Frankfurter Rundschau AUS ALLER WELT Mittwoch, 12. Juli
2006 Seite 14
Preis für den Rollstuhl, der selbst
Treppen steigt
Blindenmission
zeichnet Ideen jugendlicher Erfinder für Behinderte aus /
Organisation steigert Einnahmen und weitet Hilfsprojekte aus
Ein gemeinsames Tandem für
Querschnitts- gelähmte und Nichtbehinderte, ein treppen- steigender
Rollstuhl und eine leuchtende Krücke haben
den "Jugend-forscht"-
Sonderpreis der Christoffel-Blindenmission (CBM) gewonnen.
Ertüftelt wurden die Hilfsgeräte von Schülern
und
Lehrlingen.
Bensheim Die Erfindungen seien
der beste Beweis, dass Jugendliche ihre Kreativität durchaus mit
sozialem Engagement kombinieren, sagte
CBM-Direktor Martin Georgi bei der
Preisverleihung. Die Auszeichnung innerhalb des Wettbewerbs "Jugend
forscht" wurde bereits zum neunten
Mal für "innovative und preisgünstige
Hilfsmittel" für Behinderte vergeben.
Der erste, mit 300 Euro dotierte Preis
ging an das Dreirad-Tandem von Yakub Bor (18) und Sathish
Balasubramaniam (19), beide Auszubildende
von Daimler-Chrysler in Mannheim. Ihre
Erfindung ermöglicht Rollstuhlfahrern gemeinsame Ausflüge mit
Nichtbehinderten. Bei dem "Rollirad"
wird ein handelsüblicher Rollstuhl mit einem
Klapprad mittels einer Kupplung verbunden, die die
Nachwuchsforscher entwickelten. So entsteht
ein Dreirad-Tandem für einen Fahrrad- und einen
Rollstuhlfahrer. Beide Teile können weiterhin auch
eigenständig verwendet werden und passen
zusammengeklappt in einen
Auto-Kofferraum.
Am zweitbesten gefiel der Jury die Idee
zweier 17-jähriger Schüler des Sally-Bein-Gymnasiums im
brandenburgischen Beelitz: Martin Härtel und
Christian Scherer ertüftelten
einen treppensteigenden Rollstuhl, mit dem der Fahrer Treppenstufen ohne
fremde Hilfe überwinden kann.
Dahinter steckt ein elektrisch betriebener
Ausfahrzylinder und eine zusätzlich montierte
Achse unter dem Sitz. Das Bedienungselement ist an
der Armlehne angebracht. Den ebenfalls
mit 300 Euro dotierten Sonderpreis "Schüler
experimentieren" teilen sich drei elfjährige
Schülerinnen. Mareike Hoercher,
Emily Bayer und Carla Bumann aus Rottweil in Baden-Württemberg
bastelten eine leuchtende Krücke, mit der
Gehbehinderte auch im Dunkeln sicher
ihren Weg finden können.
Hilfe für 12,5 Millionen Menschen
Wie ihr Direktor bei der Preisverleihung mitteilte,
verzeichnete die weltweit tätige gemeinnützige Blindenmission
im vergangenen Jahr höhere
Einnahmen und half mehr Behinderten als
im Vorjahr.
In den 1005 Partnerprojekten half die
CBM über 12,5 Millionen behinderten Menschen, etwa 440000 mehr als
2004. Allein die Zahl der
Operationen am Grauen Star stieg um
zehn Prozent auf 604000 im abgelaufenen Jahr.
Mit 53 Millionen Euro steigerte die
Mission ihre Einnahmen um fünf Millionen Euro
gegenüber dem Vorjahr. Das Vermögen der 2002 zur
langfristigen Sicherung der
Behindertenhilfe gegründeten Ernst-Christoffel-Stiftung
überschritt die Grenze von einer Million Euro. Für
die
gemeinsam mit der
Weltgesundheitsorganisation WHO entwickelte Kampagne
"Vision 2020", die vermeidbare Krankheiten als
Erblindungsursachen
bis 2020 beseitigen will, hat CBM
Prominente aus Sport und Unterhaltung als Botschafter
gewonnen. Darunter seien Fußball-Legende Pelé
und
seine Frau, die Gospelsängerin
Assiria, sowie die blinden Marathon-Asse Regina Vollbrecht aus Berlin
und Henry Wanyoike aus Kenia. Keyvan Dahesch