Kommentar zum
Welttag
der behinderten Menschen am 3. Dezember 2007
Von Keyvan Dahesch
Werden in Deutschland behinderte
Menschen
diskriminiert? Ja,
sagt die
Bundesbehindertenbeauftragte Karin
Evers-Meyer.
Bei einem
Vortrag in Köln
fügte sie noch hinzu:
Wohlgemerkt:
im 21.
Jahrhundert!
Diskriminieren heißt trennen,
absondern. Wenn Kinder mit Behinderungen
nach der
Kindergarten-Zeit
von ihren Altersgenossen getrennt und in die Förderschule geschickt
werden, sind sie abgesondert.
Wenn sie sich später um einen
Arbeitsplatz bewerben, bekommen sie vielfach Absagen.
Die Firmenchefs
wissen
doch nichts von
den
Fähigkeiten und Leistungen dieser
Menschen. Sie haben sich ja
zuletzt vielleicht im Kindergarten
getroffen.
Deshalb ist die Zahl arbeitsloser
Menschen mit Handicap immer
noch viel höher als die der
Nichtbehinderten.
Während die
Arbeitslosigkeit nach
Angaben der Bundesregierung in den
letzten zwölf Monaten um 22 Prozent zurück
ging, sank sie bei Menschen mit
Behinderungen im selben Zeitraum nur um
10 Prozent.
Kinder mit und ohne
Behinderungen,
die zusammen aufwachsen,
Schule,
Studium und Berufsausbildung absolvieren, kennen einander genau,
wissen, wie sie sich
ergänzen
können.
Unsere nördlichen und westlichen
Nachbarländer zeigen, wie eine ernsthaft betriebene Integration
gehandicapter Menschen in Schule, Arbeit
und Gesellschaft aussehen
kann.
Dort gehen mehr als 80
Prozent der Kinder mit
Behinderungen in eine
Allgemeinbildende
Schule.
Bei uns haben bislang nur 12 Prozent
dieses Privileg. In
Skandinavien überweisen staatliche
Stellen den Menschen mit Handicap die
Kosten der nötigen
Hilfskräfte.
Dadurch werden die
Ehepartner und Familien
entlastet.
Hierzulande mussten
bis jetzt die Angehörigen die Pflege
und Unterstützung alleine
bewerkstelligen.
Mit einem persönlichen
Budget nach dem
Sozialgesetzbuch können vom nächsten Jahr an
schwerbehinderte
Menschen eine Pflegekraft einstellen und
ihr Leben somit
selbstbestimmt gestalten.
Diskriminiert werden behinderte
Menschen nicht nur durch Absonderung in Förderschulen, sondern auch
durch Barrieren, die nicht oder nur im Schneckentempo abgebaut werden.
Noch immer sind die meisten Bahnen,
Busse,
Flugzeuge, Telefone, Haushalts-,
elektro-, Radio- und Fernsehgeräte
voll solcher
Hindernisse.
Sie alle
sind
vielmehr an
den
Fähigkeiten junger
dynamischer Frauen und Männer
ausgerichtet.
Wären sie so angelegt, dass
sowohl Menschen mit als auch
ohne Behinderungen sie problemlos
erkennen, erreichen und benutzen
könnten,
bräuchte die
Wirtschaft nicht
so sehr
über
den Konsumverzicht zu jammern.
Denn schon wegen der demografischen
Entwicklung werden die
Menschen solche Geräte und Wege
benutzen, mit denen sie am besten zurecht kommen.
Es greift zu kurz, wenn Ministerin
Ursula von der Leyen Produkte für Senioren oder die
Bundesbeauftragte spezielle
Waren für Behinderte verlangen.
Bauten, Erzeugnisse und
Dienstleistungen, die alle Menschen ohne
Schwierigkeit nutzen können,
dürften
der
Renner
werden.
Sie müssen auch
nicht -
wie zurzeit viele Busse, Bahnen und
Haltestellen - für viel
Geld umgebaut und nachgerüstet
werden.
Warum klagten lange, lange vor dem jetzt geltenden
Rauchverbot Gastwirte über das
Wegbleiben der Kunden? Weil neben tatsächlicher oder
vermeintlicher
Verdoppelung der Verzehr- und
Getränkekosten nach der
Euro-Umstellung
die wenigsten Lokale ebenerdig
erreichbare Toiletten
haben!
Da die Mobilität
der Menschen mit zunehmendem Alter
naturgemäß nachlässt, wollen die Gasthausbesucher
nicht gern zur Toilette nach unten
in den Keller oder nach oben in
den ersten Stock
gehen.
Das gilt leider auch für die nicht
wenigen in
den letzten Jahren
errichteten
Konzert-Häuser, Kultur- und Sportstätten.
Parlamentarier,
die zum Welttag der
Behinderten die immer noch hohe Zahl
der
jobsuchenden
Menschen mit
Behinderungen
beklagen, haben deren schwierige
Situation
bei den Arbeitsmarktreformen nicht berücksichtigt.
Machte
die
Schwerfälligkeit
der Behörde
unter dem damaligen Namen
Bundesanstalt
für
Arbeit
die
Jobvermittlung
nicht leicht, war sie doch immerhin
die
einzige Anlaufstelle.
Heute müssen
Behinderte zunächst die
zuständige Stelle ausfindig
machen.
Die
Bundesagentur für
Arbeit kümmert sich um Menschen, die
schon gearbeitet und Anspruch auf
Arbeitslosengeld
I haben.
Behinderte Menschen, die
nach der Schule oder dem
Studium Arbeit suchen, gelten als
Arbeitslosengeld-II-Empfänger.
Sie sind auf
Kenntnisse, Kreativität und
Engagement eines mit Vertretern ihrer
Stadtverwaltung und der Arbeitsagentur
besetzten Gremiums
angewiesen.
Nach jahrelangem Drängen der
Wirtschafts-Lobby nun
dies: Im
Jahr 2000
hat der Gesetzgeber
die Verpflichtung der
Betriebe und Verwaltungen, mindestens
sechs Prozent ihrer Stellen mit schwer
behinderten Menschen zu besetzen, auf 5
Prozent gesenkt.
Dadurch ging die Ausgleichsabgabe
der Arbeitgeber für die nicht erfüllte
Beschäftigungsquote kontinuierlich
zurück.
Doch
der von
diesem Schritt erhoffte Rückgang der
Arbeitslosigkeit
behinderter Menschen
lässt bis heute auf sich warten.