Suppe, Arzt und Seele: Berlins Gesundheitszentrum
für Obdachlose Von Ulrike von Leszczynski, dpa
Berlin (dpa) - Sie nennen sich
«Wilder Willy», «Kleener Matze» oder auch
«Herr Lehmann». Die Männer riechen nach Schweiß
und Alkohol. Sie haben keinen Ausweis und keine Krankenversicherung.
Doch das ist alles nicht wichtig, wenn sie im neuen Berliner
Gesundheitszentrum für Obdachlose Hilfe suchen. Als eine der
wenigen Städte in Deutschland bietet die Hauptstadt Menschen am
Rand der Gesellschaft seit dieser Woche ein geräumiges Haus mit
Sprechstunden bei Ärzten, Psychologen oder Rechtsanwälten. Es
gibt eine Kleiderkammer, eine Suppenküche und auch einen
großen Garten zum Ausruhen.
Es ist ein Backsteinbau aus der
Gründerzeit, der Obdachlosen im Berliner Bezirk Mitte nun offen
steht. Kaum einen Kilometer von den schicken Touristenmeilen entfernt,
werden wohl nicht allein Menschen von der Straße die 100 Jahre
alten Steinstufen des Hauses hinauf- und hinunterlaufen. In der
Pflugstraße 12 soll niemand abgewiesen werden, dem das Geld
für eine warme Mahlzeit fehlt, eine Chipkarte für den
Arztbesuch oder eine Rechtsschutzversicherung. «Dieses Haus ist
für Menschen da, die keine Wohnung oder keine Familie haben oder
die niemand mehr liebt», sagt die Gründerin Jenny De la Torre
zur Eröffnung. Es soll ein Haus mit Seele sein, 630 Quadratmeter
groß.
Einem breiten Publikum ist Jenny
De la Torre, diese kleine, energiegeladene Frau Mitte 50, vielleicht aus
einer Fernsehshow in Erinnerung. Ein wenig schüchtern stand sie
2002 auf der riesigen Bühne des Friedrichstadtpalasts neben
Fußball-Star Rudi Völler oder Sängerin Stefanie Hertel.
Als Obdachlosen-Ärztin bekam sie vor vier Jahren den Medienpreis
«Goldene Henne» für ihr soziales Engagement
überreicht - und einen Scheck über 25 000 Euro. In Berlin
galt die gebürtige Peruanerin, die in der DDR Kinderchirurgin
wurde, zu dieser Zeit schon als der «Engel vom
Ostbahnhof».
Seit 1994 hatte sie in einem winzigen
Kellerraum des Bahnhofs die erste Praxis für
Obdachlose mit aufgebaut. Anfangs war es eine
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Nach Ärger um Gehalt,
Arbeitszeiten und Bürokratie schmiss De la Torre 2003 diesen Job.
Mit ihrem Preisgeld begann sie, ihre eigene Vorstellung von Hilfe zu
verwirklichen: eine Stiftung für Obdachlose, unabhängig von
Zuschüssen oder öffentlichen Geldern. «Es war mein
Traum, den Ärmsten der Armen ein Dach zu geben», sagt sie
nun, drei Jahre später. Nur das Haus hat sie von der Stadt bekommen
- unsaniert.
Für ihr Ziel hat Jenny De la
Torre beharrlich und erfolgreich nach Helfern gesucht, beim Bezirk, beim
Land, bei Firmen, aber auch beim Lions Club oder beim Rotary Club.
300 000 Euro hat sie an Spenden für den Umbau
zusammenbekommen. Ihr Haus ist auch ein Beweis dafür, dass es in
Berlin mit seinem Subventions-Nimbus anders gehen kann. Im
Gesundheitszentrum haben Bauingenieure und Architekten ohne Gehalt
gearbeitet, Handwerker große Rabatte gegeben und Ein-Euro-Jobber
weit über ihre Pflichten hinaus mit angepackt. Entstanden ist
etwas, das Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) in ihrem
Grußwort ein hervorragendes, einmaliges Projekt nennt, das Respekt
verdiene.
2000 bis 4000 Menschen leben in Berlin nach
Schätzungen der Verwaltung auf der Straße.
Für Jenny De la Torre liegt diese Zahl höher. «Es gibt
10 000 Menschen, die dringend Hilfe brauchen», sagt sie. Seit
den 90er Jahren versorgen Ärzte oder Zahnärzte Obdachlose in
Praxen an zwei Bahnhöfen, zumeist ehrenamtlich. Ein Arztmobil
fährt durch die Stadt, es gibt eine Ambulanz und eine eigene
Krankenstation für Menschen von der Straße. Dahinter stehen
Vereine, die Ärztekammer oder die Stadtmission. Konkurrenz gibt es
nicht.
«Hilfe kann es in einer so großen Stadt gar nicht genug
geben», sagt Ortrud Wohlwend, Sprecherin der
Stadtmission. In den kalten Wintern sei das gute soziale Netz der
Hauptstadt Zufluchtsort für Gestrandete aus ganz Deutschland - und
inzwischen auch aus Polen.
In den Fluren des neuen
Gesundheitszentrums riecht es noch nach frischer Farbe. Zur
Eröffnung wird kein Sekt aufgefahren, es gibt Suppe aus gespendeten
Lebensmitteln, Kräutertee und Wasser. Es erklingen die Reden der
Politiker, Jenny De la Torre freut sich über dringend
benötigte Spendenschecks, Anerkennung und Lob für ihre Arbeit.
Es gibt aber auch die ganz kleinen Gesten. Glatt rasiert, nüchtern
und in der Kleiderkammer fein gemacht überreicht ein Obdachloser
Jenny De la Torre einen ganz kleinen Blumenstrauß.
(Internet:
www.delatorre-stiftung.de)
dpa vl yybb be