
„Große Stadtgeläut“
Das festliche Konzert der fünfzig Glocken
Viermal
im Jahr erklingt das Frankfurter „Große Stadtgeläut“
Vor
den großen Kirchenfesten vereinen sich die Glocken aller zehn Innenstadtkirchen
zu einem halbstündigen, eindrucksvollen Konzert. Tausende von Besuchern lassen
sich von diesem weltweit einzigartigen Klangerlebnis anlocken, dessen Tradition
weit zurückreicht bis ins Jahr 1347. An Heiligabend um 17 Uhr wird das Große
Stadtgeläut wieder erklingen.
Frankfurt
am Main (pia/ 9.12.03) Süßer die Glocken nie klingen. Und lauter. Und schöner.
Und harmonischer im gemeinsamen Gesang ihrer fünfzig, in Erz gegossenen
Stimmen. Viermal im Jahr kann man in Frankfurt am Main das „Große Stadtgeläut“
erleben: Am Vorabend des ersten Advent, an den Samstagen vor Ostern und
Pfingsten und am Heiligabend. Ein Klangerlebnis, bei dem sich die Frankfurter
begegnen - ganz ohne Kommerz.
Alle
Glocken der zehn Innenstadtkirchen vereinen sich dabei zu einer gewaltigen
Sinfonie, der man beim Gang über den Römerberg und die benachbarten Bereiche
eine halbe Stunde lang lauscht. Wie eine wachsende Zahl von Besuchern beweist,
hat sich das „Große Stadtgeläut“ inzwischen zu einer echten Tradition
entwickelt, die - was Weihnachten betrifft - zum Fest gehört wie Gänsebraten
und Christbaum. Dann scheint es plötzlich, als halte die sonst so geschäftige
City für eine kurze Weile den Atem an, wenn Tausende von Menschen in festlicher
Stimmung langsam auf und ab promenieren.
Kenner
wissen genau, auf welchen Wegen sie dem erhabenen Glockenkonzert folgen. Den
Auftakt bildet fünf Minuten vor seinem eigentlichen Beginn die 8.590 Kilogramm
schwere so genannte „Bürgerglocke“ der Paulskirche. Ihr schließen sich die
Katharinenkirche an der Hauptwache, die Liebfrauenkirche, die Peterskirche und
die Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster an. Des weiteren fügen sich in den
Chor die Leonhardskirche, die Kirche am Karmeliterkloster, die Alte
Nikolaikirche am Römerberg und die am jenseitigen Mainufer gelegene
Dreikönigskirche ein.
Erhebt
sich schließlich auch das Geläut des Doms, dann meint man die Klangwellen
beinahe körperlich zu spüren. Denn die „Gloriosa“, mit ihren 11.950 Kilogramm
die zweitgrößte Glocke Deutschlands, und, so heißt es, „das musikalische
Meisterwerk des deutschen Glockengusses im 19. Jahrhundert“, überlagert mit
ihrer mächtigen Stimme nicht nur ihre acht kleineren Kolleginnen im Turm. Ihren
volltönenden Bass glaubt man auch noch aus der Entfernung zu hören, wenn man
sich die unterschiedlichen Klangwelten der einzelnen Geläute beim Rundgang
erwandert. Nur alle hundert Jahre einmal wird eine so tiefe Glocke gegossen wie
die „Gloriosa“. Außer Frankfurts Kaiserdom besitzen nur die Dome in Erfurt und
Magdeburg noch eine e-Glocke. Heute wird das gesamte Stadtgeläut durch ein
hochmodernes Computerprogramm koordiniert und gesteuert.
Als
„Vater“ des weltweit einmaligen Glockenkonzerts gilt der Mainzer Professor Paul
Smets. Offenbar mit feinstem musikalischem Gehör gesegnet, begann er mit der
Planung seiner „Sinfonie“ bereits 1954. Als staatlicher Sachverständiger für
Orgelbau und Glockenwesen hatte er nach Kriegsende im Auftrag der Stadt den
noch verbliebenen Bestand an Glocken zu prüfen. Viele von ihnen waren nämlich
zuvor zu Kriegszwecken eingeschmolzen worden, um aus ihnen Kupfer und Zinn zu
gewinnen. Seltsamerweise entkam ausgerechnet das Geläut des Domes mit seinen
neun Glocken dem Vandalismus. Durch Zufall, denn eine Bombe hatte den Ofen
zerstört, in dem sie eingeschmolzen werden sollten. So konnten sie 1947 in den
Domturm zurückkehren. „Glockenprofessor“ Paul Smets ersann bei seiner
Prüfungsarbeit das Konzept, alle Einzelglocken der zehn Innenstadtkirchen
aufeinander abzustimmen, um so eine große Harmonie zu schaffen. Das Ergebnis
dieser Arbeit halten Fachleute für einmalig.
Allerdings
sollte noch einige Zeit ins Land gehen, bis das Konzert komplett war. Zwar
waren schon im Jahr 1996 alle Glocken wieder hergestellt, doch ihrem
Zusammenklang stellten sich mehrmals Probleme entgegen. So mussten in der
Karmeliterkirche aus statischen Gründen zunächst einmal zwei der vier Glocken
stumm bleiben. Und in der Paulskirche kam es im Frühjahr zu einer
folgenschweren Verzögerung, als die Christusglocke herab stürzte und auch noch
eine „Kollegin“ dabei beschädigte.
Genau
genommen reicht die Tradition des Stadtgeläuts ziemlich weit zurück in die
Geschichte. Schon aus dem Jahr 1347 wird von einem gemeinsamen Geläut aller
Frankfurter Kirchen berichtet, als man eine feierliche Totenmesse für Kaiser
Ludwig den Baiern abhielt. Auch bei späteren Gelegenheiten wie den Neuwahlen von Königen und Kaisern und
ihren festlichen Einzügen in die Stadt, huldigte man ihnen durch ein großes
Geläut. Schließlich lieferte sogar Goethes hundertster Geburtstag im Jahr 1849
einen willkommenen Anlass für das Erschallen vieler Glocken. Im Mai 1856
beschloss der Senat der Freien Reichsstadt Frankfurt, zu den hohen
Kirchenfesten ein Geläut zu veranstalten, ein Vorläufer des „Großen
Stadtgeläuts“ von heute.
Wer keine
Gelegenheit hat, Frankfurts berühmtem Glockenchor an Ort und Stelle zu
lauschen, kann ihn immerhin auf einer CD anhören. Sie bietet nicht nur einen
Rundgang unter dem Geläut, sondern auch Klangbeispiele einzelner Glocken sowie
drei Choralsätze, die Professor Reinhard Menger auf dem Glockenspiel der Alten
Nikolaikirche intoniert.
Lore Kämper
Die
CD ist erhältlich im Dommuseum, in der Buchhandlung Carolus, im Phonohaus am
Rossmarkt und im Werkstattladen im Frankfurt Forum am Römerberg. Preis: 17.90
Euro. Am Heiligabend beginnt das „Große Stadtgeläut“ um 17.00 Uhr