Wedel, dpa In diesem Supermarkt findet sich
Renate
Kokartis zurecht, obwohl sie blind ist. Mit Hilfe
eines Reliefplans
kann sich die 64 Jahre alte Frau orientieren. Hier
findet Volker
König Gehör, obwohl er fast taub ist. Vor
dem Frischfleischtresen und
an der Kasse stellt er sein Hörgerät auf
die Funkfrequenz ein, die
ihn direkt mit der Verkäuferin ins
Gespräch bringt.
Das sind zwei von insgesamt 26 technischen und
mechanischen
Hilfen, mit denen der Kaufmann Volker Klein seinen
neuen Supermarkt
in Wedel (Kreis Pinneberg) ausgestattet hat. Das
Konzept dafür hat
er gemeinsam mit der vom blinden Ingenieur Volker
König geführten
Behindertenarbeitsgemeinschaft der Stadt
erarbeitet. Neben
technischen Hilfen für Hör- und
Sehbehinderte gehören dazu breite
Gänge, spezielle Einkaufswagen für
Rollstuhlfahrer und
Gehbehinderte, breite Gänge für
Mütter mit Kinderwagen, eine Sitz-
und Ruhebank mitten im Geschäft sowie
Leselupen. Rund 30 000 Euro
hat Klein dafür investiert.
«Ich bin durch die
Behindertenarbeitsgemeinschaft für das
Thema
sensibilisiert worden», sagt der Kaufmann. Zudem habe er vor
kurzem
nach einer Operation drei Monate Jahr an
Krücken gehen müssen. So
habe er die Barrieren beim Einkaufen und anderswo
im Alltag am
eigenen Leib erlebt.
«Das Wedeler Modell sollte
Vorbild für alle anderen Märkte
Deutschland sein», sagte der
Behindertenbeauftragte der
Landesregierung, Ulrich Hase, am Dienstag bei
einem Besuch in Wedel.
In den USA seien solche barrierefreien Märkte
in vielen Gegenden
bereits normal. Auch in Süddeutschland gebe
es besondere «Märkte der
Generationen». In Schleswig-Holstein sei ihm
so ein umfassendes
Konzept wie in Wedel noch nicht bekannt.
Kunden nehmen die besondere
Ausstattung gern wahr. Die 35 Jahre
alte Katja Wichmann, Mutter von zwei Kindern, kann
so «schnell mit
dem Kinderwagen durch die breiten Gänge» schieben.
Helga Groth, 73
Jahre alt, lobt das «angenehme Licht»,
denn Volker Klein hat auf
Leuchtstoffröhren komplett
verzichtet.
Nach Ansicht des
Landesbehindertenbeauftragten werden sich alle
Supermärkte auf barrierefreies Einkaufen
einrichten müssen. «Immer
mehr Menschen werden älter und ihre Handicaps
wachsen. Ich kenne
keinen Menschen, der keine Macke hat. Wir sind
doch alle potenzielle
Schwerbehinderte», sagt der
Landesbeauftragte.
Was im Wedeler Markt passiert,
ist selbstverständlich noch nicht
ausgereizt: Demnächst soll ein Gerät
angeschafft werden, dass sowohl
Preise als auch andere Angaben zur Ware
automatisch erkennt und
ansagt. Renate Kokartis freut sich darauf: «Dann weiß
ich endlich,
auch ohne Sehen zu können, ob ich eine Dose
mit Pfirsich oder Mais
in der Hand halte.»
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