Amerikaner will Stadt für
Gehörlose bauen - Umstrittenes Projekt Von Gabriele Chwallek, dpa =
Washington (dpa) - Die Stadt existiert noch
nicht, aber sie hat schon einen Namen. Laurent soll sie heißen, benannt nach
Laurent Clerc, dem französischen Pionier der Zeichensprache. 125 Familien,
darunter auch mehrere aus dem Ausland, warten bereits auf den Einzug in eines
der hübschen Häuser, die auf einer Fläche von rund 130 Hektar entstehen sollen,
und dann könnte auch bald das erste Fast- Food-Restaurant folgen. Mehrere
Ketten haben schon ihr Interesse bekundet. Eines ist klar: Wer auch immer dort
kochen und servieren würde, müsste die Zeichensprache beherrschen - wie der
künftige Bürgermeister auch, der Feuerwehrmann, der Postbote und der Müllmann.
Und wie Bauunternehmer Marvin Miller es tut, der Laurent schaffen
will: die weltweit erste
Stadt für Gehörlose und stark Schwerhörige.
Entstehen soll sie inmitten von Wiesen und
Feldern im US-Staat South Dakota. Das Grundstück in der Nähe von Salem ist
ausgesucht, und im September hat der zuständige Bezirksrat bestehende
Bebauungsbeschränkungen aufgehoben. Miller hofft nun auf einen Baubeginn im
Frühjahr. Beginnen soll es mit Straßen, Wasser- und Abwasserleitungen und ein
paar Häusern, dann sollen nach und nach immer mehr Gebäude, Läden, eine
Tankstelle und eine Schule folgen. An 2500 Einwohner denkt Miller, Platz wäre
aber auch für 7500.
Miller verfolgt seinen Plan schon seit
Jahren, beflügelt von eigenen Erfahrungen, wie er sagt. Der 33-Jährige ist
selbst gehörlos, und so sind es auch seine Frau, die gemeinsamen vier Kinder,
seine Eltern, seine Schwester, seine Großeltern mütterlicherseits und sein
Onkel. Mit dem Bau von Laurent will Miller nach eigenen Angaben erreichen, dass
die Gemeinschaft der Gehörlosen ihr Leben selbst entsprechend den eigenen
Bedürfnissen gestaltet - anstatt es von den Hörenden gestalten zu lassen.
«Mit unserer Integration in die Gesellschaft
ist es bisher nicht weit her», zitiert die «New York Times» Miller, der das
Projekt zusammen mit seiner Schwiegermutter M.E. Barwacz verfolgt. «Meine
Kinder sehen nicht sehr viele Vorbilder in ihrem Leben - (gehörlose)
Bürgermeister, Leiter von Fabriken, Postangestellte, Geschäftsinhaber. So
schaffen wir einen Ort, an dem wir unsere einzigartige Kultur, unsere
einzigartige Gesellschaft zeigen können.»
Die Finanzierung des Projekts, so sagt
Miller, ist gesichert. Zum einen will er aus dem eigenen Familienvermögen
schöpfen, und dann gebe es eine Gruppe von Investoren, die seine Zielsetzung
teilten. Aber es gibt auch scharfe Gegner des Vorhabens. So hält es
beispielsweise die Alexander-Graham-Bell-Vereinigung für Gehörlose in
Washington für unklug, eine Enklave zu bilden. «Wir glauben, es nützt den
Menschen mehr, wenn sie Teil der gesamten Welt sind», sagt der Direktor der
Organisation, Todd Houston. Immer modernere Hörhilfen- Techniken und
Behandlungsmethoden hätten in den vergangenen 15 Jahren das Benutzen der
gesprochenen Sprache leichter gemacht, und darauf solle man sich konzentrieren,
so Todd in der «New York Times».
Miller und Barwacz erklären unterdessen, es
gehe ihnen nicht um «Exklusivität», sondern schlicht um die Schaffung eines
Ortes, an dem jeder davon ausgehen könne, dass der andere die Zeichensprache
verstehe. Das heiße nicht, dass jeder künftige Einwohner von Laurent gehörlos
oder schwerhörig sei. Im Gegenteil würden viele hörende Eltern mit gehörlosen
Kindern erwartet. Barwacz selbst sagt: «Ich bin dabei.» dpa ch xx ch
301255 Sep 05