Ein Wunderwerk der
Adenauer-Ära
Vor 50 Jahren wurde das Frankfurter Kreuz frei
gegeben
Bis heute ist das Frankfurter Kreuz Deutschlands
größter Verkehrsschnittpunkt, den
täglich über 310.000 Fahrzeuge passieren. Mit der
Anbindung an den Frankfurter Flughafen und das ICE-Netz bildet es
eine einzigartige Verkehrsdrehscheibe in Europa. Das Autobahnkreuz
im Südwesten der Mainstadt wurde vor 50 Jahren, am 10. Juli
1956, frei gegeben.
Frankfurt am Main (pia) Die allererste Probefahrt
über das Frankfurter Kreuz, noch vor dessen offizieller
Verkehrsfreigabe, verblüffte den Journalisten. Wenn Sie
links abbiegen wollen, berichtete er danach in der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dann fahren Sie, den
idealen Schwung der Kurve genießend, nur immer rechts herum:
Sie werden sehen, nachdem Sie einmal Karussell gefahren, befinden
Sie sich eine Etage höher und in der gewünschten
Richtung. Der Schnittpunkt zweier Autobahnen, der aufgrund
seiner charakteristischen Kleeblattform den fließenden
Wechsel aus allen auf alle Richtungen ohne Gegenverkehr
ermöglicht, war das verkehrstechnische Wunderwerk der
Adenauer-Ära. Heute gilt das Frankfurter Kreuz als erster
Schritt zum verzweigten Autobahnnetz in Europa.
Vor 50 Jahren, am 10. Juli 1956, wurde das Frankfurter Kreuz
für den Verkehr frei gegeben. Es war, wie
die Presse nach der Eröffnung schrieb, Deutschlands
größter und modernster Verkehrsschnittpunkt. Das
ist es bis heute geblieben. Täglich passieren den zentralen
Knoten der bundesdeutschen Autobahnen über 310.000 Fahrzeuge.
In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich Europas
drittgrößter Flughafen, und unter dem
Straßenkreuz verzweigt sich seit dessen Modernisierung in
den Jahren 1995 bis 2000 die Schnellbahnstrecke
Köln-Rhein-Main, die zum neuen ICE-Bahnhof am Flughafen
führt. Das Frankfurter Kreuz bildet somit eine einzigartige
Verkehrsdrehscheibe in Europa.
Die Idee, das Rhein-Main-Gebiet zum
zentraleuropäischen Umschlagplatz für den
Straßen-, Bahn-, Schiffs- und Luftverkehr zu gestalten,
stammt bereits aus den zwanziger Jahren. In der Messestadt
Frankfurt, am Kreuzungspunkt alter Handelsstraßen, wurde
unter Federführung von Oberbürgermeister Ludwig Landmann
der Plan einer dem Autoverkehr vorbehaltenen kreuzungsfreien
Fernstraße von Hamburg über Frankfurt nach Basel
entwickelt, die später Anschluss an die Strecke Mailand-Genua
finden sollte. Zu deren Vorbereitung wurde im Frankfurter
Römer 1926 der Verein HAFRABA (für HAmburg -
FRAnkfurt - BAsel) gegründet. Dieses Ereignis gilt als
Geburtsstunde der deutschen Autobahnen. Wenige Jahre später
vereinnahmte allerdings das NS-Regime die Idee für sich. Am
23. September 1933 kam Adolf Hitler zum demonstrativen ersten
Spatenstich nach Frankfurt. Das erste Teilstück der Autobahn,
die 21,7 Kilometer lange Strecke von Frankfurt-Süd nach
Darmstadt, wurde am 19. Mai 1935 eingeweiht. Damals gab es schon
Pläne für das Frankfurter Kreuz, das in den Jahren
1939-41 auch vorläufig trassiert, dann aber kriegsbedingt
nicht weiter ausgeführt wurde.
Ab 1954 wurde das Frankfurter Kreuz als erstes bundesdeutsches
Straßenbauprojekt der Nachkriegszeit
verwirklicht. In zweijähriger Bauzeit entstand der
Autobahnschnittpunkt zweier großer Ost-West- und
Nord-Süd-Verbindungen. Vier Kreise (Ohren) und
vier Tangenten an dieser Kreuzung, die die fließende Auf-
und Abfahrt in alle Richtungen ermöglichten, ließen das
Kreuz wie ein riesiges Kleeblatt (mit einem Durchmesser von 2,2
Kilometern) aussehen. Die damit erstmals in Europa realisierte
Form des Autobahnkleeblatts hatte der
Schlosserlehrling Willy Sarbach erfunden, als Antwort auf eine
Preisfrage, die die HAFRABA bei einer Autobahnausstellung in Basel
1927 auf der Suche nach einer Lösung für die
kreuzungsfreie Kreuzung zweier Schnellstraßen
gestellt hatte. Ein Glückskleeblatt für das
Rhein-Main-Gebiet möge das Frankfurter Kreuz werden, sagte
Bundesverkehrsminister Dr. Hans Christoph Seebohm, als er es am
10. Juli 1956 dem Verkehr übergab.
Am Frankfurter Kreuz stehen schon zwei
Todeskreuze, titelte jedoch der Wiesbadener
Kurier nur fünf Wochen später. Die eben noch viel
gepriesene Ideallösung einer Kreuzung zweier
Autobahnen erwies sich in der alltäglichen Praxis als
unfallträchtig. Vor allem das Einfädeln beim
Richtungswechsel bereitete den Autofahrern unerwartete
Schwierigkeiten, wobei sich zudem der Radius der Ohren
als zu knapp bemessen zeigte. Viele Unfälle wurden dadurch
verursacht, dass Kraftfahrer mitten auf der Autobahn wendeten oder
zurückstießen, wenn sie ihre Ausfahrt
verpasst hatten. Trotz baldiger baulicher Korrekturen blieb das
Frankfurter Kreuz eine Verkehrsfalle. Dem steigenden
Fahrzeugaufkommen war es nicht gewachsen. Während anfangs nur
durchschnittlich 47.000 Autos täglich das Autobahnkreuz
befuhren, passierten es schon zehn Jahre später immerhin
130.000 Fahrzeuge pro Tag. Im Jahr 1995 verstopften täglich
250.000, an Spitzentagen sogar bis zu 300.000 Autos den
Verkehrsknoten. Ständig meldete der Verkehrsfunk Staus und
Unfälle.
Am 13. Dezember 1995 begann die grundlegende
Modernisierung des Frankfurter Kreuzes, um die europäische
Verkehrsdrehscheibe endlich fit für die Zukunft zu machen. In
fünfjähriger Bauzeit wurden dem Autobahnkleeblatt
die Ohren langgezogen: Durch eine Entflechtung der
Verkehrsströme auf den Zu- und Abfahrten erleichterte man den
Richtungswechsel. Zugleich wurde das Straßenkreuz für
die ICE-Strecke Frankfurt-Köln untertunnelt. Ein halbes Jahr
früher als geplant konnte das neue Frankfurter Kreuz im
Dezember 2000 eingeweiht werden. Seitdem muss hier keiner mehr im
Reißverschlussverfahren die Spur wechseln. Wer
sich vor dem Kreuz richtig eingeordnet hat, erreicht nun ohne
Wechsel der Fahrstreifen ungehindert die gewünschte Autobahn.
Und falls es doch wieder einmal eng werden sollte, dann kann an
die neuen Brücken und Rampen auf den Zu- und Abfahrten
einfach noch eine Spur drangebaut werden.
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Dienstag/ 20.06.06/24
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