Alt-Bundespräsident
Johannes Rau
Vertrauen
in Deutschland –
eine
Ermutigung
„Berliner
Rede“
gehalten
am 12. Mai 2004
im
Schloss Bellevue in Berlin
„
V e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 8 7
I
Das ist die letzte „Berliner Rede“, die ich als Bundespräsident
halte.
Ich
habe in den vergangenen Jahren bei dieser Gelegenheit meine
Position
zu grundsätzlichen Fragen formuliert. Ich habe Orientierung
zu
geben versucht, wie die Menschen sie von den politischen
Repräsentanten
ihres Landes erwarten. Ich habe über die Integration
von
Zuwanderern gesprochen, über Fortschritt nach menschlichem
Maß,
über die notwendige Gestaltung der Globalisierung und
über
Deutschlands Rolle in der Welt.
Ich
will heute über das Thema sprechen, das ich in der politischen
Debatte
derzeit für das wichtigste halte. Und ich wende mich
dabei
an alle, denen die Zukunft unseres Landes am Herzen liegt –
an
die, die heute Verantwortung tragen, und auch an die, die Verantwortung
übernehmen
könnten und übernehmen müssten, damit
unser
Land aus einer schwierigen Lage herauskommt und neue
Zuversicht
und neue Dynamik gewinnt.
Ich
meine nicht die Steuerpolitik, ich rede nicht über das
Renten-
oder das Gesundheitssystem. Ich rede auch nicht über den
notwendigen
Umbau des Föderalismus, nicht über die dringend
erforderlichen
Veränderungen in unserem Bildungswesen und auch
nicht
über die gerechte Umgestaltung des Sozialstaats.
Nein,
ich will über das sprechen, was die Grundlage ist für
jegliche
Veränderung. Ich will über das sprechen, was nach meiner
Erfahrung
die notwendigen Veränderungen in unserem Land überhaupt
erst
möglich macht: Ich rede von Vertrauen und Verantwortung.
II
Seit Jahren schon wird uns ein Bild immer wieder vor Augen
gestellt:
Wir
stehen vor einem riesigen Berg von Aufgaben und Problemen.
Wenn
wir nicht alles anders machen als bisher, so drohen uns, heißt
es,
Niedergang, Zusammenbruch, Abstieg oder andere Katastrophen.
Untergangsszenarien
und Apokalypsen
sind
ja eigentlich Mittel von politischen
Außenseitern,
die gesellschaftliche Veränderungen
erzwingen
wollen. Heute kommen
solche
Beschreibungen oft auch von Verantwortlichen
aus
der Mitte von Wirtschaft,
Gesellschaft
und Politik. Das Ziel ist das gleiche: Untergangsszenarien
sollen
mithelfen, bestimmte Ziele durchzusetzen und dafür
Mehrheiten
zu gewinnen.
„Untergangsszenarien
sollen
mithelfen,
bestimmte
Ziele
durchzusetzen und
dafür
Mehrheiten zu gewinnen.“
8
8 B e r l i n , 12 . M a i 2 0 0 4
Heute,
da so viel von Zukunft die Rede ist, ist so wenig
Zuversicht
zu spüren, so wenig Selbstvertrauen und so wenig Vertrauen
in
die Zukunft. Viele scheinen von der Zukunft vor allem
Schlechtes
zu erwarten. Dafür gibt es manchen Grund, und viele Sorgen
sind
berechtigt.
Entscheidend
ist aber: Wo Vertrauen fehlt, regiert Unsicherheit,
ja
Angst. Angst vor der Zukunft ist der sicherste Weg,
sie
nicht zu gewinnen. Angst lähmt die Handlungsfähigkeit und trübt
den
Blick für das, was in Staat und Gesellschaft
tatsächlich
grundlegend verändert werden
muss,
was neuen Bedingungen angepasst werden
soll
und was auf jeden Fall bleiben muss.
Die
Zukunft kommt ja nicht einfach
auf
uns zu. Wir müssen sie nach unseren eigenen
Vorstellungen
gestalten. Wir wollen
schließlich,
dass wir auch in Zukunft friedlich und in Freiheit miteinander
leben
können – in einer Gesellschaft, in der Leistung etwas
gilt
und die Gerechtigkeit und Solidarität leben.
Wenn
wir diese Zukunft gestalten wollen, wenn wir sie
menschlich
gestalten wollen, dann brauchen wir zweierlei: Vertrauen
in
die, die für uns Verantwortung tragen, und die Bereitschaft, selber
Verantwortung
zu übernehmen. Ich bin fest
davon
überzeugt, dass wir die notwendigen Veränderungen
schaffen
können. Genauso fest
glaube
ich aber, dass der Mangel an Vertrauen
und
Verantwortungsbereitschaft der eigentliche
Grund
für die massive Verunsicherung ist,
für
die an vielen Stellen pessimistische Stimmung
und
für die mangelnde Kraft zur Veränderung.
Wir
alle wissen: Vertrauen kann man
nicht
anordnen, nicht befehlen. Vertrauen
kann
man nicht beschließen. Vertrauen muss wachsen. Vertrauen
wächst
zwischen einzelnen Menschen, in Gemeinschaften und muss
eine
ganze Gesellschaft prägen.
Ohne
Vertrauen können Menschen nicht friedlich miteinander
leben.
Ohne
Vertrauen werden wir unsere Probleme nicht lösen.
Erst
Vertrauen schafft das Klima für wirtschaftlichen
Erfolg,
für wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt, für technische
Innovation.
„Angst
lähmt die Handlungsfähigkeit
und
trübt den
Blick
für das, was in Staat
und
Gesellschaft tatsächlich
grundlegend
verändert
werden
muss.“
„Genauso
fest glaube ich
aber,
dass der Mangel an
Vertrauen
und Verantwortungsbereitschaft
der
eigentliche
Grund für die
massive
Verunsicherung ist,
für
die an vielen Stellen
pessimistische
Stimmung
und
für die mangelnde
Kraft
zur Veränderung.“
„
V e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 8 9
III
Tatsächlich aber ist Verunsicherung so etwas wie ein
allgegenwärtiges
Gefühl
geworden, das unsere gesamte Gesellschaft erfasst. Das ist
lebensgefährlich.
Natürlich
gibt es auch ein falsches
Sicherheitsgefühl,
das Neugier, Wagemut und
Unternehmensgeist
bremst. Wenn neue Entwicklungen
verschlafen
oder verhindert wurden,
kritisieren
wir das zu Recht.
Wir
müssen aber träge Bequemlichkeit
genau
unterscheiden von der notwendigen
Grundsicherheit,
die jeder Mensch
braucht,
damit Sorgen und Angst ihn nicht lähmen. Auch Verunsicherung
erzeugt
Lähmung. Menschen ohne Grundvertrauen sind
nicht
besonders leistungsfähig, weder besonders leistungsbereit
noch
besonders risikofreudig.
Es
ist ein Irrtum zu glauben, dass man Menschen zu besserer
oder
zu mehr Leistung motivieren kann, wenn sie ständig
Angst
haben müssen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren
oder
im Alter in Not zu geraten. Jeder
Mensch
braucht eine gewisse Grundsicherheit,
damit
er den Kopf frei hat, auch für Anstrengung
und
Erfolg im Beruf.
Wenn
wir unsere Gegenwart realistisch
beschreiben
wollen, müssen wir auch fragen,
ob
tatsächlich so vieles schwierig und
unsicher
ist, ob tatsächlich so vieles schlecht und erneuerungsbedürftig
ist,
so vieles abgebaut und umgebaut werden muss – oder ob
vieles
einfach schlecht geredet wird.
Haben
wir uns vielleicht selber inzwischen so schlecht geredet,
dass
wir uns nichts mehr zutrauen? Nähern wir uns gelegentlich
nicht
einer Art kollektiver Depression?
Ich
wüsste kein Land, in dem so viele Verantwortliche und
Funktionsträger
mit so großer Lust so schlecht, so negativ über das
eigene
Land sprechen, wie das bei uns in Deutschland geschieht.
Das
bleibt nicht ohne Folgen. Wir haben inzwischen ein so dunkles
Bild
von uns selber gewonnen, wie wir es in früheren Jahren nie
gehabt
haben.
Es
gibt natürlich haarsträubendes Versagen und objektive
Missstände.
Die peinlichen Pannen um die LKW-Maut
sind allen im
Gedächtnis.
Oder das unendliche Gezerre um die Einführung des
Dosenpfands,
das der Gesetzgeber schon vor 13 Jahren beschlossen
„Wi
r müssen aber träge
Bequemlichkeit
genau
unterscheiden
von der notwendigen
Grundsicherheit,
die
jeder Mensch braucht,
damit
Sorgen und Angst
ihn
nicht lähmen.“
„Tatsächlich
aber ist
Verunsicherung
so etwas
wie
ein allgegenwärtiges
Gefühl
geworden, das
unsere
gesamte Gesellschaft
erfasst.
Das ist
lebensgefährlich.“
9
0 B e r l i n , 12 . M a i 2 0 0 4
hat;
alle hatten doch Zeit genug, sich darauf einzustellen. Oder das
neue
Preissystem, das die Bahn – trotz vieler Warnungen – mit großem
Aufwand
eingeführt hat und das sich schon bald darauf als
reichlich
kundenfern herausstellte.
Solche
und ähnliche Missstände sind tatsächlich ärgerlich.
Was
mich allerdings noch mehr stört: Sie gelten nicht mehr als
behebbare
Einzelfälle von Inkompetenz, sondern sie werden inzwischen
als
etwas für uns Typisches wahrgenommen. Statt mit Tatkraft
und
einem Schuss Pragmatismus zu sagen: Das können wir besser,
und
das machen wir jetzt besser, bricht, auch publizistisch, eine endlose
Klage-
und Selbstanklagewelle über uns herein.
Wir
fangen schon an, hämisch und schulterzuckend über
uns
selber zu sprechen. Gelegentlich kann man den Eindruck gewinnen:
Unser
Land, seine Zukunft, das alles bedeutet vielen
nichts
mehr.
Und
wir wissen ja: Wenn es einmal einen bestimmten
Trend
gibt, dann wird alles in diesen Trend eingeordnet und all das,
was
dagegen spricht, nicht mehr wahrgenommen.
IV
Der Vertrauensverlust in unserem Land hat aber auch ganz
handfeste
Gründe.
Es sind ganz konkrete Handlungen und Einstellungen, Worte
und
Taten, die immer mehr Menschen tiefes
Misstrauen
einflößen.
Wir
müssen zum Beispiel erleben, dass
einige,
die in wirtschaftlicher oder öffentlicher
Verantwortung
stehen, ungeniert in die eigene
Tasche
wirtschaften. Das Gefühl für das, was
richtig
und angemessen ist, scheint oft verloren
gegangen
zu sein. Egoismus, Gier und Anspruchsmentalität
in
Teilen der so genannten
Eliten
schwächen auch das Vertrauen in die Institutionen selber, wenn
deren
Repräsentanten offenbar alle Maßstäbe verloren haben.
Wir
müssen in den Debatten über Veränderungen und
Reform
auch erleben, dass allzu oft das Gemeinwohl vorgeschoben
wird,
wo es um nichts als Gruppenegoismus, um Verbandsinteressen
oder
gar um erpresserische Lobbyarbeit geht.
Häufig
glauben die Bürgerinnen und Bürger einfach nicht
mehr,
was sie hören und sehen. Sie machen zu oft die Erfahrung,
dass
man auch vielem, was in aller Öffentlichkeit gesagt wird, nicht
trauen
kann. Es ist auch kein Ausweis des Vertrauens, wenn über
„Egoismus,
Gier und Anspruchsmentalität
in
Teilen
der
so genannten Eliten
schwächen
auch das Vertrauen
in
die Institutionen
selber,
wenn deren Repräsentanten
offenbar
alle
Maßstäbe
verloren haben.“
„
V e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 9 1
manche,
die in der Öffentlichkeit stehen, gesagt wird: „Denen ist
alles
zuzutrauen.“
Gewiss:
Jeder kann sich gelegentlich irren. Was man heute
aus
Überzeugung vertritt, kann durch neue Umstände überholt werden.
Das
ist so, und das sollte man dann auch öffentlich sagen. Aber
die
bewusste Manipulation der Wahrheit oder der Tatsachen zerstört
Vertrauen
– manchmal endgültig.
V
Vertrauen in die Politik wird auch zerstört, wenn der Eindruck
entsteht,
in
nahezu jeder Frage gehe es in erster Linie darum, wer sich
gegen
wen durchsetzt, wer wem am meisten schadet, wer zurückgesetzt
wird
oder sich wieder ein Stück weiter nach vorne gekämpft
hat.
Dadurch
werden nicht nur wichtige
Sachfragen
als Nebensache behandelt, so dass
am
Ende oft das Falsche oder Dilettantisches
herauskommt.
Dadurch entsteht auch der
fatale
Eindruck, in der Politik komme es letztlich
nur
darauf an, wer die Macht hat, und
nicht
so sehr darauf, was er mit ihr macht.
Dann
wären wir bei Lenin angekommen, für den sich alle Politik auf
die
Frage reduzierte: Wer wen? Die Entwicklung bei den Gesprächen
über
ein Integrations- und Zuwanderungsgesetz ist ein besonders
schlimmes
Beispiel für diese Art von Politik.
Natürlich
geht es in der Politik um Macht und auch um
Machtkampf
und Machtanteile. Politik muss in erster Linie aber ein
Streit
um Ziele und um die besten Lösungen sein. Politik muss sich
an
Wertvorstellungen und an Grundsätzen orientieren, die man
erkennen
kann. Sonst trauen immer mehr Menschen am Ende den
Politikern
alles zu, nur nicht, dass sie sich wirklich
für
die Bürgerinnen und Bürger einsetzen,
die
sie gewählt haben.
Besonders
vertrauenszerstörend ist
die
offenbar anhaltende Wirkungslosigkeit all
dessen,
was die Arbeitslosigkeit beseitigen soll
–
und die gegenseitige Schuldzuweisung aller
Beteiligten.
Wir wissen alle: Die Arbeitslosigkeit
ist
die größte Wunde der Gesellschaft.
Wie
viel Hoffnungen, wie viel Lebensmut werden hier zerstört! Wie
viel
guter Wille, wie viel Leistungsbereitschaft bleiben hier unge-
„Natürlich
geht es in der
Politik
um Macht und auch
um
Machtkampf und Machtanteile.
Politik
muss in
erster
Linie aber ein Streit
um
Ziele und um die besten
Lösungen
sein.“
„Die
Arbeitslosigkeit ist die
größte
Wunde der Gesellschaft.
Wie
viel Hoffnungen,
wie
viel Lebensmut
werden
hier zerstört ! Wie
viel
guter Wille, wie viel
Leistungsbereitschaft
bleiben
hier
ungenutzt!“
9
2 B e r l i n , 12 . M a i 2 0 0 4
nutzt!
Wie groß und wie weitverbreitet ist das Gefühl, nicht
gebraucht
zu werden, ja wertlos zu sein! Keine Aussicht auf Arbeit
und
Beschäftigung zu haben: Das kann jedes Vertrauen in die
Zukunft
zerstören – in die eigene und in die der Gesellschaft.
Niemand
hat ein Konzept mit Erfolgsgarantie. Ich auch
nicht.
Ich weiß aber, dass die Vertrauenskrise in unserer Gesellschaft,
das
ständige Schlechtreden von allem und jedem viele Unternehmer
davon
abhält zu investieren und viele Bürgerinnen und Bürger
davon
abhält zu kaufen. Wirtschaft und Wirtschaftspolitik bestehen
bekanntlich
zu 50 Prozent aus Psychologie. Darum wird die
Wirtschaft
nur in einem Klima des Vertrauens neuen Schwung
bekommen.
VI
Eine wichtige Grundlage für Entscheidungen, die heute getroffen
werden
müssen, sind Prognosen und Voraussagen. Auch hier
wachsen
Zweifel: Welche Prognosen sind seriös? Werden Voraussagen,
die
für die meisten Menschen handfeste Folgen haben, wirklich
immer
nach bestem Wissen und Gewissen
gemacht?
Sind sie nicht oft interessengeleitet?
Wird
nicht manches besonders hochund
anderes
heruntergerechnet? Werden
nicht
bestimmte Wertungen zugrunde gelegt,
aber
nicht offen gelegt?
Wir
hätten schon viel gewonnen, wenn
Prognosen
und Voraussagen regelmäßig, nach
einem
Jahr, nach zwei oder fünf Jahren, darauf überprüft werden, was
sie
wirklich wert waren. Schon das könnte eine heilsame Wirkung
haben.
Dann könnte man sogar aus Fehlprognosen lernen.
Leichtfertige
Prognosen, die irgendeinen Niedergang vorhersagen,
wenn
nicht sofort dies oder jenes geschieht, zerstören Vertrauen
genauso
wie Versprechen, von denen man wissen kann, dass
sie
nicht einzuhalten sind.
Das
geschieht trotz besseren Wissens immer wieder, und
darum
haben viele Menschen sich mittlerweile
darauf
eingestellt, vorsichtshalber erst
einmal
gar nichts mehr zu glauben. Diese
Haltung
führt über Politikverdrossenheit hinaus
zur
völligen Abkehr vom politischen
Leben.
Kein demokratischer Staat hält es auf
Dauer
aus, wenn sich immer stärker eine Hal-
„Kein
demokratischer Staat
hält
es auf Dauer aus, wenn
sich
immer stärker eine
Haltung
des ‚Wi r da unten,
die
da oben’ durchsetzt.“
„Wi
r hätten schon viel
gewonnen,
wenn Prognosen
und
Voraussagen regelmäßig,
nach
einem Jahr, nach
zwei
oder fünf Jahren, darauf
überprüft
werden, was
sie
wirklich wert waren.“
„
V e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 9 3
tung
des „Wir da unten, die da oben“ durchsetzt. Gewohnheitsmäßiges
Misstrauen
in die Politik untergräbt die Fundamente der
Demokratie
und ist ein riesengroßes Einfallstor für Populisten und
schreckliche
Vereinfacher aller Art. Die haben auf alles eine Antwort
und
für nichts eine Lösung.
VII
Misstrauen wächst auch dann, wenn wichtige politische
Entscheidungen
in
immer kleineren Kreisen getroffen werden. Nun weiß
jeder,
dass es manchmal wirklich nötig ist, sich hinter verschlossenen
Türen
zu beraten, um zu einem Konsens oder zu einem Kompromiss
zu
kommen, den alle mittragen können.
Solche
Vereinbarungen schaffen nur
dann
Vertrauen, wenn die Verständigung echt
ist,
wenn kein fauler Kompromiss kaschiert
wird
und wenn alle sich an das halten, was sie
gemeinsam
verabredet haben. Wenn die Verfallszeit
von
Verabredungen aber kürzer ist als
die
eines Bechers Joghurt, dann schürt das den Eindruck, dass die
politisch
Verantwortlichen sich letztlich nicht verständigen wollen
oder
können.
Besonders
schädlich ist es, wenn sich immer mehr das
Gefühl
breit macht: „Die da oben können es nicht – und zwar auf
allen
Ebenen und auf allen Seiten.“ Ein Umfrageergebnis ist in der
Nachkriegsgeschichte
übrigens absolut neu: Noch nie hatten so
wenig
Menschen in Deutschland Vertrauen in die Politik einer Regierung
–
und noch nie haben gleichzeitig so wenige geglaubt, die
Opposition
könne es besser.
Das
ist Ausdruck einer tief greifenden Vertrauenskrise. Von
Ausnahmen
abgesehen geht die Beteiligung bei Wahlen bedenklich
zurück.
Auch langjährige Mitglieder wenden sich von den Parteien
ab.
In manchen Gegenden fehlen schon Kandidaten für die Wahlen
in
den Städten und Gemeinden.
Darin
drückt sich für mich das gefährlichste
und
verhängnisvollste Misstrauen aus:
Das
fehlende Vertrauen in die eigenen
Möglichkeiten,
etwas verändern und etwas
gestalten
zu können. Das trifft nicht nur die
eine
oder die andere Partei, das richtet sich gegen unser Gemeinwesen
als
Ganzes. Hier droht eine innere Auswanderung aus unserer
Demokratie,
die wir nicht tatenlos hinnehmen dürfen.
„Besonders
schädlich ist es,
wenn
sich immer mehr das
Gefühl
breit macht: ‚Die da
oben
können es nicht – und
zwar
auf allen Ebenen und
auf
allen Seiten.‘“
„Hier
droht eine innere
Auswanderung
aus unserer
Demokratie,
die wir
nicht
tatenlos hinnehmen
dürfen.“
9
4 B e r l i n , 12 . M a i 2 0 0 4
Noch
erleben wir keine wirklich bedrohlichen Äußerungen
von
Enttäuschung und Wut. Wir müssen aber einen stillen Abschied
und
privaten Zynismus beobachten, resigniertes Schulterzucken von
Menschen,
die von der Politik nichts mehr erwarten. Das geht oft
einher
mit fehlendem Vertrauen in die eigene Zukunft.
VIII
Es ist höchste Zeit, etwas dafür zu tun, dass wir die
Vertrauenskrise
überwinden,
in die unsere Gesellschaft geraten ist. Wir müssen die
Grundlagen
des Vertrauens wiedergewinnen. Schönreden hilft da
nicht.
Wir werden uns anstrengen müssen.
Die
Politik muss die Initiative wiedergewinnen gegenüber
wirtschaftlichen
und anderen Einzelinteressen. Die politische Gestaltung
muss
zurück in die Parlamente. Die Abgeordneten müssen mit
ihrer
Stimme die Richtung bestimmen und nicht bloß Beschlüsse von
Kommissionen
und Konsensrunden verabschieden.
Dazu
brauchen wir zunächst einmal eine verständliche
politische
Sprache. Oft hören wir ja ein seltsames Gemisch aus
Abkürzungen
und Neubildungen, aus halb verdeutschtem Englisch
oder
aus absichtlicher Schwammigkeit, aus Verharmlosung und
Fachchinesisch.
Was
man nicht verstehen kann – und
vielleicht
auch nicht verstehen soll –, das
schafft
kein Vertrauen. Manchmal glauben die
Menschen
auch, die Redner wüssten selber
nicht
so genau, worüber sie sprechen, so
abstrakt
und lebensfern hört sich vieles an.
Eine
verständliche und klare Sprache ist aber notwendig,
auch
im öffentlichen Streit mit Wort und Widerwort. Und nichts
stärkt
das Vertrauen der Menschen mehr als die Übereinstimmung
von
Wort und Tat. Das ist der einfachste Weg, um Glaubwürdigkeit
zu
gewinnen – und der ist schwer genug: Sagen, was man tut, und
tun,
was man sagt.
Wahrhaftigkeit,
Glaubwürdigkeit, aber auch Pflichtbewusstsein
und
Anstand sind Tugenden, auf die wir nicht verzichten
können.
Wir müssen darauf vertrauen können,
dass
jede und jeder, da, wo sie Verantwortung
tragen,
ihre Pflicht tun, dass sie wahrhaftig
sind
und sich anständig verhalten.
–
Wir müssen darauf vertrauen können, dass
Handwerker
ordentlich arbeiten und korrekt
„Nichts
stärkt das Vertrauen
der
Menschen mehr als die
Übereinstimmung
von Wort
und
Tat.“
„Wi
r müssen darauf vertrauen
können,
dass jede
und
jeder, da, wo sie Verantwortung
tragen,
ihre
Pflicht
tun.“
„
V e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 9 5
abrechnen.
Und die müssen darauf vertrauen können, dass ihre
Rechnungen
pünktlich bezahlt werden.
—Wir
müssen uns darauf verlassen können, dass Manager in erster
Linie
an das Unternehmen, seine Anteilseigner und Beschäftigten
denken
und nicht an ihre eigenen Abfindungen oder Aktienoptionen.
—Wir
müssen uns darauf verlassen können, dass wir richtig beraten
werden,
bei der Bank, beim Einkaufen, beim Abschluss von Verträgen.
—Wir
müssen uns darauf verlassen können, dass nicht nur bei
Lebensmitteln
der Grundsatz gilt: „Es ist drin, was drauf steht.“
—Wir
müssen uns darauf verlassen können, dass die öf fentliche
Verwaltung
frei von Durchstechereien und unbestechlich arbeitet,
wie
das dem stolzen Ideal des deutschen Beamtentums entspricht.
—Wir
müssen uns darauf verlassen können, dass Ärzte uns richtig
behandeln
– und dass sie korrekt abrechnen.
Das
sind Forderungen an jeden Einzelnen von uns, da, wo
er
Verantwortung trägt. Wie aber kann der Einzelne motiviert werden,
selber
anständig zu handeln und vertrauenswürdig zu sein,
wenn
er den Eindruck hat, das große Ganze stimme nicht und der
Ehrliche
sei wirklich oft genug der Dumme?
Das
kann nur gelingen, wenn in der Politik deutlich wird,
dass
es noch Zukunftsentwürfe gibt, Ziele – und den nötigen Gestaltungswillen.
Politik
muss mehr sein als ein Reparaturbetrieb gesellschaftlicher
Verwerfungen.
Politik muss
gestalten
und darf nicht der Wirklichkeit
hinterherhinken.
Politik muss mehr sein als
die
möglichst geschickte Form, das zu kommentieren,
was
ohnehin geschieht.
Wir
müssen den Primat der Politik wiedergewinnen – einer
Politik,
die sich an Werten orientiert und die sich nicht darauf
beschränkt,
tatsächliche oder vermeintliche
Sachzwänge
zu exekutieren.
Politik
muss wieder zeigen, dass es sie
gibt
und dass sie etwas für die Menschen
bewirken
kann.
Neues
Vertrauen in staatliches Handeln wird aber nur
wachsen,
wenn in Politik und Verwaltung solide gearbeitet wird.
Dazu
gehört die ernsthafte Auseinandersetzung mit allen Sachfragen,
bis
ins kleinste Detail. Dazu gehört die Einsicht, dass politische
Entscheidungen
ihre Zeit brauchen, wenn sie vernünftig sein sollen.
„Wi
r müssen den Primat der
Politik
wiedergewinnen –
einer
Politik, die sich an
Werten
orientiert.“
„Politik
muss wieder zeigen,
dass
es sie gibt und dass
sie
etwas für die Menschen
bewirken
kann.“
9
6 B e r l i n , 12 . M a i 2 0 0 4
Ein
westfälischer Mathematiklehrer hat einmal ganz schlicht gesagt:
„Richtigkeit
geht vor Fixigkeit.“
Politik
muss Probleme lösen. Diese Forderung richtet sich
an
die politisch Verantwortlichen auf allen Ebenen, denn Bund, Länder
und
Gemeinden sind vielfältig aufeinander angewiesen. Keine
politische
Partei kann heute nur auf andere zeigen, wenn es darum
geht,
Veränderungen durchzusetzen.
Ich
sage das ausdrücklich an die Adresse aller politisch
Handelnden
in Regierung und Opposition. Es ist ein Ausdruck von
Verantwortungslosigkeit,
wenn eine Regierung Vorschläge nur deswegen
ablehnt,
weil sie von der Opposition kommen, obwohl sie sie
insgeheim
für vernünftig hält. Und es ist ebenso Ausdruck von
Verantwortungslosigkeit,
wenn eine Opposition vernünftige Vorhaben
nur
deshalb scheitern lässt, weil sie von der Regierung kommen,
obwohl
sie sie selber genauso durchsetzen würde, wenn sie an der
Macht
wäre.
Wer
das von fast allen als richtig Erkannte allein aus wahltaktischen
Motiven
blockiert, mag zwar hoffen, kurzfristig Zustimmung
zu
gewinnen. Langfristig wird aber unser ganzes Land verlieren.
IX
Eines müssen wir wieder entdecken: Wir können politisch
gestalten,
wir
können Weichen stellen. Wir können sagen, wohin die Reise
gehen
soll. Dazu braucht es den politischen Willen, den Willen zur
Politik.
Große Spiele, sagt man im Fußball, werden im Kopf entschieden.
Da
ist viel dran. Was sich ändern muss, das ist die Haltung, die
viele
resignieren oder Abschied nehmen lässt von Politik und Staat.
Diese
Haltung führte letztlich dazu, dass unsere Gesellschaft auseinander
fällt
und dass jeder versucht, irgendwie für sich alleine durchzukommen.
Das
wird aber nicht gut gehen.
Wir
müssen wieder begreifen: Der Staat, die Gesellschaft,
das
Land, das sind wir, das ist jeder Einzelne. Das ist unsere gemeinsame
Sache,
und diese gemeinsame Sache können wir selber gestalten.
Wir
hören oft, man müsse Menschen „mitnehmen“, zum Beispiel
auf
den Weg der Reformen. Das ist gewiss richtig. Orientierung
und
Führung sind notwendig.
Genauso
notwendig ist es aber, auf die Menschen zu hören.
Deshalb
müssen wir uns neue Gedanken darüber machen, wie sich die
Menschen
besser und stärker an den Entscheidungen beteiligen können.
Wir
brauchen neue Ideen und Möglichkeiten für Mitgestaltung
und
Partizipation in unserer Gesellschaft. Wir müssen politische Wil„
V
e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 9 7
lensbildung
unter den heutigen Bedingungen
besser
organisieren.
Unser
demokratischer Staat ist mehr
als
ein Dienstleistungsbetrieb und auch mehr
als
eine Agentur zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts.
Der
Staat schützt und stärkt die Freiheit
der
Bürgerinnen und Bürger auch vor den
gesellschaftlichen
und ökonomischen Kräften,
die
die Freiheit des Einzelnen längst viel stärker
bedrohen
als jede Obrigkeit. Dazu legt
er
auch Regeln und Pflichten zu Gunsten der Gemeinschaft fest.
Damit
schafft der Staat Freiräume gegen puren Ökonomismus
und
gegen das alles beherrschende Dogma von Effizienz und
Gewinnmaximierung.
Es
gibt eine gefährliche Wechselwirkung von Staats- und
Politikverdrossenheit
auf der einen Seite und den allzu pauschalen
Forderungen
nach Privatisierung, Deregulierung und Rücknahme
staatlicher
Verantwortung auf der anderen Seite.
Die
solidarische Absicherung gegen die großen Lebensrisiken,
die
sozialen Ausgleich in unserer Gesellschaft schafft und damit
soziale
Stabilität, wird immer häufiger verächtlich gemacht. Sozialer
Ausgleich
und soziale Gerechtigkeit, so heißt es, bedrohten die Freiheit
des
Einzelnen. In Wirklichkeit ist es doch immer noch so, dass
die
Freiheit der meisten Menschen, dass ihre Chancen, ihr Leben
nach
ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten, ganz wesentlich von
der
gesellschaftlich organisierten Solidarität abhängen.
Gewiss:
Eigene Verantwortung und eigene Anstrengung
sind
notwendig und unverzichtbar. Mehr Eigenverantwortung darf
aber
nicht heißen, dass die Starken sich nur noch um sich selber
kümmern
und die anderen sehen sollen, wo sie bleiben.
Solidarität
der Schwachen mit den Schwachen – das genügt
nicht.
Arbeitende für Arbeitslose, Junge für Alte, Gesunde für
Kranke,
Nichtbehinderte für Behinderte: Darauf bleibt jede Gesellschaft
angewiesen.
X
Wer politisch vertrauenswürdig sein will, der darf nicht über
jedes
Stöckchen
springen, das Interessenvertreter oder Medien ihm
hinhalten.
Da wird ein Fall von angeblichem Sozialmissbrauch im
Ausland
medial groß aufgemacht – der bei Licht besehen gar kein
Skandal
ist –, und schon werden Gesetze geändert. Ähnliches ließe
„Der
Staat schützt und
stärkt
die Freiheit der Bürgerinnen
und
Bürger auch
vor
den gesellschaftlichen
und
ökonomischen Kräften,
die
die Freiheit des Einzelnen
längst
viel stärker
bedrohen
als jede Obrigkeit.“
9
8 B e r l i n , 12 . M a i 2 0 0 4
sich
im Zusammenhang mit der Gesundheitsreform
sagen,
Ähnliches von der Steuerreform.
Wenn
eine angeblich benachteiligte
Gruppe
nur laut genug schreit oder der blanke
Populismus
publizistisch Verstärkung erfährt,
sind
die Vorhaben von gestern heute schon
nichts
mehr wert. Das zeugt nicht von Souveränität.
Es
schafft vielleicht kurzfristig Applaus, aber nicht langfristig
Vertrauen.
Vertrauen gewinnt politisches Handeln durch
Souveränität
und Solidität. Kurzfristiger Aktionismus schafft eher
Misstrauen,
weil man dann nur darauf wartet, welches Thema wohl
morgen
hochgespielt wird. Vertrauen entsteht nur da, wo man
einen
klaren Kurs erkennen kann.
Vertrauen
setzt voraus, dass es klare Verantwortlichkeiten
gibt
und dass sie klar erkennbar sind. Jeder Interessierte sollte wissen
können,
wer für welche Entscheidungen verantwortlich ist. Das ist
aber
heute kaum mehr möglich.
Die
politisch Verantwortlichen vom Bund bis zu den
Gemeinden
sind heute zu oft in einer Verflechtungsfalle gefangen.
Diese
Blockade muss aufgelöst werden. Die institutionalisierte
Verantwortungslosigkeit
muss
aufhören. Genau das muss die Föderalismuskommission
zustande
bringen.
Zur
Ehrlichkeit gehört es darum auch zu sagen, dass vieles
aus
guten Gründen längst nicht mehr in Deutschland entschieden
wird,
sondern auf europäischer Ebene. Übrigens: Vertrauen und
Glaubwürdigkeit
der Politik werden auch dann beschädigt, wenn
Politiker
etwas als Ausgeburt der Brüsseler Bürokratie an den Pranger
stellen,
was sie selber in Bund und Ländern beschlossen und der
Europäischen
Union vorgeschlagen haben.
XI
Die Medien spielen in der demokratischen Gesellschaft eine
besonders
wichtige Rolle als Kontrollinstanz. Sie tragen besondere
Verantwortung.
Unabhängige Medien, die so genannte vierte Macht
im
Staat, können und müssen dazu beitragen, dass politische und
gesellschaftliche
Zusammenhänge durchschaubar werden. Sie können
und
sollen Missstände und Skandale aufdecken, komplizierte
Zusammenhänge
erläutern, Hintergründe darstellen und Interessenkonflikte
offen
legen. Das ist in unser aller Interesse.
Wir
müssen aber darauf vertrauen können, dass das Bild,
das
sie uns von der Welt zeigen, einigermaßen mit der Wirklichkeit
übereinstimmt.
„Jeder
Interessierte sollte
wissen
können, wer für
welche
Entscheidungen
verantwortlich
i s t . Das ist
aber
heute kaum mehr
wirklich
möglich.“
„
V e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 9 9
Auch
hier haben viele Menschen
inzwischen
viel Vertrauen verloren. Sie haben
gelernt,
dass man nicht nur mit Schlagzeilen,
sondern
auch mit Bildern lügen kann, dass
halbe
Wahrheiten oft schlimmer sind als
ganze
Lügen, dass nicht alle Themen, die groß
aufgemacht
werden, wirklich wichtig sind.
Die
Medien haben Macht. Oft ist der
Grat
schmal zwischen scharfer Kritik, die
berechtigt
ist, und der publizistischen Jagd auf einen Menschen, für
die
es keine Rechtfertigung geben kann.
Vieles
in unserer Gesellschaft, vieles in Politik und Wirtschaft
gibt
wahrlich Anlass zu Kritik. Die kritische Auseinandersetzung
mit
Fehlern und Mängeln kann das Vertrauen stärken. Es gibt
aber
auch in den Medien eine fatale Lust an Schwarzmalerei und klischeehafter
Übertreibung.
Diese Lust fördert die Entfremdung der
Bürger
von Politik und Staat.
Der
ökonomische Erfolg allein, der Blick auf Quote und
Auflage
darf die Grundregeln journalistischer Arbeit nicht außer
Kraft
setzen. Intendanten und Verleger, Chefredakteure und
Journalisten
– sie alle tragen Mitverantwortung für das Gemeinwesen,
das
auch durch Häme und Zynismus in Gefahr geraten kann.
XII
Wir müssen die Vertrauenskrise überwinden. Wir müssen vor allem
wieder
Vertrauen in uns selber gewinnen. Wir müssen uns immer
wieder
selber klar machen und mehr darüber sprechen, dass es für
uns
Deutsche gute Gründe gibt, mit Zuversicht und Vertrauen in die
Zukunft
zu schauen.
Selbstbewusstsein
und Selbstvertrauen können nicht wachsen
ohne
das Bewusstsein davon, wer wir sind und woher wir kommen.
In
den letzten Jahren haben sich viele Mitbürgerinnen
und
Mitbürger neu für unsere Geschichte interessiert. Ich verstehe
das
als Teil einer Suche nach Identität und Selbstvertrauen.
Dabei
gilt für unser Land das Gleiche wie für jeden einzelnen
Menschen.
Jeder Mensch braucht ein positives Bild von sich
selber
und strebt danach, es zu haben. Gewiss: Jeder Mensch hat in
seinem
Leben Gutes und Schlechtes erlebt. Aber er kann nicht auf
Dauer
mit sich selber im Reinen sein, wenn er allein das Schlechte
über
sein Selbstbild bestimmen lässt.
„Die
Medien haben Macht.
Oft
ist der Grat schmal
zwischen
scharfer Kritik,
die
berechtigt i s t , und der
publizistischen
Jagd auf
einen
Menschen, für die es
keine
Rechtfertigung
geben
kann.“
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Auch
eine Nation braucht insgesamt
ein
positives Selbstverständnis und ein positives
Verhältnis
zu sich selber. Nur so kann
sich
ein Wir-Gefühl entwickeln, das die
Grundlage
jeder Nation ist. Neben den
Erinnerungen
an Niederlagen und an Versagen
müssen
auch Erinnerungen an Erfolge
und
Glück stehen. Und ein Blick in unsere
Geschichte
zeigt nicht nur die furchtbaren
Verirrungen
und Katastrophen, er zeigt auch, dass politischer
Wille
und gesellschaftliche Kraft Veränderungen zum
Guten
bewirken können. Solches Vertrauen in die eigene Kraft
brauchen
wir.
Vor
wie vielen Problemen und Herausforderungen standen
wir
vor 20 oder 25 Jahren! Wir hatten es mit Schwierigkeiten zu
tun,
die vielfach als unlösbar galten – und die dennoch gemeistert
wurden.
Im Rückblick wissen wir auch, dass es eine Reihe von
Entwicklungen
gegeben hat, die niemand voraussehen konnte, Entwicklungen,
die
uns viel Gutes gebracht haben. Der Fall der Mauer
und
die Europäische Einigung sind die beiden herausragenden Beispiele
dafür.
Nie
war das Leben der großen Mehrheit in Deutschland
freier
und individueller als heute. Gewiss: Es gibt auch die Gefahr
der
Vereinzelung, der Auflösung sozialer Bindungen. Aber alles
in
allem hatten noch nie so viele Menschen so viele Lebenschancen
wie
heute.
Unsere
deutsche Gesellschaft ist weltoffen und – auch im
Vergleich
zu anderen Ländern – tolerant gegenüber Minderheiten.
Das
merken Besucher, die zu uns nach Deutschland kommen, oft
stärker
als wir selber. Auf meinen Reisen habe ich immer wieder
erfahren,
wie groß in allen Teilen der Welt das Vertrauen in uns
Deutsche
ist.
Das
sind positive Entwicklungen, die man nicht voraussehen
konnte.
Auch manche Ängste und Befürchtungen sind nicht
wahr
geworden. Da war vor allem die Angst vor einer atomaren
Schlacht
zwischen den Supermächten, ausgetragen in Europa, auch
auf
deutschem Boden, und da war die Angst vor einer ökologischen
Katastrophe,
die über viele Jahre auch in anderen Ländern mit dem
deutschen
Wort „Waldsterben“ verbunden war.
Beides
ist nicht wahr geworden. Nicht, weil ein Wunder
geschehen
wäre, sondern weil Menschen Einsicht und Verände-
„Auch
eine Nation braucht
insgesamt
ein positives
Selbstverständnis
und ein
positives
Verhältnis zu sich
selber.
Nur so kann sich ein
Wir-Gefühl
entwickeln, das
die
Grundlage jeder Nation
ist.“
„
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rungsfähigkeit
bewiesen haben und weil sie mit Engagement für
ihre
Ziele gearbeitet haben.
Wahrscheinlich
gibt es kein zweites großes Land auf unserer
Erde,
in dem die Menschen umweltbewusster Leben als in
Deutschland.
Wer hätte geglaubt, dass Deutschland tatsächlich den
Umstieg
auf eine Energieversorgung ohne Atomkraft beschließt!
Selbst
wer diese Entscheidung für falsch hält, muss anerkennen, dass
auch
das ein Beispiel dafür ist, dass viele Einzelne, die sich zusammentun,
politisch
tatsächlich etwas bewegen können.
Wir
sollten uns gelegentlich auch an die gewaltigen Veränderungen
der
Wirtschaftsstruktur in Deutschland erinnern. Seit
über
40 Jahren schon erleben wir an vielen Orten und in vielen Regionen
einen
atemberaubenden Strukturwandel. Wir leben ja nicht erst
seit
gestern in einer Zeit des permanenten Wandels und Aufbruchs. Da
ist
nicht nur vieles weggebrochen. Da ist auch durch Ideenreichtum
und
Tatkraft vieles geschaffen worden – im Westen und im Osten.
Das
kann Hoffnung machen, dass es uns auch in Zukunft
gelingen
wird, schwere Probleme zu lösen – auch solche, von denen
wir
heute noch nicht wissen, auf welche Weise wir das am besten
schaffen
können.
XIII
Auch heute ist unsere Gesellschaft nicht starr. Sie ist in
Bewegung.
Wir
haben wagemutige Unternehmer, international renommierte
Forscher
und Wissenschaftler, kreative Ingenieure und hervorragend
qualifizierte
Arbeitnehmer. Sie schauen nach vorn und bringen
unser
Land voran.
Es
gibt viele gesellschaftliche Initiativen. Ehrenamtliches
Engagement
und Netze, die für sozialen Halt sorgen, die Neues ausprobieren
im
Kleinen und werben für Veränderung im Großen. Was
an
einem Ort gelingt, kann durch die neuen Kommunikationsmittel
schnell
Schule machen und oft weltweit
Bedeutung
bekommen.
Ich
sehe, dass immer mehr Menschen,
auch
unter den jüngeren, den Wert der Familie
und
den Wert von beständigen, verlässlichen
Bindungen
wieder erkennen. Ich sehe,
dass
Kinder mehr Zeit und Aufmerksamkeit
geschenkt
bekommen – das gibt ihnen
unschätzbaren
Halt und ein Gr undvertrauen, das durch nichts zu
ersetzen
ist.
„Ich
sehe, dass immer mehr
Menschen,
auch unter den
jüngeren,
den Wert der
Familie
und den Wert von
beständigen,
verlässlichen
Bindungen
wieder erkennen.“
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0 2 B e r l i n , 12 . M a i 2 0 0 4
Gegen
alle pessimistischen Töne dürfen wir auch nicht
übersehen,
wie viele traditionelle oder neue Organisationen und
soziale
Zusammenhänge funktionieren und wie viel Engagement
und
Solidarität in Nachbarschaftshilfe, in Selbsthilfegruppen und in
vielfältigen
Formen ehrenamtlicher Arbeit lebendig sind.
Junge
Menschen haben einen hoch entwickelten Sinn für
Fairness
und Respekt. Sie engagieren sich für andere, sie tun ganz
praktisch
etwas gegen Hunger und Armut in der Welt und für den
Schutz
unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Ihr Engagement ist
oft
auf ein Projekt bezogen und nicht auf Dauer angelegt. Alle Organisationen
und
Institutionen sollten solche Angebote machen und
zugleich
Verständnis dafür wecken, dass eine lebendige Demokratie
ohne
dauerhaftes, ohne verlässliches Engagement möglichst vieler
nicht
existieren kann.
Mir
macht auch Hoffnung, dass viele junge Menschen sich
in
der Welt umsehen – nicht nur als Touristen. Im Ausland arbeiten,
studieren,
für andere da sein – das stärkt nicht nur die eigene
Persönlichkeit,
das formt oft auch einen neuen Blick auf das eigene
Land.
Junge Menschen berichten dann oft, dass sie unser Land
mit
einem gewissen Abstand gelassener sehen und günstiger beurteilen.
Es
gibt viele Gründe, darauf zu vertrauen, dass wir in
Deutschland
erfolgreich eine gute Zukunft für alle gestalten können.
Diese
Gründe für Vertrauen und Zuversicht gibt es, ohne dass irgendetwas
schöngeredet
werden müsste.
Wir
haben Gründe zu vertrauen, wenn jeder von uns und
wenn
wir alle gemeinsam Verantwortung übernehmen – Verantwortung
für
uns, Verantwortung für andere, Verantwortung für unser
Land.
Es kommt auf jeden Einzelnen an, aber
wer
mehr Möglichkeiten, wer mehr Einfluss
hat,
der trägt auch eine größere Verantwortung.
82
Millionen Menschen leben in unserem
Land,
das sind 82 Millionen verschiedene
Erfahrungen,
Begabungen, Stärken und Talente.
Vieles
davon fließt in unsere Unternehmen, in die Schulen und
Hochschulen,
in Kunst und Kultur. Dies Potential wird für unser
Gemeinwesen
noch viel zu wenig erschlossen.
Viel
zu häufig dient die Kritik an konkreten Missständen als
Ausrede
dafür, sich nicht selber einzumischen. Politik sei ein schmutziges
Geschäft,
ist nicht nur an Stammtischen und in Vorstands-
„Es
kommt auf jeden Einzelnen
an,
aber wer mehr
Möglichkeiten,
wer mehr
Einfluss
hat, der trägt auch
eine
größere Verantwortung.“
„
V e r t r au e n i n D e u t s c h l a n d “ 1 0 3
casinos
zu hören. Aber da entstehen keine
Gesetze.
Und vom Zuschauen wird keine
Schule
gebaut, kein Kindergarten renoviert,
keine
Landschaft geschützt, keine Sozialstation
unterhalten.
Ja,
wer etwas zu kritisieren hat an
unserem
Land, der soll das tun. Wer aber
etwas
verändern will in unserem Land, der muss etwas tun. Er muss
sich
einmischen, muss mitarbeiten, muss Verantwortung übernehmen
für
unser Land.
Eltern
übernehmen selbstverständlich Verantwortung für
ihre
Kinder, sie mischen sich ein, sie sorgen und sie helfen, damit
ihre
Kinder eine sichere Zukunft haben. Das gilt auch im übertragenen
Sinne:
Dieser
Staat, diese Bundesrepublik war das Kind unserer
Eltern
und Großeltern, und wir alle haben von dem profitiert,
was
sie aufgebaut haben. Heute ist es an den nächsten Generationen
mitzuhelfen,
dass unsere Zukunft sicher bleibt. Das kann man
auf
vielen Ebenen und auf vielen Feldern tun: als Mitglied einer Partei,
einer
Kirche oder Gewerkschaft, im Sportverein, in der Bürgerinitiative,
bei
Hilfswerken, in sozialen Einrichtungen
und
Verbänden oder wo immer Menschen
sich
zusammenfinden und Verantwortung für
sich
und für andere übernehmen. Es gibt viele
Möglichkeiten,
etwas für andere zu tun – sie
alle
sind besser, als nur über andere zu reden
oder
darüber zu klagen, wie schlimm die Verhältnisse
sind.
XIV
Es gibt genug Gründe für Vertrauen in Deutschland. Es gibt noch
mehr
Gründe, Verantwortung zu übernehmen und sich einzumischen.
Es
gibt genug Gründe, darauf zu vertrauen, dass wir in
Deutschland
die Zukunft meistern werden. Es gibt noch mehr
Gründe,
sich einzusetzen für unser Vaterland, in dem wir gerne
leben.
Es
liegt an jedem von uns, dieses Land, unser Land jeden
Tag
ein Stück besser und menschenfreundlicher zu machen.
„Ja,
wer etwas zu kritisieren
hat
an unserem Land, der
soll
das tun. Wer aber
etwas
verändern will in
unserem
Land, der muss
etwas
tun.“
„Es
gibt viele Möglichkeiten,
etwas
für andere zu
tun
– sie alle sind besser,
als
nur über andere zu
reden
oder darüber zu
klagen,
wie schlimm die
Verhältnisse
sind.“
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