Freitag / 7. Juli / Tagesdienst SPEZIAL
Ein
Presseamt im Ausnahmezustand
Drei Wochen WM bedeuteten drei Wochen
Rund-um-die-Uhr-Service für Medien, Bürger und Fans
Frankfurt am Main (pia) Hach, war das schön
Vier Wochen Fußball-WM in Frankfurt, drei Wochen englische
Schlachtenbummler, koreanische Kultur und holländische
Marching-Bands zu Gast bei Freunden auf dem Römerberg. Tausende
waren zu Gast in der Bürgerberatung, zu Gast im Presseamt - und
fast schon zu Hause in der International Media Lounge im Innenhof des
Historischen Museums, wenn sie Journalisten waren. Vierzig TV-Teams aus
wirklich aller Herren Länder drückten sich die Klinke der
Presseamtstür in die Hand, und 28 FIFA-Volunteers nahmen Fans wie
Touristen in der Bürgerberatung unter städtische Fittiche. Und
alle, wirklich alle, haben die Arena gelesen
.
Waschkörbeweise erreichten uns WM-E-Mails. Nicht
alle haben wir ausgedruckt, aber 2037 von ihnen erfolgreich beantwortet.
Mails wie: Hallo, ich suche für meinen vierjährigen Sohn
Samuel einen Ballack aus Pappe zum Hinstellen. Am liebsten in
Lebensgröße. Oder Ich möchte meine 90qm
Überzieh Fahne 12x7, 50 Meter, bestehend aus 350 einzeln
zusammengenähten gleichen Eintracht-Fähnchen mit in die
MainArena nehmen. Oder: Ich biete den offiziellen Wimpel des
Eröffnungsspiels Brasilien gegen das ehemalige Jugoslawien vom 13.
Juni 1974 im Frankfurter Waldstadion - eine absolute Rarität - im
Tausch gegen zwei Tickets für ein Spiel der deutschen Mannschaft
an. Solche und profanere Mails kamen aus Singapur und Honduras,
aus Ecuador und Neuseeland, aus Taiwan und den Vereinigten Arabischen
Emiraten.
Die Mails gingen zu einem großen Teil über die
Website
www.wm-frankfurt-2006.de
ein - dem Kommunikationsportal des WM-Spielorts Frankfurt. In den
WM-Farben gehalten, bot das Presse- und Informationsamt hier über
1.400 Seiten in den vier FIFA-Sprachen an, davon alleine 1.000 News. Ein
weltweit attraktives Angebot: 180.000 Besucher klickten alleine im
WM-Monat Juni 1,5 Millionen Mal die Seiten dieses Angebots an. 1011
Medienvertreter akkreditierten sich hier für wirklich exklusive
Informationen und einen Presse-Newsletter. Hans Schärfl und Thomas
Waldherr schickten 22 nationale und zehn internationale Newsletter an
2968 deutschsprachige und 2851 internationale Abonnenten. Die kamen aus
den WM-Teilnehmerländern und aus Südafrika und der
Türkei, aber auch aus Ägypten, Sri Lanka oder Zentralafrika.
Zudem kamen 251 Presseanfragen per E-Mail an, 125 Bewerbungen und - auch
das gehört zu einer ehrlichen Bilanz - 259 Anfragen und Beschwerden
zu Sky- und MainArena. Und auch auf dem städtischen Webauftritt
www.frankfurt.de war die
WM-Berichterstattung der Renner: Die Visits legten in den letzten drei
Monaten um 16 Prozent zu, alleine die Begrüßungsseite zur WM
steuerten über 32.000 Internetsurfer an - ein Plus gegenüber
den Vormonaten um satte 260 Prozent!
Erster Anlaufpunkt für alle Kamerateams,
Hörfunkreporter und Fotografen des Globus war aber die
International Media Lounge im Innenhof des Historischen Museums. Hier
gab's alles, was ein Journalist so braucht - Drehgenehmigungen für
die Stadt, Parktickets für die Ü-Wagen und die geheimsten
Insider-Tipps für wirklich exklusive Storys. 966 Journalisten
hatten sich in den drei Wochen Media Lounge akkreditiert, über
tausend waren drin. Die meisten waren von ITV und BBC aus England, KBS
aus Korea und NOS Radio aus Holland; aber auch Medienleute aus Honduras
und China, aus Thailand und Finnland, aus Nepal und Algerien nutzten die
Media Lounge für ihre Recherchen - und gönnten sich ein
kühles Frankfurter Bier zu den live übertragenen Spielen.
Location Service als Parkeinweiser
Und arbeiteten hart. Ein Team aus Südkorea war auf
der Suche nach dem Busfahrer des südkoreanischen Teams - der
Location Service brachte beide zueinander. Ein spanisches
Team fand keine Parklücke für sein Moderatorenraumschiff (6
mal zehn Meter), und ausgerechnet ein Kamerateam aus dem ballverliebten
Heimatland Ronaldos interessierte sich nicht für die WM-Spiele - da
mussten Beate Collin und Torsten Ernstberger vom Location Service
erstmal umdenken. Statt über filigranen Ballzauber wollten die
Brasilianer über wahre Extremsportarten auf dem Main berichten.
Außer eines Schlauchbootbesitzers, der sich die Übertragung
in der MainArena tatsächlich von Bord seines Gummiboots anschauen
wollte, hatten die Kollegen aber keine weiteren waghalsigen
Wassersportler in ihrer Kartei. Dafür aber viele ungewöhnliche
Orte, von denen aus etliche Stunden in alle Welt gesendet wurde. Eine
englische Redaktion wurde direkt neben einem Bordell untergebracht, der
dänische Radiosender DR Sporten in der Kleinmarkthalle.
Das achtköpfige Team residierte dort eine Woche lang auf dem Balkon
und sendete täglich von 15 bis 18 Uhr live. TV-Riesen wie TV Globo
oder AP bekamen ihren Parkplatz für den Ü-Wagen an der
Niederräder Rennbahn ebenso wie Kleinstteams aus Ecuador, Hongkong
oder der Schweiz (TeleZüris).
17.600 Fußball-Fans aus aller Welt bekamen in der
Bürgerberatung die wichtigsten Tipps und tatkräftige Hilfe.
Eine ältere Dame etwa schaute jeden Tag vorbei, kramte einen
Spielplan aus ihrer Handtasche und ließ sich von einem der
insgesamt dreißig FIFA-Volunteers die Spiel-Ergebnisse des
Vortages eintragen. Diese verstanden sich prächtig mit Fans aus
Südamerika, Nordeuropa und Afrika. Selbst sehr schüchterne
Koreaner und Japaner lockten sie unerschrocken in die
Bürgerberatung und versorgten sie ungefragt mit allen nötigen
Infos über die Stadt.
Wie klein ist die Welt
Wie klein ist die Welt. Vielleicht nicht ganz so klein wie die
Tochter von Uli Schappel. Diese ist mit ihrer Mama
zurzeit in Brasilien. Der brasilianische Hörfunk schaffte es, eine
Live-Schaltung aus der International Media Lounge hin zu Frau und Kind
nach Brasilien aufzubauen. Landesweit übers brasilianische Radio
sagte sein Töchterchen zum ersten Mal Papa. Was
für eine Liebeserklärung!
Der Weltmeister fand seine Meister
Nicht nur aus Irland und Washington waren sie
gekommen, um den Weltmeister des Tischfußballs zu erleben:
Hans-Friedrich Kircher, Fahrlehrer aus Darmstadt, stellte in der
International Media Lounge seine Schusskraft unter Beweis. Aus Portugal
und Korea, aus Japan, Honduras und Bolivien waren die Kickerbegeisterten
in den Innenhof des Historischen Museums gekommen. Ein Team des
größten chinesischen TV-Senders filmte das weltmeisterliche
Können in allen Details und übertrug auch die - teilweise
beachtlichen - Spielkünsten der Amateure ins Reich der Mitte. Dort
kennt man Tennis auf dem Tisch, aber sowas? Zwei Journalisten aus London
forderten den Weltmeister in typisch britischem Understatement heraus
und bekannten postwendend ihre Niederlage: We got
slaughtered. Ein Pärchen aber gewann
.
Das gab's wirklich noch nie: FAZ, FNP und FR haben zur
WM eine gemeinsame Beilage heraus gegeben. Eine? Nein. Zehn!
Arena hieß die Frankfurter-Fußballzeitung, und
jeweils 270.000 Exemplare dieser Frankfurter
Fußball-Zeitung lagen allen Ausgaben der drei großen
Frankfurter Blätter bei. Die Redaktion für das
2,7-Millionen-Exemplare-Blatt wurde neutral ins Presse- und
Informationsamt outgesourct, und die Promis rannten der Zeitung die Bude
ein: Berti Vogts, Sven Väth, Franziska Reichenbacher
philosophierten über die MainArena, die
CityArena, die SkyArena
Und weil es auch
WM-Tickets zu gewinnen gab, schickten jeweils 1.500 Leserinnen und Leser
ihre Antworten auf die Gewinnfrage an die Redaktion.
Wer auf so vielen WM-Hochzeiten tanzt wie das
Presseamt, ist selbstverständlich auch im Stadion selbst mit einem
Stand vertreten. Im SMC Stadion Medien Center bekamen die bei der FIFA
akkreditierten Journalisten eine Rund-um-Betreuung durch die Stadt -
Hotelbuchung, Reiseplanung, Restaurant-Tipp, Erfrischung und
Unterhaltung inklusive. 2.500 digitale Pressemappen schoben Almuth
Westecker und Patricia Schaad über den Tresen des City Info Desks
und 3.000 Kekse mit Logo - einige tauchen für 1,99 Euro gerade bei
E-Bay wieder auf. Und natürlich waren die Promis da: Willem
Alexander und Máxima, Prinz William und Giovane Elber,
Arsène Wenger und ein Journalist, der mit Paraguays einzigem
Torschützen Nelson Cuevas einen Heben gehen wollte
Leider ist die WM für Frankfurt jetzt vorbei - die zwei
Spielchen noch morgen und am Sonntag, und dann wird
die MainArena abgebaut und das Feuerwerk des Museumsuferfests beendet
diese außergewöhnlichen vier Wochen. Auch im Presseamt kehrt
wieder Alltag ein. Das Host City Logo wird eingemottet und das Host City
Poster von den Wänden genommen. Die Volunteers legen ihr
himmelblaues Erkennungsshirt in die Schränke, die 17 externen
WM-Mitarbeiter bekommen ein kleines Dankeschön vom Amtsleiter - und
die Fußball-Foto-Ausstellung im Treppenhaus wird ebenfalls
demnächst abgehängt und im Keller verstaut.
Schön war's
.