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Rede
von Bischof Franz Kamphaus, Limburg, aus Anlaß der Verleihung des
Ignatz-Bubis-Prreises der
Stadt
Frankfurt am Montag, 12. Januar 2004, in der Frankfurter Paulskirche
Der
Preis der Toleranz
Der
Weltraumfahrer blickt auf die Erde - Sie kennen das Bild: Unser blauer Planet
mitten im schwarzen
All. Zum
ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben wir die ganze Erde vor Augen,
nicht nur in
Nachbildungen
aus Pappmachée, nicht nur in unseren Träumen und Phantasien, sondern real: Der
Blick
auf den
Globus! Das prägt unsere Weltsicht. Alle sprechen von „Globalisierung“. Globale
Handelsbeziehungen,
globale Politik, globale Kommunikation - eine Welt.
Mit dem
Trend zur Globalisierung steigt die Pluralisierung. Beide sind Signaturen
dieser Zeit. Sie
widersprechen
sich nicht, sondern gehören zusammen. Die Globalisierung vereinheitlicht nicht
nur, die
sozialen
Verhältnisse werden vielgestaltiger. Wie rasch das geschieht, kann man in
Großstädten wie
Frankfurt
oder Berlin erleben. Neben Kirchen stehen Moscheen (in Frankfurt über 30),
neben der Fastenzeit
praktizieren
Menschen den Ramadan. Gasthäuser oder Gemüseläden wechseln ihre Besitzer und
tragen
plötzlich
ausländische Namen. Über Nacht sehen ganze Stadtviertel exotisch aus. Global
und plural -
Einheit
und Vielfalt kennzeichnen unsere Welt. Sie ist in Bewegung geraten, nicht
wenige fürchten, aus
den
Fugen. Das verunsichert, ängstigt, birgt in jedem Fall Konfliktstoff in sich,
sogar Sprengstoff.
1.
Einheit und Vielfalt des Menschengeschlechts als Herausforderung zur Toleranz
Das
friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen
ergibt sich
nicht
von selbst. Unbedarfte Multi-Kulti-Träume zerplatzen an der rauen Realität. Die
globale Perspektive
des
Universalismus sitzt uns nicht in Fleisch und Blut. Da sitzt etwas ganz
anderes, wie Soziobiologen
und
Verhaltensforscher lehren. Das stammesgesellschaftliche Erbe eicht uns darauf,
dem Anderen und
mehr
noch dem Fremden mit Misstrauen oder gar mit Feindseligkeit zu begegnen. Wir
gewinnen
unsere
individuelle und auch kollektive Identität zunächst auf dem Wege von Abgrenzung
und
Ausgrenzung.
Der Universalismus eines weltweiten Gleichheitsprinzips - so der Biologe und
Anthropologe
Christian Vogel - ist uns gerade nicht angeboren, er bedeutet eine Kulturleistung
höchsten
Grades.
Sie muss einer ständig widerstrebenden Natur des Menschen abgetrotzt werden.
Hierbei hat
die
jüdisch-christliche Tradition bahnbrechend gewirkt. Sie hat das Verhältnis von
Einheit und Vielfalt
des
Menschengeschlechtes (Globalisierung und Pluralität) in unserer
Kulturgeschichte nachhaltig geprägt.
In den
alten Kulturen unseres Lebensraumes wird dieses Menschheitsthema religiös
beantwortet: Die
polytheistische
Weltsicht geht von der Vielfalt der Völker und der verehrten Götter aus; die
Einheit
dagegen
ist oft das nachträgliche Ergebnis religionsphilosophischer Deutung oder
vertraglicher
Regelung
nach gewaltsamen Eroberungen. Anders die Konzeption des Monotheismus, wie er
sich in
der
Bibel durchsetzte. Er versucht von vorneherein Einheit und Vielfalt zu
verbinden, wie das Buch
Genesis
zeigt. Die Genealogien und die so genannte Völkertafel stellen klar, dass alle
von einem
Urelternpaar
abstammen, dass alle Söhne und Töchter des einen Gottes sind. Die biblischen
Autoren
kennen
durchaus Völker, die schuldig werden und die dann die Geschichte bestraft. Aber
gerade in der
Völkertafel
nutzen sie das sonst charakteristische Abstammungs- oder Stammbaumdenken nicht,
um
den
Vorrang eines bestimmten Volkes, sondern um im Gegenteil die ursprüngliche
Gleichheit und
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Zusammengehörigkeit
aller Völker zu begründen. Die Grundaussage des Monotheismus lautet: Ein
Gott -
eine Menschheit, sie lautet nicht: Ein Gott – ein Reich – ein Kaiser, und schon
gar nicht: ein Gott
– ein
Volk – ein Führer. ‘Gott’ ist auf die ganze Menschheit bezogen - anders ist er
kein Thema. Götter
sind
pluralisierbar und regionalisierbar, nicht aber Gott. Der ist nur ‘mein’ Gott,
wenn er auch ‘dein’
Gott
ist, er ist nur ‘unser’ Gott, wenn er auch der Gott aller Menschen ist.
Die
Geschwisterlichkeit aller Völker und Menschen wird in der ersten
Schöpfungsgeschichte mit der
Gottebenbildlichkeit
verbunden. Das ist revolutionär. Es sind eben keine Tiere oder Statuen, die als
wirkmächtige
Repräsentationen Gottes in der Schöpfung gelten, auch keine Priester oder
Könige. Der
Mensch
ist es, jeder Mensch, Adam und Eva, Mann und Frau. Mit Recht wird diese
biblische
Grundaussage
als Fundament der Demokratisierung sozialer und politischer Beziehungen bezeichnet.
Sie
setzt radikaler an als das altgriechische Demokratie-Modell. Das betrifft
nämlich nur den kleinen
Kreis
freier und begüterter Männer. Die jüdisch-christliche Tradition duldet keine
Ausnahmen, sie ist
anti-elitär.
Jeder Mensch ist Mensch; nicht der eine mehr, der andere weniger; nicht der
eine wertvoll,
der
andere unwert. Dass gerade die Kranken, die Armen, die Verlierer in ihrer Würde
unantastbar sind,
das ist
jüdisch-christliches Erbe. Wer gegenwärtig das Soziale neu zu denken
beansprucht, muss sich
zu
allererst dieses Fundaments vergewissern.
Der
biblische Universalismus hat die Überwindung von Stammesdenken, Rassismus,
Nationalismus
und
Reichsideologie möglich gemacht. Er hat die Idee der Menschenrechte inspiriert,
lange bevor sie
in
Gesetzen und Verfassungen ihren Ausdruck gefunden hat. Wachsamkeit ist
angesagt, damit dieses
Geschenk
nicht auf dem Markt postmoderner Beliebigkeiten verschleudert wird. Dort wird
polytheistisch
das Lob
der Vielfalt gesungen und behauptet, der universalistische Monotheismus bedeute
Gewalt,
sei im
Prinzip intolerant und latent totalitär. Dabei ist er jedenfalls faktisch der
Wegbereiter der
abendländischen
Toleranzgeschichte. Er hält die Spannung zwischen Einheit und Vielfalt des
Menschengeschlechtes
aus und stellt sich der damit gegebenen Verantwortung der Menschen
füreinander
durch die Tugend der Toleranz.
2.
Tolerare heißt „durchtragen“
Der
lateinische Begriff „tolerantia“ taucht erstmals in der stoischen Philosophie
auf, vor allem bei
Cicero,
allerdings nicht in der uns geläufigen Bedeutung. Darauf hat der Frankfurter
Philosoph Rainer
Forst
(Toleranz im Konflikt) jüngst aufmerksam gemacht. Wenn wir ‘Toleranz’ hören,
denken wir an
soziale
Beziehungen. Der stoische Begriff ‘tolerantia’ betrifft das Verhältnis des
Menschen zu sich
selbst,
die Fähigkeit etwa, ein schweres Schicksal zu tragen. Dass die Bedeutung des
Wortes sich in
unserem
Sinne verändert hat, ist den altlateinischen Bibelübersetzern, vor allem der
Paulusbriefe, zu
verdanken.
„Nicht die römischen Klassiker, sondern die Kirchenväter und
frühmittelalterlichen Theologen
haben
aus ‘tolerantia’ eine soziale Tugend, einen Leitbegriff zwischenmenschlichen
Verhaltens und
christlicher
Gemeinschaftsbildung gemacht“ (Geschichtliche Grundbegriffe 447 f.). „Die Liebe
(er)trägt
alles“
(1 Kor 13,7). „Einer trage des anderen Last“ (Gal 6,2). Prototyp dieser Haltung
ist der leidende
Gerechte,
der Gottesknecht (Deutero Jesaja), den die Christen im Juden Jesus aus Nazareth
verehren.
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In der
gegenwärtigen Diskussion über die Toleranz als politischer Kardinaltugend ist
dieser nüchterne
Ursprungssinn
des Wortes in Erinnerung zu rufen. Von Toleranz zu sprechen, wenn man das
Andere in
seiner
Vielfalt als Bereicherung erfährt, verharmlost das Wort. Schönes und
Bereicherndes aufzunehmen
bedarf
nicht der Toleranz. Welche Frau würde sagen, sie toleriere ihren Mann? Eher
schon, sie liebe
ihren
Mann, deswegen toleriere sie seine Schlamperei. Die Toleranz steht zwischen
Ablehnung und
uneingeschränkter
Bejahung. Sie hält dazu an, etwas zu ertragen, was eigentlich unerträglich
erscheint.
R. Forst
spricht von einer „Ablehnungs-Komponente“. Ohne sie verliert der Begriff seinen
Sinn. Toleranz
bedeutet
die Fähigkeit, eine andere Überzeugung oder ein anderes Verhalten - mitunter
zähneknirschend
-
auszuhalten, durchzutragen, hinzunehmen.
Das hat
eine wichtige Konsequenz: Zwar eröffnet Toleranz einen sozialen Raum, in dem
Zusammenleben
möglich
ist. Aber dieser Raum ist begrenzt. Es ist ein Unding, grenzenlos tolerant zu
sein. Eine
Gemeinschaft
oder Gesellschaft, die keine Grenzen der Toleranz kennt und alles erlaubt,
zerstört sich
selbst.
Das ist zwangsläufig so, weil unbegrenzte Toleranz auch ihren Feinden freie
Hand lassen müsste.
Paulus
sagt zwar, die Liebe ertrage „alles“. Wenn er aber die Wahrheit und Freiheit
des Evangeliums
bedroht
sieht, also die Grundlage der Toleranz, dann kennt er kein Pardon.
Tolerant
kann nur sein, wer einen Standpunkt hat. Die Toleranz rät nicht, dass wir im
Zeitgespräch, im
Gespräch
mit anderen Religionen und Kulturen Unterschiede kaschieren, sondern dass wir
sie aushalten
im
Respekt voreinander. Sie verlangt Entschiedenheit, verbietet dabei aber jede
Form innerer oder
äußerer
Pression und Gewalt. Simone Weil, eine jüdische Grenzgängerin zwischen den
Religionen,
sagt: „Der
falsche Gott macht aus dem Leiden Gewalt. Der wahre Gott macht aus der Gewalt
Leiden.“
Wer
hätte das in seiner Geschichte mehr zu spüren bekommen als das jüdische Volk.
3. Die
Last kirchlicher Intoleranz
Man kann
sich als Christ, Katholik und Bischof drehen und wenden, wie man will, am Ende
kommt
man doch
nicht um das ehrliche Eingeständnis herum, dass auf der Geschichte des
Christentums eine
schwere
Hypothek lastet. So berechtigt es ist, gegenüber vorschnellen Urteilen auf
größere historische
Genauigkeit
und Gerechtigkeit zu drängen, am Kern der Schuld ändert das nichts: Der
christliche
Antijudaismus
mit seinen abgründigen Folgen bleibt eine Schande. An dieser schweren Last hat
die
Kirche
als ganze zu tragen, das trifft nicht nur einzelne Gläubige. Es geht nicht an,
dass wir die Kirche
auf der
Sonnenseite christlicher Toleranzgeschichte erstrahlen lassen und die langen
Schatten nur
einzelnen
Christen anhängen.
Nicht
zur Entschuldigung, sondern zur Schärfung unserer heutigen Verantwortung sei
gleichwohl dieses
zu
bedenken gegeben: Die schrecklichsten Verbrechen sind nicht selten in bester
Absicht verübt worden,
sogar
aus Liebe. Steckt nicht oft hinter theologischer Streitsucht und Rechthaberei
zugleich eine
Leidenschaft
für die Wahrheit, hinter brutalem Zwang und roher Gewalt auch die Sorge um Wohl
und
Wehe und
das Heil von Menschen? Heiliger Eifer - und die unseligen Folgen! Wir haben
allen Grund,
solche
Perversionen zu verurteilen. Aber wir sollten nicht unterschätzen, wie nah uns
selbst diese
Versuchung
ist, jeder und jedem persönlich und in der großen Politik. „Und willst Du nicht
mein Bruder
sein,
dann schlag´ ich Dir den Schädel ein“ – dieses schreckliche Sprichwort bringt
die Sache auf den
Punkt.
Einen Mitmenschen zu seinem Heil zwingen zu wollen, ist immer gefährlich und in
der Regel
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zerstörerisch.
Am Schlimmsten kommt es, wenn wirtschaftliche, politische oder militärische
Macht zur
Verfügung
stehen und zu diesem Zweck eingesetzt wird. Das spricht entschieden für die
Trennung von
Religion
und Staat. Sie tut der Religion gut, die soll in ihrem Heilsauftrag auf nichts
anderes vertrauen
als auf
Gottes Wort. Aber sie tut nicht nur der Religion gut. Das 20. Jahrhundert hat
auf höllische
Weise
gezeigt, was geschieht, wenn der Staat sich anmaßt, seine Bürgerinnen und
Bürger erlösen zu
wollen.
Von
kirchlicher Seite ist häufig argumentiert worden, es sei eine heilige Pflicht,
die Menschen zu lieben
und
gerade deswegen Irrtum und Sünde zu bekämpfen. Das ist wahr. Aber zugleich
beweist die
Geschichte,
dass der Kampf gegen Irrtum und Sünde nur dann nicht zum Kampf gegen irrende
und
sündige
Menschen wird, wenn die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen, selbst die
des
Verbrechers
und sogar des Terroristen das absolute Richtmass des Handelns bleibt, für Staat
und
Religion
gleichermaßen. Selbst das geringste Zugeständnis an unsere Neigung, der
Freiheit zu misstrauen
und um
des Menschen willen Grundrechte – voran das Recht auf Gewissens-, Meinungs- und
Religionsfreiheit
- zu beschneiden, hat in aller Regel gefährliche Konsequenzen. „Irren ist
menschlich“.
Darum
müssen Menschen irren dürfen, auch in Sachen Religion. Es gibt schwerwiegende
und folgenreiche,
manchmal
fatale Irrtümer. Sie stellen unsere Toleranz auf eine harte Probe. Gegen sie
anzukämpfen, ist
Sache
des Arguments und der Aufklärung, nicht der Gewalt.
Darf man
das als wahr Erkannte denen aufdrücken oder gar aufzwingen wollen, die sich
weigern, sich
überzeugen
zu lassen? Die Frage hat es in sich. Sie ist nicht allein damit schon
beantwortet, dass man
die
unsägliche Litanei kirchlicher Untaten von den Ketzerverfolgungen bis zu den
Hexenverbrennungen
von der
Zwangsmission bis zu den Kreuzzügen herauf und herunter betet. Schließlicht
vergisst man
darüber,
dass wir heute gesamtgesellschaftlich/politisch mit aller aufgeklärten Vernunft
denselben
Versuchungen
erliegen können. Stehen wir nicht unter dem Leitbegriff „Humanitäre
Intervention“ vor
dem gleichen
politischen, rechtlichen und moralischen Problem, allemal dann, wenn das
Völkerrecht
übergangen
wird? Haben diejenigen völlig unrecht, die in der mit Macht betriebenen
Globalisierung
die
Versuchung zum Kulturimperialismus wittern? Selbst der Einsatz für die
Menschenrechte kann zum
Menschenrechtsimperialismus
entarten, wenn menschen- und völkerrechtswidrige Mittel und Methoden
eingesetzt
werden.
Die
Kirche hat ihre Erfahrung gemacht mit der Macht und Gewalt im Bunde. Könnte sie
nicht aus dieser
Erfahrung
heraus heute zum Anwalt der Freiheit werden, vorab der Gewaltfreiheit? Ein
Kirchentraum!
Die
Paulskirche regt dazu an. Denn hier verbindet sich symbolisch die Freiheit -
man höre und staune
- mit
einer Kirche. Dann muss sich doch auch umgekehrt die Kirche mit der Freiheit
verbinden lassen,
nicht
abstrakt, sondern in der Erfahrung der Menschen. Nur so ist sie zukunftsfähig,
weil sie nur so
dem
Evangelium treu bleibt.
4.Toleranz
im Postmodernismus
Einer
der schönsten Filme mit Charly Chaplin trägt den Titel „Moderne Zeiten“.
Inzwischen ist Chaplin
tot, und
wir leben, so sagen die Deuter des Zeitgeistes, in postmodernen Zeiten.
Genaueres darüber
zu
erfahren, ist nicht ganz leicht. Eines scheint immerhin klar: Die Postmoderne
unterscheidet sich von
vormodernen
und modernen Zeiten dadurch, dass ihre Repräsentanten jeden allgemein
verbindlichen
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Wahrheitsanspruch
ablehnen, gleich ob er religiös, moralisch, philosophisch oder politisch
begründet
wird.
All das, heißt es, sei totalitäres Denken und damit intolerant. Umgekehrt
findet der postmoderne
Mensch
alles erlaubt und irgendwie aufregend. „Anything goes“. Der Soziologe Peter L.
Berger hat
diese
Geisteshaltung aus seinen Erfahrungen in Amerika mit liebenswürdiger Bissigkeit
so charakterisiert:
„Die
Kinder aufrechter, durch und durch protestantischer Durchschnittsbürger werden
zu libertären
Bohemiens,
die alles tolerieren außer Intoleranz: `Ach, Sie sind Kannibale? Wie
interessant! Ich glaube,
wir
würden allesamt viel gewinnen, wenn wir Ihren Standpunkt besser verstünden.´“
Berger vermerkt,
die
Kinder dieser Bohemiens schlössen sich mit Vorliebe jeder Art von Fanatismus
an, die ihnen begegne.
Eine
grenzenlose Toleranz mündet nicht nur politisch, sondern auch psychologisch in
einen zerstörerischen
Selbstwiderspruch.
Der
Umschlag grenzenloser Toleranz in fanatische Intoleranz geschieht, nicht
plötzlich und unvermittelt,
er hat
seinen Grund. Das Leben erlaubt keine absolute Beliebigkeit, so oder so
erzwingt es Festlegungen.
Der
Postmodernismus ist der verzweifelte Versuch, stets alle Möglichkeiten offen zu
halten, ohne sich
wirklich
zu entscheiden. Er ist bis in die Knochen flexibel (vgl. Richard Sennett, Der
flexible Mensch).
Man
vertritt Positionen, wie jemand Staubsauger oder Handys vertritt und immer mal
Produkt und
Firma
wechselt - ohne sein Herz daran zu hängen, geschweige denn sein Leben. Auf der
Strecke bleibt
dabei
jene Entschiedenheit, mit der man nur so und nicht auch anders denkt und
handelt. Das dient
nicht
der Toleranz, es macht sie überflüssig, weil alles gleich-gültig ist.
Niemand
kann gleichzeitig schwimmen und fliegen. Es gibt keine „menschenfreundlichen
Menschenfresser“
(Octavio Paz), keine Täter ohne Opfer. Deswegen ist es unmöglich, zugleich dem
Moloch
zu dienen und Gott, dem „Freund des Lebens“ (Weish 12,6). „Anything goes“ geht
nicht.
Fanatische
Intoleranz lässt sich nicht durch grenzenlose Toleranz überwinden; die ist
entweder blind
oder
zynisch, sie bahnt faktisch dem Fundamentalismus den Weg. Das Leben hat seinen
eigenen
Ernst,
der lässt sich nicht ungestraft überspielen. Wenn alles geht, kommt es auf
nichts mehr an. Wenn
nichts
mehr zählt, zählt am Ende nur noch, was sich auszahlt.
Ein
letztes Mal also: Was macht Toleranz im Sinne dieses Wortes aus? Worin besteht
ihr Preis? Unter
„anständigen
Leuten“ gehört es sich nicht, immer nur die anderen die Zeche zahlen zu lassen,
schon
gar
nicht gegen deren Willen. Darin freilich stimmen absolute Toleranz und
Intoleranz überein, berühren
sich auf
seltsame Weise die Extreme: Immer sind es andere, meist Unschuldige, die
zahlen, die bluten
müssen.
Auch Toleranz im Sinne dieses Wortes kostet ihren Preis, und zwar für den, der
sie übt. Sie
schmerzt,
daran führt kein Weg vorbei. Noch mal: „Tolerare“ heißt „durchtragen“. In einer
Gesellschaft,
die kaum
etwas mehr fürchtet als Leiden, verbirgt sich hinter dem Deckmantel
grenzenloser Toleranz
die
Weigerung, die Last des Schmerzes durchzutragen. Nur der leidensfähige Mensch
ist zur Toleranz
fähig.
Das sagt
sich leicht, und gerade Christen tun mitunter so, als liebten sie das Leiden
über alles, als
bestünde
darin der Gipfel christlichen Glaubens. Gott bewahre! Leiden müssen kann nur
gut finden,
wer
krank ist. Wir fürchten das Leiden zu Recht. Darum braucht es einen guten
Grund, den Schmerz der
Toleranz
auf sich zu nehmen. Sie muss diesen Preis wert sein, und sie ist es. Sie
schafft mitten in einer
unvollkommenen
Welt einen Lebensraum, Luft zum Atmen. Da wir weder im Paradies leben noch im
Himmel,
tut Toleranz not. Denn mitten im Weizen - sagt das Gleichnis - wächst Unkraut.
Es bringt uns
keinen
Schritt weiter, das Unkraut im fundamentalistischen Übereifer vor der Zeit
auszureißen,
geschweige
denn den Unterschied zwischen Unkraut und Weizen postmodernistisch zu leugnen.
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Die
bunte Vielfalt grenzenloser Toleranz macht Spaß, sagt der Postmodernismus. Wer
sich an den Sinn
des
Wortes Toleranz hält und ihre Kosten (ihren Preis) auf sich nimmt („durchträgt“),
mag leicht als
Spaßverderber
gelten. Zudem gerät er scheinbar in eine Zwickmühle: Er will tolerant sein und
doch der
Toleranz
Grenzen setzen. Das alles verleiht in religiöser Hinsicht dem Polytheismus
heute weithin einen
fast
unwiderstehlichen Charme. Zeitgleich mit seiner Friedenspreisrede hier in der
Paulskirche schrieb
Martin
Walser in der Neuen Züricher Zeitung: „Da war in jedem Baum, in jeder Quelle
und in jedem
Bach ein
anderer Gott. Unvorstellbar, dass unterm Schirm einer über Wiesen und Wälder
hingestreuten
Göttervielfalt
dem Planeten je hätte Gefahr drohen können.“ Zugegeben, gemessen an diesem
bunten
polytheistischen
Idyll wirkt der eifersüchtige Gott Israels, der fürs Ganze steht und es
zusammen hält,
auf den
ersten Blick erschreckend und fremd. Zugegeben auch, dass kein Monotheismus
sich logisch
mit „einer
über Wiesen und Wälder hingestreuten Göttervielfalt“ verträgt. Gott im Plural
gibt es da
nicht.
Um des einen Gottes und der einen Menschheit willen scheut der monotheistische
Glaube keine
Überzeugungskonflikte,
die sich aus seinem Wahrheitsanspruch ergeben, er provoziert sie, wenn es
darauf
ankommt. Trotzdem nötigt er weder im Judentum, noch im Christentum noch im
Islam dazu,
Andersgläubige
und ihre Religion auszugrenzen oder gar auszurotten. So denken neben den
Gegnern
und
Feinden der Frommen nur die Frömmler aller Couleur und arbeiten sich darin
gegenseitig in die
Hände.
Doch man muss nur den Glauben an Gott gemäß den drei abrahamitischen Religionen
zu Ende
denken,
um zu begreifen, warum die Gerechten unter den Frommen es getrost eben diesem
Gott
überlassen,
die Spreu vom Weizen zu trennen. Den übrigen sei ein visionärer Text des
Propheten Micha
in Kopf
und Herz geschrieben - in unserem Stammbuch steht er -: „Am Ende der Tage wird
es geschehen:
Der Berg
mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt
alle Hügel.
Zu ihm
strömen die Völker ... Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen. Denn alle Völker
gehen ihren
Weg,
jedes ruft den Namen seines Gottes an; wir aber gehen unseren Weg im Namen des
Herrn,
unseres
Gottes, für immer und ewig“ (Micha 4,1-5).
Auch der
Monotheismus hat seine Träume. Ich wünschte mir von Herzen, Michas Vision würde
heute
die
politische Phantasie im Nahen Osten beflügeln. Denn gerade die monotheistischen
Religionen
wollen
die Welt verändern auf die Einheit in Vielfalt hin. Sie vergessen über ihren
Träumen nicht, in
welcher
Welt wir jetzt leben. In ihr hausen, um in Walsers Bild zu bleiben, in den
Wiesen und Wäldern,
Bächen
und Quellen nicht nur Götter und Nymphen, sondern auch Kobolde, Dämonen und
gefräßige
Götzen.
In dieser Welt überleben und dabei menschlich bleiben kann nur, wer zwischen
den einen und
den
anderen Wesen zu unterscheiden weiß, nur so kann er den zerstörerischen Mächten
widerstehen.
Scheinbar
ist der Falle, zwischen grenzenloser Toleranz und fundamentalistischer
Intoleranz wählen zu
müssen,
nicht zu entrinnen. Der Glaubende lässt sich durch die verführerischen Lockrufe
zur Linken wie
zur
Rechten nicht beirren. Er wappnet sich mit der bloßen (nackten) Toleranz und
trägt deren Last
durch.
Und siehe da, in dem Moment, da er sich ein Herz fasst und mit „brennender
Geduld“ (Antonio
Skarmeta)
einer besseren Welt entgegen geht, die zu schaffen seine Kräfte übersteigt, da
fällt auf
seine
schmerzhafte Sehnsucht, auf das Leid seiner unerfüllten Liebe ein Glanz, matt
noch, aber dennoch
wundersam.
Das ist der Preis, den die Toleranz empfängt, ein Geschenk des Himmels. Es
wiegt alle
Kosten
tausendfach auf.