Bei Kunsttherapeutin Schneidewind
werden «harte Jungs» zu Lyrikern Von Harald
Schmidt, dpa
Roßdorf (dpa/lhe) -
Stacheldraht und hohe Mauern gehören für Gundula Schneidewind
schon fast zum Alltag. Seit 19 Jahren kommt sie immer wieder ins
Gefängnis - allerdings nur stundenweise, denn die Künstlerin
und Kunsttherapeutin aus Roßdorf bei Darmstadt hat sich noch nie
etwas zuschuldenkommen lassen. Im Gegenteil: Hinter Gittern versucht
Schneidewind, die Häftlinge auf andere Gedanken zu bringen. Mit
Mal- und Schreibkursen bringt sie den Freiwilligen bei, über ihre
Gefühle nachzudenken und diese zu Papier zu bringen.
«Gefühle malend auszudrücken und mit anderen
Männern darüber zu sprechen ist für die meisten nicht
selbstverständlich», sagt die 53-Jährige, bei der
«harte Jungs» schonmal zu sensiblen Lyrikern
werden.
Schneidewind begann ihre
«Gefängnis-Karriere» eher
zufällig 1988 in der Jugendstrafanstalt im
baden-württembergischen Adelsheim. «Ich selbst wäre nie
auf diese Idee gekommen», gibt sie zu. Der Vorsitzende des
Jugendhilfevereins Mosbach habe sie gefragt, ob sie nicht Mal- und
Zeichenkurse im Jugendgefängnis anbieten wolle.
«Zunächst überwogen Mitgefühl und der Eindruck,
nicht genug tun zu können», berichtet Schneidewind. Sie sei
überrascht gewesen, dass sich die 16 bis 20 Jahre alten Gefangenen
verschiedener Nationalitäten und Religionen von Farben begeistern
ließen, und dass sie es schafften, Aggressionen nicht in
Schlägereien abzubauen, sondern sie in kraftvolle Bilder
umzuwandeln: «Mir wuchs die Arbeit ans Herz, weil mir die jungen
Männer ans Herz wuchsen.»
Zehn Jahre arbeitete Schneidewind mit den jungen
Häftlingen, dann zog sie wegen ihrer Heirat nach
Darmstadt - und begann 1998, in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt
wöchentlich zweieinhalbstündige Kurse anzubieten. Dieses Mal
saßen ihr keine Jugendlichen gegenüber, sondern Erwachsene,
die zum Teil schon lange Kriminellen- und Gefängniskarrieren hinter
sich hatten - Diebe genauso wie Sexualstraftäter oder Mörder.
«Ich habe gemerkt, dass mich manches erschüttert», sagt
sie. Die Jugendlichen seien zunächst leichter zu erreichen gewesen,
offener und lebendiger. «Von den erwachsenen Häftlingen geht
oft sehr viel Schwermut und nach der Last von vielen Jahren hinter
Gittern wenig Hoffnung aus.»
Dennoch machte Schneidewind weiter. «Nicht
um die Inhaftierten zu beschäftigen, sondern um
ihnen zu helfen, den Alltag hinter Gittern und ihre Schuld zu
bewältigen.» Angst habe sie nie gehabt. Denn die
Kunsttherapeutin kommt «von draußen» und wird von
Häftlingen nicht mit dem Justizsystem in Verbindung
gebracht.
In den Bildern verarbeitet
mancher seine Straftat künstlerisch. «Ein Gefangener hat eine
Rose gemalt, die eine Hand über die Mauer nach draußen
reichte. Damit wollte er sich bei seinen Opfern entschuldigen»,
berichtet Schneidewind, die nach zehn Jahren in Weiterstadt im Oktober
im Wiesbadener Jugendgefängnis ein neues Kunsttherapieprojekt
beginnt. Auch in den Schreibkursen gehe es niemals um Leistung, sondern
um die Verarbeitung von Gefühlen. Die Gefangenen sollen ihre
Gedanken und Worte fließen lassen. «Anfangs war es einigen
peinlich, ihre Texte vorzutragen. Aber durch die Resonanz haben sie
gemerkt, dass sie damit auch die anderen ansprechen.»
Schneidewind sieht ihre Arbeit auch als
gesellschaftliche Aufgabe: «Es gibt Menschen, die
sagen, nur eine ganz üble Zeit im Gefängnis schrecke
Straftäter davor ab, rückfällig zu werden», sagt
sie. Ihre Überzeugung sei aber eine andere: «Durch die
Begegnung mit neuen geistigen und emotionalen Möglichkeiten
wächst die Chance, dass Menschen ihr Leben nach der Haftentlassung
anders gestalten als zuvor.» Dies sei ihr schon häufig von
Kursteilnehmern bestätigt worden. Einer schrieb ihr: «Ich war
eine verlorene Seele in meinem eigenen Gefängnis. Rückwirkend
könnte ich mir nicht vorstellen, welch seelischer Krüppel ich
geworden wäre ohne unsere Gruppe. Ich hätte sie einzig und
allein gegen die Freiheit eingetauscht.»
(Internet:
www.gundula-schneidewind.de)
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