den raschen Abbau der Arbeitslosigkeit
"Ich muss einfach lernen, dass man über den
Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann, ohne
in Gefahr zu geraten"
(am 9. Oktober im ZDF bei "Kerner")
Schüler der "Reichsschule
für Leibesübungen" auf Burg Neuhaus beim Geländelauf.
Körperkult und NS-Ideologie gehörten zusammen
Kinder waren für das Regime vor allem künftige
Soldaten. Das Übungsschießen fand 1941 in
einem Sommerlager der Hitler-Jugend statt
Das Ende hinter Stacheldraht: ein
deutscher Kriegsgefangener im Mai 1945
Für die öffentliche Debatte über die
Nazi-Zeit gelten strenge Regeln.
Wer sie verletzt, ist erledigt
Wenn sich die Klassensprecher der Ahnungslosen melden,
sollen sie reden
Flucht aus Ostpreußen. Für
Millionen Deutsche führte Hitlers Krieg im Osten zum Verlust der
Heimat
Kinder im KZ. Erst mit vielen Jahren
Verzögerung drang der Völkermord ins
Bewusstsein der Deutschen
Stefan Schmitz
Erstellt: 11.11.2007 18:28
Autor: Stefan Schmitz
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