STADT
FRANKFURT AM MAIN WOCHENDIENST VOM 29. NOVEMBER
Schreiben ohne zu sehen
Blinde Journalisten wie
Keyvan Dahesch nutzen moderne Technik
Mails lesen, im Internet
recherchieren – die Arbeit mit dem PC ist heute für viele selbstverständlich.
Doch wie orientieren sich Blinde in der Computerwelt? Anlässlich des
Internationalen Tags der Behinderten am 3. Dezember geben zwei blinde
Journalisten, der Frankfurter Keyvan Dahesch und sein Marburger Kollege Franz
Josef Hanke, Einblicke in ihre Arbeit.
Frankfurt am Main
(pia/29.11.05)

Bild: Keyvan Dahesch am PC schaut Richtung Bildschirm, seine Hände liegen auf der Tastatur
( © Stadt Frankfurt - Presse- und Informationsamt, Fotograf Rainer Rüffer)
Auf diesem Weg erschließt
sich das weltweite Netz auch für Dahesch und seine Kollegen. „Der
Internet-Zugang ist für uns mittlerweile sehr gut“, sagt der Blinde Franz Josef
Hanke, der 1986 in Marburg ein eigenes Journalistenbüro gründete. Anfang der
achtziger Jahre gab es so gut wie keine blinden Journalisten. Dahesch war
damals Pressesprecher beim Landesversorgungsamt Hessen und verfasste in seiner
Freizeit erste Artikel in Blindenschrift. „Die habe ich dann der Frankfurter
Rundschau zur Aufnahme diktiert.“ Jetzt schreibt er seine Texte an einer
klassischen PC-Tastatur; zur besseren Orientierung sind manche Buchstaben durch
Erhebungen markiert. Zwischendurch stellt Dahesch eine Anfrage an die
Online-Suchmaschine, findet dank seiner Hilfsmittel schnell den Treffer und
kopiert eine Textpassage zum späteren Nach-„Lesen“. Ein kurzes Telefonat rundet
die Recherche ab – Daheschs Handy kann ebenfalls sprechen und SMS oder
eingespeicherte Kontakte vorlesen. Per Mail verschickt der Frankfurter seine
fertigen Beiträge schließlich an diverse Tageszeitungen und Rundfunksender.
Nach dem Besuch eines speziellen Lehrgangs in Bayern hat Dahesch kürzlich auch
seine eigene Homepage erstellt und dafür sogar Bilder bearbeitet. Das Ergebnis
kann sich sehen lassen.
Obwohl er seit 2002
pensioniert ist, arbeitet der gebürtige Iraner etwa 30 Stunden die Woche als
freier Journalist – „zum Leidwesen meiner Frau“, sagt Dahesch und schmunzelt.
Bei seiner Themenauswahl liegt ihm die Situation der Behinderten in Deutschland
besonders am Herzen. So bemängelt er regelmäßig die Tendenz zur Ausgrenzung
dieser bundesweit etwa 6,7 Millionen Menschen – obwohl die Verfassung seit zehn
Jahren vorschreibt, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden
darf. Vielerorts stoßen die Betroffenen auf vermeidbare Barrieren, sei es vor
Arztpraxen, Bussen oder Schulen. Um Orientierungshilfen zu bieten, hat die
Stadt Frankfurt einen umfangreichen Online-Stadtführer für Menschen mit
Behinderungen erstellt (www.frankfurt-handicap.de).
Er bewertet die Zugänglichkeit von 6000 Objekten in der Mainmetropole und weist
unter anderem auf Ampeln für Blinde oder Telefonzellen für Rollstuhlfahrer hin.
Auch im Internet stoßen
Blinde und stark Sehbehinderte zuweilen auf unüberwindbare Hürden. „Ein
Sehender kann einfach mit der Maus auf einen Link gehen und ihn anklicken“,
erklärt Dahesch. Für den gleichen Zweck müssten den Blinden bestimmte
Tastenkombinationen genannt werden, „und das hat sich noch nicht einmal in
allen Bundesdienststellen herumgesprochen.“ Für „völliges Chaos“ sorgten seit
neuestem Links, die sich ohne Klicken selbst auslösen – wer das nicht sieht,
verheddert sich im Dunkel des weltweiten Netzes. Als „grauenhaft“ bezeichnet
der Marburger Hanke den kostspielig überarbeiteten Internet-Auftritt der
Bundesagentur für Arbeit, dessen Such-Informationsdienst für Blinde nicht
verwendbar sei. Dabei würden nicht nur Nicht-Sehende, sondern alle Nutzer wegen
der besseren Übersichtlichkeit von einer blindenfreundlichen Darstellung
profitieren.
Trotz modernster Technik,
deren Anschaffung in der Regel bezahlt oder zumindest bezuschusst wird, haben
es Blinde in der Berufswelt schwerer – darin sind sich beide Journalisten
einig. „Man muss gut und gebildet auftreten und insgesamt das Doppelte leisten,
um sein vermeintliches Manko auszugleichen“, meint Dahesch. Hanke hält die Lage
ebenfalls für schwierig, „auch wenn der Behinderte bei einer Einstellung laut
Gesetz bevorzugt werden sollte“. Sein Büro bietet auch Praktika für
Berufsanfänger an, und der Marburger erzählt, dass zwei seiner blinden Schüler
je ein Volontariat beim HR und NDR bekommen haben. Darauf ist Hanke zu Recht
stolz, denn bundesweit sind laut einer Infas-Studie nur knapp 30 Prozent der
155.000 Blinden und 500.000 stark Sehbehinderten berufstätig – Tendenz fallend.
Nicole
Unruh
Keyvan Dahesch: www.a-k-dahesch.de, Tel.
069/95059055
Franz Josef Hanke: www.fjh-journalistenbuero.de,
Telefon 06421/66616