Paralympische Helden: USA rekrutieren
verstärkt Kriegsveteranen
Von Andreas Landwehr, dpa
Peking, 12. September
(dpa) «Als junge Turnerin habe ich immer davon
geträumt,
an den Olympischen Spielen teilzunehmen»,
sagt die amerikanische
Schwimmerin Melissa Stockwell. «Deswegen ist
es so, als wenn ich eine
zweite Chance bekommen habe.» Die
28-Jährige spricht von der Bombe am
Wegesrand in Bagdad, die ihr vor viereinhalb Jahren
das linke Bein
abgerissen hat. Stockwell ist eine von 16 Kriegsveteranen in der
213-
köpfigen Mannschaft der USA bei den
Paralympischen Spielen. In Peking
will sie zeigen, wie weit sie seit der Verleihung
des «Purple Heart»,
der Verwundeten-Auszeichnung der
US-Streitkräfte, gekommen ist. Über
400 Meter Freistil hält sie den US-Rekord.
Eine Medaille «wäre
großartig, aber es wäre nur das i-Tüpfelchen. Dass
ich es hierher
geschafft habe, war von Anfang an mein
Ziel.»
Dabeisein ist eben alles: «Bei den
Olympischen Spielen werden
Helden geboren, aber die paralympischen Athleten
kommen hier alle
schon als Helden an», erläutert der
Hauptgeschäftsführer des
Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Xavi
Gonzalez. Die
Sportler haben auf dem Weg zu den Spielen ihre
Behinderungen
überwunden, sich mit dem Sport ein neues
Leben geschaffen und als
außerordentliche Leistungsträger
bewiesen. Auch der Kugelstoßer Scott
Winkler, der am Montag in Peking im Finale stehen
will, ist ein Opfer
des Irak-Krieges. Der heute 35-Jährige
Ex-Soldat stürzte vor fünf
Jahren in Tikrit von einem Munitionslastwagen, ist
seither
querschnittsgelähmt. Mit dem Sport hat sich Winkler aus einer
langen
Depression gezogen. Als amerikanischer Meister im
Kugelstoßen zählt
der Veteran zu den Medaillenhoffnungen der
USA.
Wie die Schwimmerin Stockwell hat auch Winkler am
amerikanischen
Paralympischen Veteranen-Programm (VP3)
teilgenommen. Es steht im
Mittelpunkt der zunehmenden Bemühungen in den
USA, Kriegsversehrte
verstärkt für den paralympischen Sport zu rekrutieren. Es
wird
erwartet, dass 10 bis 15 Prozent der Mannschaft
bei den nächsten
Spielen 2012 in London behinderte Kriegsveteranen
sein werden - mehr
als doppelt so viele wie heute. Insgesamt mehr als 30 000
ehemalige
US-Soldaten sitzen in Rollstühlen, haben
Gliedmaßen verloren oder
sind blind oder taub - allein aus dem Irak-Krieg
sind es rund 800.
Die Idee, mit Sport die
Rehabilitation von Kriegsverletzten zu
fördern, hat am Ende des Zweiten Weltkrieges
schon die paralympische
Bewegung geboren. Die ersten Wettbewerbe fanden
1948 statt. 1960
wurden in Rom erstmals Behindertenspiele mit rund
400 Teilnehmern
zusammen mit den Olympischen Spielen organisiert. Der
Begriff
«Paralympics» stammt vom griechischen
Wort «para» für «neben» oder
«bei» und weist auf die Parallelität zu
Olympia hin, auch wenn
vielfach ein Bezug zu «Paralyse»,
sprich Lähmung, hergestellt wird.
Schwimmerin Stockwell war seit
Anbeginn ihrer Rehabilitation schon
immer sportlich aktiv, obwohl sie anfangs schon
Mühe hatte, nur 25
Meter zu schwimmen: «Ich wusste, es gibt viel
Raum für Verbesserung.»
Ihr heutiger Trainer Jimi Flowers weiß um
ihre Entschlossenheit: «Sie
trainiert nicht nur so. Sie tut alles, was sie kann, um
erfolgreich
zu sein.» Der Sport «hat mein Leben
verändert», sagt Stockwell, die
wieder im Dienst des Vaterlandes steht. «Du
gehst in den Irak und
irgendwie verteidigst du dein Land in
Uniform», sagt Stockwell. «Hier
repräsentiere ich dasselbe Land, nur in einer anderen
Uniform.»