«Bei mir steht keiner vor der
Tür und darf nicht rein», erklärt die
engagierte Vorruheständlerin ihre Arbeit. «Wer Hunger hat,
kann kommen.» Meist sind es Alkohol und Gewalt, die die Kinder und
Jugendlichen von zu Hause vertreiben. Mitunter drängen sich bis zu
30 junge Menschen in den Räumen.
Die Angaben über die Zahl
der Straßenkinder in Deutschland gehen deutlich auseinander, je
nachdem, wie der Begriff definiert wird. Das Kinderhilfswerk terre des
hommes kam vor wenigen Jahren auf rund 9000 Kinder, Jugendliche und
junge Erwachsene. Die Stiftung «Off Road Kids» im
baden-württembergischen Bad Dürrheim schätzt, dass es
mehrere hundert Straßenkinder gibt, wenn darunter nur
Minderjährige verstanden werden.
Ohne ihre Helfer käme Gabi
Edler nicht weit. Acht Ehrenamtliche stehen ihr in ihrem Verein
«Straßenkinder« zur Seite, es gibt zwei
Sozialarbeiter. Alles wird aus Spenden finanziert. Oft bringen Freunde
nach dem Einkaufen einfach etwas vorbei. Restaurants stellen Essen zur
Verfügung, Firmen spenden Kleidung, Computer und Sportgeräte,
Handwerker packen mit an. «Tante E.» ist bekannt in Leipzig.
Was nicht gebraucht wird, wird weitergereicht: an Kinderheime,
Frauenhäuser und auch an einen Obdachlosen-Treff. Das Leipziger
Jugendamt begrüßt solch ehrenamtliches Engagement. «Wir
sind froh, dass es das gibt», sagt Sozialarbeiter Lutz
Wiederanders.
Angefangen hat alles vor fast 15 Jahren. Als die
heute 63-Jährige in Frankfurt/Main war und Kinder
und Jugendliche dort am Hauptbahnhof herumlungern sah, war ihr klar,
dass auch Leipzig von solch einer Entwicklung nicht verschont bleiben
würde. Als sie dann hier ein Jugendlicher anbettelte, sagte Edler
nur: «Du kriegst kein Geld. Aber ich lade Dich zum Bäcker
ein.» Schließlich knüpfte sie Kontakt zu
Straßenkindern am Hauptbahnhof. «Als es kalt wurde, habe ich
gesagt:
Kommt Weihnachten zu mir.» 17 Kinder in einer
56-Quadratmeter- Wohnung.
Nicht alles ist Edler gelungen. Als sie eine
Drogenabhängige mit nach Hause nahm, merkte sie,
dass sie an ihre Grenzen stößt. Aber gleich mit dem
nächsten Satz erzählt sie von einem 28-Jährigen, der sie
kürzlich bei ihrer Geburtstagsfeier überraschte. Der junge
Mann war früher drogenabhängig, heute ist er Abteilungsleiter.
«Ich kann nicht alle retten», sagt sie. «Aber ein paar
wären schon Klasse.»
(Internet:
www.strassenkinder-leipzig.de;
www.offroadkids.de;
terre des hommes:
www.tdh.de)
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