Ueckermünde/Marburg (dpa/mv)
- Die Segelfreunde unter Deutschlands
Rollstuhlfahrern bekommen im Mai ihren ersten
behindertengerechten
Großsegler. Im vorpommerschen
Ueckermünde hat ein Verein das Projekt «Rolli-Segler» angeschoben. «Nach
drei Jahren sind wir jetzt in der Endphase. Am 5. Mai zur Taufe haben sich schon
Bundespräsident Horst
Köhler und seine Gattin angemeldet»,
berichtet Projektleiter Horst
Gollatz. Das rund 550 000 Euro teure Projekt hat
Förderer in ganz
Deutschland gefunden und wird auch von der EU
unterstützt. Der 22
Meter lange Großsegler wird «Wappen von
Ueckermünde» heißen. Er kann
14 Menschen an Bord nehmen, darunter sechs
Rollstuhlfahrer.
«Das ist richtig toll, dass es endlich
solche Möglichkeiten für
Behinderte gibt», freut sich Barbara
Milbrandt. Sie leitet in
Neubrandenburg eine Jugendgruppe des
Behindertenverbandes mit 37
Mitgliedern. «Von uns wollen mehrere
Rollstuhlfahrer am 5. Mai nach
Ueckermünde und das ausprobieren», bestätigt
sie.
Die Idee für den
"Rolli-Segler" entstand im Ueckermünder Zentrum
für Erlebnispädagogik und Umweltbildung
(Zerum), wo Gollatz arbeitet.
«Uns wurde bei der Jugendarbeit klar, dass
Behinderte deutschlandweit
nirgends richtig mitsegeln können», sagt der
56-jährige ehemalige
Matrose. Ueckermünde mit seiner Lage am
Stettiner Haff und dessen
direkter Verbindung zur Ostsee gilt seit
Jahrzehnten als eines der
Seglerzentren in Norddeutschland. Das Stettiner
Haff hat rund 903
Quadratkilometer, ist der größte Bodden
der Ostsee und knapp
zwei Mal so groß wie der Bodensee.
Gollatz holte sich das bsj Marburg aus
Hessen als Träger des
Zerum und «Verein zur Förderung
bewegungs- und sportorientierter
Jugendsozialarbeit» mit «ins
Boot». Die Hessen kooperieren dabei mit
der Universität Marburg. Dazu kamen die Stadt
Ueckermünde, zahlreiche
Betriebe der Region und später aus ganz
Deutschland. «So spendete uns
ein Segelmacher aus Flensburg Segeltuch, aus
Bayern kamen Eisenteile,
aus Niedersachsen und Hessen kam Blei für den
Ballast», schildert
Gollatz. Auf 460 Spender kommen die Initiatoren
bisher.
So wurde der 114 PS starke
Schiffsdieselmotor aus Köln von Mitteln
der EU gekauft. Gegenwärtig sind neun
Männer dabei, vor allem über
Ein-Euro-Jobs unter Anleitung von Vorarbeiter
Thomas Freitag den
Decksboden zu schleifen und zu versiegeln, die
Kajüten und das
Deckshaus auszubauen. «Das schwierigste war,
den 40 Tonnen schweren
Schiffskörper Ende 2006 aus der
Fertigungshalle zu bugsieren»,
erinnert sich Freitag, der Schiffbauer ist und aus
Berlin kommt.
«Rollstuhlfahrer können sich auf diesem
Segler in speziell
konstruierten Rollstühlen allein an Deck und
unter Deck bewegen»,
erzählt Gollatz. Das sei nicht überall so. «Bei den
meisten Seglern
sind irgendwelche Abspannungen auf dem Deck im
Wege, bei uns sind sie
außen am Geländer angebracht. Über
zwei speziell konstruierte Lifte
gelangen Behinderte unter Deck, wo sie die Messe,
Duschen und Betten
erreichen. «Sie können auch selbst mit anpacken, so beim
Segelsetzen,
Navigieren oder auch in der Kombüse»,
erklärt Freitag.
Das Gros des Geldes für die
Fertigstellung der «Wappen von
Ueckermünde» hat der
Rolli-Segler-Verein beisammen, hofft aber
weiter
auf Unterstützung. «Der Teufel steckt
im Detail», sagt Gollatz. So
wurden gerade wieder 300 Euro fällig, weil eine
Lampe am Mast einen
Schutzbügel braucht. «Jede Schraube
kostet Geld und alle zwei Jahre
sind 20 000 Euro für Untersuchungen am
Schiffsboden, neue
Konservierungen und vorgeschriebene Tests
nötig.»
An Fantasie darf es dabei nicht
fehlen: Als der 26 Meter lange
Mast kam, hätte es einen Spezialtransports
mit enorm vielen
Sperrungen bedurft, diesen zum Schiff in der
Uecker zu befördern. Da
half die Bundeswehr aus dem benachbarten Torgelow:
46 Mann trugen den
500 Kilogramm schweren Mast über 1,6
Kilometer durch die Straßen zum
Schiff. Inzwischen ist der Rolli-Segler eine anerkannte
Initiative
zum «Land der Ideen 2007».
(Internet:
www.rolli-segler.de)
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