
Vom Sahnetorten-Kind zum engagierten
Journalisten Der blinde Keyvan Dahesch reflektiert im Frankfurter Erzählcafé
das
eigene Leben und den gesellschaftlichen Umgang
mit Behinderten
Unter dem Titel "Blind und
trotzdem ein Ziel vor Augen" lud das Frankfurter Erzählcafé am Samstag zur
Begegnung mit Keyvan Dahesch in den
Treffpunkt Rothschildpark ein. Dahesch, von
Geburt an blind, engagiert sich seit vielen Jahren als freier Journalist für
die Belange von
Behinderten.
VON ANNETTE WOLLENHAUPT
Keyvan Dahesch im Erzählcafé (FR)
Frankfurt · 17. Oktober · Er ist ein
Glücksfall für jeden Moderator, allenfalls nicht so leicht zu bremsen. Wenn
Keyvan Dahesch anfängt zu
erzählen, sprudelt es aus ihm heraus. All das,
was ihm in seinen 63 Jahren passiert ist. Das Schöne und das Ärgerliche, das
Berührende und
das Witzige. Und manchmal liegt das eine nah
beim anderen.
Da ist die Kindheit in Teheran, als
Spross gebildeter und begüterter Eltern, die "nicht wussten, wie sie mit
ihrem blinden Kind umgehen
sollten". Die ihren Sohn in Watte
packten, ständig in Angst um ihn waren, ihm jeglichen Sport verboten, ihn
schlugen, wenn er mit Händen,
Nase und Ohren unerlaubterweise den Garten der
Familie erkundete. Eltern, die ihr Kind mit Sahnetorte vollstopften, so oft,
dass es
irgendwann kugelrund war. Und doch weiß
Dahesch um das Glück in all seinem Kindheits-Unglück: "Andere blinde
Kinder mussten im Iran in
Straßengräben übernachten und betteln!".
Er selbst ging sogar in die einzige deutsche Blindenschule der
Christoffel-Blindenmission in
Isfahan.
Die Eltern, sie hofften auf Heilung
ihres Sohnes, der die ersten Jahre noch einen schwachen Hell-Dunkel-Unterschied
wahrgenommen hatte,
schickten ihn nach Deutschland. Doch alle
Spezialisten, die Dahesch untersuchten, stellten zu ihrem Bedauern fest, dass
die völlige
Erblindung nicht aufzuhalten war. Keyvan
Dahesch war 16 Jahre alt, sah aus "wie 30" und wollte eines ganz
sicher: in Deutschland bleiben.
Die Aussichten waren gut, schließlich warteten
angeblich zehn Millionen deutsche Frauen auf junge Männer wie ihn und darauf,
geheiratet zu
werden. War natürlich alles dann doch nicht
ganz so. Dahesch ging in Stuttgart auf eine Blindenschule. Keine schöne Zeit:
"Die
Kriegsblinden wurden hofiert, uns
Zivilbehinderte nahm man nicht zur Kenntnis." Er ließ sich zum Masseur
ausbilden. Den Kaufmann Oskar
Schindler, der hunderte seiner jüdischen
Arbeiter vor dem Tod im Konzentrationslager rettete, hat er drei Mal massiert
und ein dickes
Trinkgeld kassiert. An der Frankfurter
Akademie der Arbeit studierte Dahesch, der 1965 in die SPD eintrat, mit
sozialpolitischen und
juristischen Schwerpunkten. Nach dem Studium
wurde er 1975 Bürgerbeauftragter und Pressesprecher beim Hessischen Landesamt
für Versorgung
und Soziales. Vor zwei Jahren verabschiedete
sich Dahesch in den Ruhestand. Er ist sich sicher: "Ich war in unserem Amt
der unbeliebteste
Kollege". Warum? Er habe unkonventionell
gehandelt, sei nie den normalen Dienstweg gegangen. Von 1979 bis 1982 war
Dahesh
SPD-Ortsvereinsvorsitzender in Bonames. In
Frankfurt habe er "die Toleranz kennengelernt" und - seine ebenfalls
erblindete Frau.
Weil Dahesch als Journalist, insbesondere
für die Frankfurter Rundschau , bis
heute über behinderten- und blindenrelevante Themen
berichtet, liegt es nahe, dass er seinen
Auftritt auch dazu nutzt, einen Blick auf die Geschichte des gesellschaftlichen
Umganges mit
Behinderten zu richten. Auf Zeiten, da
Lokalbesitzer eine junge Frau ohne Arme, die selbstbewusst und gepflegt mit
ihren Füßen aß, des
Lokales verwiesen, da das Frankfurter
Oberlandesgericht einer Frau Recht gab, die sich in ihrem Schwedenurlaub vom
Anblick Behinderter
belästigt fühlte, und ihr Schadensersatz
zusprach.
Privat wird es wieder mit Daheschs
Hobbies. Mit großem Spaß walkt er regelmäßig entlang der Nidda, begleitet von
einer netten Damenriege des
TUS Nieder-Eschbach. Zudem fährt er als
Mitglied des Tandem-Clubs "Weiße Speiche" gemeinsam mit anderen
Blinden und Sehenden über große
Strecken hinweg Fahrrad. Und noch eines
erfahren die Gäste im Treffpunkt Rothschildpark an diesem Nachmittag: Keyvan
Dahesch liebt es,
spontan Sprüche zu formulieren. Einen gibt er
zum Besten und der geht so: "Lieber scherzen mit Weißwein, als Schmerzen
im Steißbein!".
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Dokument erstellt am 17.10.2004 um
18:16:06 Uhr
Erscheinungsdatum 18.10.2004 Link E-Paper