Ein Nachrichtendienst ohne Barrieren
Behinderte Menschen betreiben in Frankfurt eine
Internet-Presseagentur Was ist kobinet? Was sich für manchen
vielleicht anhört wie ein neues Getränk
oder Haushaltsgerät, steht tatsächlich für
Kooperation Behinderter im Internet. Der
Nachrichtendienst verbreitet im Netz Meldungen, Berichte und
Reportagen über Themen, die behinderten Menschen unter den
Nägeln brennen und die Menschen ohne Behinderungen ebenso
interessiert lesen.
Frankfurt am Main (pia) Nach einer Probephase von
knapp einem Jahr wurde im August 2002 kobinet als
ehrenamtlich betriebene Nachrichtenagentur in Frankfurt von
Selbsthilfeverbänden aus Deutschland und Österreich
gestartet. Auch Schweizer Verbände kamen später noch
hinzu. Das Interesse an Beiträgen zum Thema Menschen und
Behinderung übertraf die kühnsten Erwartungen.
Heute registrieren wir bei kobinet rund 500.000
Seitenzugriffe im Monat, und Anfang Mai konnten wir den 10.000.
Artikel im Archiv verzeichnen, sagt Harald Reutershahn
stolz. Der Frankfurter Rollstuhlfahrer ist einer der Initiatoren
des Projektes. Zusammen mit dem fast blinden Publizisten Ottmar
Miles-Paul aus Kassel betreut Reutershahn die Agentur schon seit
ihrem Start. Inzwischen haben sich weitere Frauen und Männer
mit unterschiedlichen Behinderungen aus Berlin, Hamburg und
Mulfingen in Baden-Württemberg als Wort- und
Bild-Redakteurinnen und -Redakteure in den Dienst der guten Sache
gestellt, wie Reutershahn berichtet. Wir alle schreiben und
redigieren ehrenamtlich die Beiträge, ergänzt
Miles-Paul. Zu den Redaktionssitzungen kommen die Mitarbeiter
regelmäßig aus ihren Heimatorten in die zentral
gelegene Mainstadt. Träger der Agentur ist der
gemeinnützige Verein kobinet e.V. Initiator Reutershahn hat
sich die für die Agenturarbeit notwendigen journalistischen
und EDV-Kenntnisse autodidaktisch erarbeitet. Der 52 Jahre alte
Hesse leidet unter der angeborenen progressiven Muskeldystrophie
und sitzt im Rollstuhl, seit er 15 Jahre alt ist. Die Realschule
blieb für den schwer behinderten Schüler zunächst
verschlossen: Nicht weil ich zu dumm war, sondern weil das
Gebäude für einen Menschen im Rollstuhl
unzugänglich war, erzählt Reutershahn. Die letzten
zwei Jahre unterrichteten ihn die Lehrer dann jedoch zu Hause, so
dass er den Realschulabschluss schaffen konnte. Anschließend
erlernte er im Berufsbildungswerk der katholischen Kölner
Josefsgesellschaft den Beruf des Bürokaufmanns, fand jedoch
nach der Lehre keinen Arbeitsplatz. Schließlich kam er in
Frankfurt beim Club Behinderter und ihrer Freunde (CeebF) unter.
Trotz schwächer werdender Muskulatur war er mehr als 15 Jahre
berufstätig, dann konnte ich nicht mehr. Seitdem
engagiert Reutershahn sich ehrenamtlich für die Interessen
behinderter Menschen. 1981, im Jahr der Behinderten,
prangerte er im Krüppeltribunal die
Diskriminierung behinderter Menschen an. Dabei lernte er viele der
Frauen und Männer mit schweren und schwersten Behinderungen
kennen, die heute für kobinet berichten. 1990 initiierte er
den Zusammenschluss der Selbsthilfeorganisationen in Frankfurt zu
einer Arbeitsgemeinschaft, die er bis 1992 leitete.
Für die Idee, einen Nachrichtendienst mit
Beiträgen von und über Menschen mit und ohne
Behinderungen im deutschen Sprachraum zu schaffen, suchten
Reutershahn und Ottmar Miles-Paul über zwei Jahre Sponsoren.
So konnten wir im Sommer 2002 mit Unterstützung der
Kölner Computerfirma dimedis ein Redaktionssystem
einführen, das uns in der journalistischen Arbeit sehr
flexibel macht, sagt Reutershahn. Die ehrenamtlich
betriebene Nachrichtenagentur erhält bisher keine
Förderung, sondern finanziert sich ausschließlich durch
gelegentliche Zuwendungen von Sponsoren und Anzeigenschaltungen.
Diese Unabhängigkeit habe den Vorteil, stellt Miles-Paul
fest, dass wir einen kritischen und unabhängigen
Nachrichtendienst zu Behindertenfragen betreiben
können. Allerdings bedeutet dies auch, dass die
Korrespondentinnen und Korrespondenten nicht nur ihre Arbeitskraft
ehrenamtlich einbringen, sondern dass auch Computer und
Leitungsgebühren aus eigener Tasche bezahlt werden
müssen.
Ob barrierefreier Tourismus,
Föderalismusdebatte oder Antidiskriminierungsrecht - an
Themen mangelt es der Agentur gewiss nicht. Allein die 70 im
Netzwerk Artikel 3 zusammengeschlossenen bundesweiten
Verbände, die auch zwölf Jahre nach der Aufnahme des
Satzes Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt
werden in Artikel 3 Grundgesetz um dessen Verwirklichung
ringen, liefern genug interessanten Stoff für
kobinet. Eine der Kampagnen, auf die andere Medien
durch kobinet-Berichte aufmerksam wurden, lautete in Abwandlung
eines Slogans der 68er Generation Marsch aus den
Institutionen - Reißt die Mauern nieder! Unter diesem
Motto engagieren sich viele der 160.000 Bewohnerinnen und Bewohner
der Pflegeheime in Deutschland dafür, in den eigenen vier
Wänden Assistenz und Pflege zu erhalten statt in
Großeinrichtungen auf der grünen Wiese.
Frankfurt, die Werbehauptstadt, der
Verlagsstandort und Internetknotenpunkt, beherbergt nicht nur die
Großen des Nachrichtengeschäfts wie dpa oder Associated
Press, sondern mit kobinet auch eine kleine
Nachrichtenagentur, die aktuell und umfassend über die
Leistungen, Wünsche und Probleme der Menschen mit
Behinderungen informiert. Keyvan Dahesch