Rostock (dpa) Neele springt
vor Freude in die Luft und wedelt wie verrückt mit dem Schwanz. Die
eineinhalbjährige schwarze Labradorhündin weiß, dass
bald die Arbeit mit ihrer Ausbilderin Aniko Ebersberger beginnt. Das
bedeutet nicht nur viele Leckerchen, sondern auch Belohnung und
Bestätigung, wenn sie ihre Arbeit gut macht. Neele wird im
Kleintierzentrum der Tierklinik Rostock zum Assistenzhund ausgebildet.
Sie soll später einmal einem behinderten Menschen das Leben
leichter machen. «Assistenzhunde sind Hilfsmittel mit
Seele», sagt Ebersberger.
Für die erste Übung des
Tages wirft Ebersberger zunächst eine Holzscheibe mit einem
grünen Kreuz darauf auf den Boden und ruft «Drück
Licht!». Neele beschnuppert neugierig das vermeintliche Spielzeug.
Als sie die Scheibe auch mit der Pfote berührt, gibt Ebersberger
ein Signal. Neele weiß jetzt, dass sie etwas richtig gemacht hat
und läuft zur Trainerin, wo sie auch prompt ein Leckerchen und ein
dickes Lob bekommt. Im Laufe des Trainings wird die Scheibe immer
näher an einen Lichtschalter gerückt, bis Ebersberger die
Scheibe weglassen kann und ein grünes Kreuz direkt auf den Schalter
klebt. Neele kann dann für ihr neues Herrchen mit der Pfote das
Licht anmachen.
«Ich arbeite mit der klassischen
Konditionierung nach Pawlow: Dem Reiz folgt eine
bestimmte Reaktion und darauf die Bestätigung», erklärt
Ebersberger. «Dem Hund wird damit suggeriert, dass die Arbeit, die
er machen soll, das Tollste überhaupt ist.» Auf diese Weise
hat die gebürtige Ungarin in 24 Berufsjahren bereits mehr als 100
Hunde ausgebildet. Sechs Monate dauert so ein Training, drei Tiere kann
Ebersberger gleichzeitig betreuen. Dabei gibt es zahlreiche
Einsatzgebiete für die gelehrigen Vierbeiner: als Blindenhund, als
Signalhund für Hörgeschädigte oder eben als
Behindertenbegleithund wie Neele.
Das Licht ein- und auszuschalten ist dabei noch
eine der leichtesten Aufgaben. Die Hunde sollen den
Behinderten unter anderem beim An- und Ausziehen helfen oder Dinge
apportieren. Das übt Ebersberger mit verschiedenen
Gegenständen. Begonnen wird mit einem kleinen Stofftier, das der
Hund leicht ins Maul nehmen kann, später kommen schwierigere
Gegenstände wie eine Bürste oder ein Handy dazu.
Neele kann schon eine Bürste bringen. Aber ein Lob bekommt sie
erst, als sie ihre «Beute» punktgenau in
der Hand der Trainerin ablegt.
«Wenn der Hund etwas nicht richtig macht, ignoriere ich ihn
einfach», erklärt Ebersberger. Ein scharfes
«Nein» gibt es nur, wenn das Tier etwas
macht, was es nicht soll, etwa mit dem Gegenstand spielt, statt ihn zu
bringen. Strafen sind völlig tabu.
Ein besonders schwerer Job wartet
auf Chico. Der eineinhalbjährige Labrador soll einmal einem blinden
Menschen «die Augen ersetzen». Für sein Training legt
ihm Ebersberger erstmal sein Geschirr an, dann geht es los auf eine
Übungsrunde rund um die Hundeschule. Immer wenn die beiden an
markanten Punkten wie einer Treppe oder einer Haltestelle vorbeikommen,
wiederholt Ebersberger das dazugehörige Wort.
«"Wagen" steht für alles, was fährt, wie
Straßenbahn oder Bus», erklärt Ebersberger.
«Bank» bedeutet nur Sitzbank - wenn der Blinde zum
Kreditinstitut will, muss er «Konto» sagen. Ziel ist, dass
der Blindenhund später selbstständig den Weg zu einem
bestimmten Ziel findet. Dafür muss er insgesamt 36 Hörzeichen
befolgen können.
Labradore sind für die
Arbeit als Assistenzhund besonders gut geeignet, erklärt
Ebersberger. «Die sind so verfressen.» Ihr Streben nach
«wölfischem Bargeld», wie Ebersberger die Leckerchen
nennt, ist es auch, was die Hunde bei ihrer Arbeit mit den Menschen
antreibt.
«Der Hund baut zwar eine enge emotionale
Bindung zu seinem Herrchen auf. Aber er hilft nicht nur
aus Liebe, sondern auch wegen der Belohnung.»
Als Entgelt für diese
Arbeitsleistung reicht allerdings ein Napf Futter täglich nicht
aus. Ein von Ebersberger ausgebildeter Hund kostet 20 000 Euro. Die
Krankenkassen zahlen nur für Blindenhunde, alle anderen tierischen
Helfer müssen vom Behinderten selbst bezahlt werden. Allerdings
arbeitet Ebersberger mit der Kynos Stiftung zusammen. «Wir haben
uns zum Ziel gesetzt, mit Hilfe von Spenden möglichst vielen
Menschen einen vierbeinigen Begleiter zu einem Bruchteil des
eigentlichen Preises zur Seite zu stellen», erklärt Petra
Kolbe, Geschäftsführerin des Fördervereins der Stiftung.
Manche Züchter schenken der Stiftung Welpen, die in Patenfamilien
heranwachsen, wo sie nach vorgegebenen Regeln erste
Grundfähigkeiten erwerben sollen. «Wir suchen auch immer nach
verantwortungsbewussten Patenfamilien im Umkreis von 150 Kilometern um
Rostock», so Kolbe.
Später kommen die Tiere dann zu Ebersberger,
die die Hunde der Stiftung nach eigenen Angaben zum
Selbstkostenpreis ausbildet: «Mir reicht es, wenn ich die Freude
eines Rollstuhlfahrers sehe, die ihm der Hund bereitet.» Um den
Hund am Ende seiner Ausbildung an die Gegebenheiten beim neuen Herrchen
zu gewöhnen, begleitet Ebersberger ihn 14 Tage lang an seine neue
Wirkungsstätte. In dieser Zeit muss sich die Trainerin von ihrem
Schützling distanzieren. «Bei einer zu großen
emotionalen Bindung zu mir denkt der Hund, er sei nur zu Besuch.»
Es gibt auch am Ende keinen herzlichen Abschied, um dem Hund den
Übergang zu erleichtern: «Wenn ich einen Hund abgebe, schalte
ich mein Herz aus.»
(Internet:
www.assistenzhundeschule-ebersberger.de,
www.kynos-
stiftung.de)