Was die Deutschen in der
Fremde sahen
Universitätsbibliothek
verwaltet einzigartiges Bildarchiv der Kolonialzeit
Einblicke in eine vergangene
Zeit bietet das koloniale Bildarchiv der Frankfurter Universitätsbibliothek.
Mehr als 70.000 Motive erinnern an die deutsche Kolonialzeit von 1884 bis 1919
in Namibia, Togo und Tansania, in China und der Südsee. Das einzigartige
Material ist unter www.stub.bildarchiv-dkg.uni-frankfurt.de
für jeden im Internet zugänglich.
Frankfurt am Main
(pia/25.10.05) Am Anfang war das Chaos. Das Archiv basiert auf der Bildsammlung
der Deutschen Kolonialgesellschaft (DKG) - und dieser Schatz lagerte fast
völlig vergessen im Frankfurter Frobenius-Institut, bis ihn zwei
wissenschaftliche Mitarbeiter der Bibliothek 1990 entdeckten und sichteten.
„Das Ergebnis war überwältigend und deprimierend zugleich“, erinnert sich Prof.
Uwe Jäschke, der damals Bildmaterial für seine Doktorarbeit suchte. Mit seiner
Kollegin Imre Demhardt durchforstete er etwa 3000 Kartons voller Fotoplatten
und Filme, Dias und Papierabzüge, denen ihr Alter und die schlechte Lagerung
zugesetzt hatte. Das Material war verstaubt und verklebt, verblichen und voller
Kratzer. Doch mit aufwändigen Verfahren gelang es, die kulturhistorisch
einmalige Sammlung zu retten und nahezu vollständig verfügbar zu machen. „Ohne
die Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft als Hauptgeldgeber wäre uns das
nie gelungen“, betont der Vize-Direktor der Frankfurter Unibibliothek, Dr.
Wilhelm R. Schmidt, der das Projekt leitet. Angesichts der knappen öffentlichen
Mittel sprangen auch mehrere Stiftungen als Förderer ein.
Die 1887 gegründete Deutsche
Kolonialgesellschaft (DKG) wurde 1943 aufgelöst. Sie wollte die deutschen
Kolonien erforschen und erweitern, Interesse für die Gebiete wecken und neue
Auswanderer anwerben. Mit ihrer stetig wachsenden Bildsammlung dokumentierte
sie das Kolonialinteresse des Deutschen Reiches in sämtlichen Gebieten: Togo,
Kamerun, Deutsch-Südwestafrika (Namibia), Deutsch-Ostafrika (Tansania, Burundi,
Ruanda), China, Papua-Neuguinea, Mikronesien und Marshall-Inseln, Nauru und
West-Samoa. Hinzu kamen deutsche Siedlungen in Lateinamerika und Australien. Um
das Material vor den Russen zu retten, brachten es die Nazis 1943 in ein
Thüringer Bergwerk, 20 Jahre später übergaben es die Alliierten dem Frankfurter
Frobenius-Institut.
Die DKG-Fotografen hielten
nahezu alles für die Daheimgebliebenen fest: Landschaft und Tierwelt,
Einheimische und Weiße, Bauten und Verkehrswege, Schutztruppen und Aufstände.
In Tansania betreut Schwester Freya die Leprakranken, und Oberst von Schleinitz
fotografiert seine Dackel beim Schachspielen. In Brasilien grasen schwarz-weiße
Kühe, in Namibia fressen Löwen ein Zebra, in Tsingtau/China startet das
Expeditionskorps seinen Feldzug, in Samoa blickt König Mataafa auf seine
Südsee-Idylle. „Das visuelle Spektrum der Sammlung ist ungeheuer faszinierend“,
sagt Projektleiter Schmidt. Um das wertvolle Material für die Nachwelt zu
erhalten, wurde es zunächst zur Langzeit-Archivierung auf Sicherheitsfilm
gebannt. Seit 1997 dienen diese Filme als Grundlage des digitalisierten
kolonialen Bildarchivs. „Hier stellt uns die richtige Beschreibung der Inhalte
immer wieder vor Herausforderungen“, berichtet Schmidt.
Das Ergebnis der jahrelangen
Mühen ist für jeden im Internet zugänglich. Unter www.stub.bildarchiv-dkg.uni-frankfurt.de
finden sich die 55.000 Bilder der DKG-Sammlung sowie weitere 15.000 Motive, die
Schmidt aufgrund der großen Popularität der Webseite zusätzlich erhielt.
Privatleute liefern ihm zuweilen einen Nachlass - „erst kürzlich brachte ein
Kölner zehn Alben mit Bildern seiner Vorfahren aus Deutsch-Südwest vorbei“ - ,
ein Archivar aus Swakopmund/Namibia lieh ihm tausende Motive zur digitalen
Erfassung. Auch Wissenschaftler bekunden national wie international Interesse:
Mit der Afrika-Abteilung der Harvard University in den USA und mit dem
Nationalarchiv in Namibia tauscht die Frankfurter Universitätsbibliothek
Materialien aus, für Institute in Köln und Hamburg konzipierte sie
Ausstellungen. Hinzu kommen regelmäßige Anfragen der Medien, von der
US-Abenteuerserie „Jäger des verlorenen Schatzes“ bis hin zur dreiteiligen
ZDF-Dokumentation über „Deutsche Kolonien“ ab 8. November. Deren Redakteurin
war von dem Material aus Frankfurt so beeindruckt, dass sie darüber ein Buch
schreiben möchte.
Apropos Buch: Schmidt und
seine Kollegen überlegen derzeit, auch die 15.000 Bücher aus dem Vermächtnis
der Deutschen Kolonialgesellschaft zu digitalisieren. Bisher sind diese
Raritäten in Frankfurt nur unter besonderem Schutz einsehbar. Den Anfang im
Internet macht das Deutsche Kolonial-Lexikon von 1920. Noch in der
Aufbau-Phase, informiert das einzige Dokument dieser Art über die damalige
Sicht der Deutschen auf die Fremde, von „Aasfresser“ über „Kaffernsprachen“ und
„Kaffeekrankheiten“ bis zu „Zauber im Islam“. Projektleiter Schmidt räumt ein,
dass man „beileibe nicht alles unterstützen kann, was da drin steht - aber es
gehört zum historischen Wissen einfach dazu.“
Nicole Unruh
Der Abdruck ist honorarfrei.
Belegexemplar erbeten.