Kaum steht fest, dass Sarah Neef aus Sindelfingen (Baden-
Württemberg) nicht hören kann, tut ihre
Mutter alles, um ihr das
Sprechen beizubringen. Mit einem Xylofon machen sie
gemeinsam
Sprechübungen. «Dadurch lernte ich, wie man
Betonungen setzt - zum
Beispiel, dass nach einer Frage die Stimme gehoben
werden muss.»
Französisch, Englisch, Russisch und Latein zu
lernen, bereitet Neef
anschließend kein Problem. «Jede Sprache
hat ihre eigene Faszination:
Französisch klingt wunderschön, im
Englischen kann man mit einem
Ausdruck viel mehr sagen als im Deutschen und Russisch
ist eine sehr
warme Sprache». In der mündlichen
Abiturprüfung im Fach Französisch
erzielt sie die Bestnote.
«Ich habe absolut nichts gegen
Gebärdensprache», erläutert die
27-
Jährige und fügt hinzu: «Ich wäre
heute aber nicht die, die ich bin,
wenn ich mich nur mit Gebärden verständigt
hätte». Irgendwann möchte
sie diese Form der Kommunikation auch noch lernen.
Über rhythmische Sprechübungen hinaus hat Neef eine
Leidenschaft
für Musik. Bei dreizehn Musikschulen muss ihre
Mutter anfragen, bis
sich eine Lehrerin findet, die ihrer Tochter
schließlich neun Jahre
Klavierunterricht erteilt. Sie hört zwar nicht,
was sie spielt, spürt
aber die Schwingungen. Da ihr Tastsinn stärker
ausgeprägt ist als der
von Hörenden, muss sie ihre Anlage nicht zu sehr
aufdrehen. Vor allem
Klassik schallt aus den Lautsprechern. «Rock-
oder Popmusik besteht
meistens aus viel Text und den kann ich nicht
hören». Außerdem können
die Songs von Britney Spears mit ihren Favoriten
Frédéric Chopin oder
Claude Debussy bei weitem nicht konkurrieren -
«Klassische Musik
passt einfach zu mir», sagt sie.
Neben Musik bestimmt der Tanz das Leben der
Gehörlosen. Nicht
selten schwebt sie graziös übers Parkett.
Die Karriere als
professionelle Ballerina schlägt sie zwar nicht
ein, ihr Hobby führt
sie aber zur Psychologie: «Als Tänzerin bin
ich immer in verschiedene
Rollen geschlüpft, schon da wollte ich mehr
über den Menschen
erfahren.» Neef beginnt ihr Psychologie-Studium
mit 19 Jahren in
Tübingen. Jedoch muss sie während des
Hauptstudiums das Tanzen
einschränken: «Ich hatte ein
Leistungsstipendium für mein Studium, da
musste ich mich auf das Studium konzentrieren.» Öffentliche
Auftritte
seien da zeitlich nicht mehr möglich gewesen.
Zur Zeit arbeitet die Psychologin an ihrer Promotion
mit dem Thema
Unterschiede des sprachlichen Gedächtnisses
zwischen Hörenden und
nicht Hörenden. Was danach kommt, steht zwar noch nicht fest,
aber
mit einer eigenen Praxis würde sie gerne ein
großes Anliegen
verwirklichen: Als Therapeutin will sie
Hörgeschädigten den Zugang zu
Sprache und Musik erschließen und vielleicht sogar das Tanzen
integrieren. «Tanztherapie wäre eine
Möglichkeit», sagt die 27-
Jährige.
Während der Leipziger Buchmesse hat die junge
Autorin ihr Buch «Im
Rhythmus der Stille» mit einer Lesung
vorgestellt und vor kurzem
einen Vertrag für die Übersetzung ins
Französische unterschrieben.
Dabei bleibt es aber nicht: Momentan schreibt die
Doktorandin an
ihrem zweiten Buch. Die Fabel über
zwischenmenschliche Beziehungen
soll Ende des Jahres erscheinen.
(Internet: www.sarahneef.de)
Erstellt: 17.04.2009 19:55