Die Telefonseelsorge wird 50 - und hat mehr Arbeit denn
je
Von Chris Melzer, dpa
Kassel (dpa) - Klaus ist ein
Dauertelefonierer. Stundenlang hängt
er jede Woche am Telefon und spricht über
Krankheiten und Sex,
Arbeitslosigkeit und Beziehungsprobleme. Der
Handwerksmeister ist
kein Telefonjunkie - er ist ehrenamtlicher Helfer
bei der
Telefonseelsorge Nordhessen. Vor 50 Jahren wurde in
Kassel die erste
Telefonseelsorge Deutschlands gegründet - gerade in den
vergangenen
Jahren ist das Interesse drastisch gestiegen.
«In den achtziger Jahren hatten wir jedes
Jahr 8000 Anrufe. Jetzt
sind es dreimal so viele», sagt
Geschäftsführerin Helga Thomson. Die
Themen seien die gleichen geblieben:
Existenzangst,
Beziehungsprobleme, Gewalt, Sucht. «Was neu
ist, ist Hartz, immer
wieder Hartz. Aber das ist nur der neue Ausgangspunkt für
alte
Probleme.» Die Hilfe für potenzielle
Selbstmörder ist die seltene
Ausnahme.
Ein erster ähnlicher Dienst in Deutschland
war 1956 die
«Lebensmüdenberatung» in Berlin.
Als Pfarrer Erich Stange ein Jahr
später das erste Hilfetelefon in der
Bundesrepublik aufbaute, nannte
er es Telefonseelsorge. Heute gibt es 106 derartiger
Dienste in allen
Teilen Deutschlands. Die anonymen Dienste der
evangelischen Kirchen
sind bundesweit unter 0800 111 0 - 111 zu erreichen,
die der
Katholiken unter der Endung - 222. Die Beratung
ist kostenlos, das
Telefonat auch.
«Einen typischen Anrufer
gibt es eigentlich nicht», sagt Klaus. Er
arbeitet seit 1989 bei der Telefonseelsorge und hat inzwischen
schon
mit tausenden Hilfesuchenden gesprochen: Frauen,
die mit einer
Trennung nicht fertig werden; Männer, die
nach dem Tod ihrer Frau
vereinsamen; Kinder, die geschlagen werden. Oder
Menschen, die sich
durch ihre Arbeitslosigkeit ausgegrenzt fühlen.
Der Nordhesse hat wie alle eine
einjährige Ausbildung durchlaufen.
Die Arbeit, in der Regel 20 bis 30
Vier-Stunden-Schichten im Jahr,
ist ehrenamtlich. Dennoch melden sich jedes Jahr mehr Helfer
als
gebraucht werden - Handwerker, Hausfrauen,
Richter. «Wir können noch
aussuchen», sagt Pfarrer Gerd Haenisch,
Vorsitzender des Vereins
Telefonseelsorge Nordhessen. «Das ist auch notwendig, weil
die
Berater einige Qualifikationen mitbringen
müssen.» Psychische
Stabilität ist das wichtigste. Aber auch
völlige Offenheit: «Wenn
hier ein Rechtsextremist anruft, kann ich
vielleicht denken "Du
blödes Schwein". Aber ich muss mit ihm
reden.»
Reden ist das A und O:
«Keiner wird abgewiesen. Das spüren die
Menschen und öffnen sich», sagt Klaus. Manchmal gehe ein
Gespräch
mehr als zwei Stunden. «Wir bemühen uns aber, unter 45
Minuten zu
bleiben. Irgendwann drehen sich die Gespräche
im Kreis und
schließlich warten noch andere.» Er weiß, dass
seine Hilfe für viele
unschätzbar, aber auch begrenzt ist.
«Eingreifen können wir nicht.
Wir können letztlich nur Wege
aufzeigen.» Ein unlösbares Dilemma,
sagt Thomson: «Nicht handeln zu können und damit leben zu
müssen, ist
schwer. Sehr schwer.»
Nur in seltenen Ausnahmen kann
die Polizei verständigt werden.
«Einmal sprach ich mit einem Menschen, der aus dem
Leben gehen
wollte», sagt Pfarrer Haenisch. «Wir haben die Polizei
verständigt,
die haben gesucht, aber erfolglos. Ich habe dann gemerkt, wie
ihre
Stimme immer schwächer wurde.» Am
nächsten Morgen fand die Polizei
die Leiche.
Ein weiteres Problem der Helfer:
Es gibt immer mehr Missbrauch des
Hilfsangebots: «Nachmittags 16, 17 Uhr, wenn
die Hausaufgaben gemacht
sind, ist es ganz schlimm. Dann rufen Kinder an und veralbern
uns.»
Doch erst einmal muss jeder ernst genommen werden. «Ein
Mädchen sagt,
sie sei 13 und schwanger. Dann versucht man minutenlang auf das
Kind
einzugehen und hört plötzlich die
Freundinnen im Hintergrund lachen.
Das nervt», sagt Klaus. Besonders deshalb, weil echte
Ratsuchende
immer schwerer zu den Helfern
durchkommen.
TelefonSeelsorge in Deutschland
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