Plenarprotokoll
15/185
Deutscher Bundestag
Stenografischer
Bericht
185. Sitzung
Berlin, Freitag, den
1. Juli 2005
Gerhard Schröder,
Bundeskanzler:
Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Am Montag dieser Woche habe ich dem Herrn
Bundestagspräsidenten mitgeteilt, dass ich es in der gegebenen Situation als
meine Pflicht ansehe, im Deutschen Bundestag die Vertrauensfrage zu stellen.
Mein Antrag hat ein einziges, ganz unmissverständliches Ziel: Ich möchte dem
Herrn Bundespräsidenten die Auflösung des 15. Deutschen Bundestages und die
Anordnung von Neuwahlen vorschlagen können.
Der für meine Partei
und für mich selber bittere Ausgang der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen
war das letzte Glied in einer Kette zum Teil empfindlicher und schmerzlicher
Wahlniederlagen. In der Folge dessen wurde deutlich, dass es die sichtbar
gewordenen Kräfteverhältnisse ohne eine neue Legitimation durch den Souverän,
das deutsche Volk, nicht erlauben, meine Politik erfolgreich fortzusetzen.
Endgültig mit diesem
Ausgang der Landtagswahl am 22. Mai wurden negative Auswirkungen für die Handlungsfähigkeit
im parlamentarischen Raum unabweisbar. Die Agenda 2010 mit ihren Konsequenzen
schien zum wiederholten Male ursächlich für ein Votum der Wählerinnen und
Wähler gegen meine Partei. Wenn diese Agenda fortgesetzt und weiterentwickelt
werden soll - und das muss sie -, ist eine Legitimation durch Wahlen
unverzichtbar.
(Beifall bei der SPD)
Es ist daher ein
Gebot der Fairness und der Aufrichtigkeit gegenüber den Bürgerinnen und
Bürgern, gegenüber meiner Partei, gegenüber dem Partner in der Koalition,
gegenüber dem Hohen Haus und auch gegenüber mir selbst, die Vertrauensfrage zu
stellen.
Meine Damen und
Herren, alle im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien haben sich mit
Nachdruck für die Auflösung des Bundestages ausgesprochen. Die Wählerinnen und
Wähler unterstützen mit überwältigender Mehrheit meinen Wunsch nach Neuwahlen.
Dessen sollten wir uns heute alle bewusst sein.
Viermal wurde bislang
in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die Vertrauensfrage gestellt:
zweimal - von Helmut Schmidt und mir -, um sich der Mehrheit im Bundestag zu
versichern, zweimal - von Willy Brandt und Helmut Kohl -, um den Weg für
Neuwahlen freizumachen. Mir ist wohl bewusst: Die Mütter und Väter des
Grundgesetzes haben sich bei der Formulierung des Art. 68 sicher nicht von der
Überlegung leiten lassen, durch eine gewollte Niederlage die Tür zu einer
Auflösung des Parlamentes zu öffnen. Aber - auch darüber geben uns die
Beratungen im Parlamentarischen Rat Auskunft - sie wollten ebenso wenig die
Möglichkeit einer Neuwahl verwehren, wenn die Lage dies gebietet.
Nach den bösen
Erfahrungen von Weimar lehnte es der Parlamentarische Rat ab, dem
Bundespräsidenten ein generelles Recht zur Auflösung des Bundestages
einzuräumen. Aber auch dem Parlament blieb das Recht zur Selbstauflösung
verwehrt. Dem Parlamentarischen Rat verdanken wir mithin Regelungen, die
Deutschland zu einer der stabilsten, erfolgreichsten und angesehensten
Demokratien der Welt gemacht haben. Dafür sind wir dankbar, auch wenn die
Erfolgsgeschichte unserer deutschen Demokratie nicht allein der Weisheit oder
dem Weitblick unserer Gründergeneration geschuldet ist, sondern vor allem dem
demokratischen Gemeinsinn und dem klugen Instinkt der Bürgerinnen und Bürger,
die stets für ein inneres Gleichgewicht unseres Gemeinwesens gesorgt haben.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Unsere Staatspraxis,
die auch durch das Bundesverfassungsgericht als verfassungsgemäß bestätigt
wurde, ist eindeutig. Der mit der Vertrauensfrage verbundenen Konsequenz von
Neuwahlen stehen keine zwingenden verfassungsrechtlichen Bedenken entgegen. Die
entscheidende Frage lautet also: Kann der Bundeskanzler noch des stetigen
Vertrauens der Mehrheit des Hauses sicher sein? Denn die drängenden Probleme unseres
Landes, die Fortsetzung der begonnenen Reformen, die Krise der Europäischen
Union, die Herausforderungen der Globalisierung und die Gefahren für Frieden,
Sicherheit und Stabilität in unserer einen Welt dulden keinen Zustand der
Lähmung oder des Stillstandes.
Meine Damen und
Herren, ich habe mir die Entscheidung, zunächst die Vertrauensfrage, danach
mich und meine Regierung einer neuen Wahl zu stellen, reiflich und gewissenhaft
überlegt.
(Zurufe von der
CDU/CSU: Na, na! - Ich weiß ja nicht! - Zuruf von der FDP: Das glaube ich
nicht!)
Aus der Opposition
hat es Forderungen nach meinem Rücktritt gegeben.
(Beifall bei der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)
Aber was dann?
(Lachen bei der
CDU/CSU und der FDP - Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Eine sehr angemessene
Reaktion!)
Der Weg nach Art. 63
Grundgesetz setzt mehrere erfolglose Wahlgänge voraus und ist damit äußerst
kompliziert und der Würde des Hohen Hauses nicht angemessen.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Genau aus diesem Grund
hat bereits mein Amtsvorgänger diesen Weg 1982 entschieden abgelehnt.
(Beifall bei
Abgeordneten der SPD - Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Hört! Hört!)
Helmut Kohl betonte
vor dem Deutschen Bundestag am 17. Dezember 1982 - ich zitiere ihn wörtlich -:
Der Vorwurf der
Manipulation wäre ... gerechtfertigt, wenn ich
- also Helmut Kohl -
den Weg des
Rücktritts gemäß Art. 63 des Grundgesetzes wählen würde.
(Klaus Uwe Benneter
[SPD]: Hört! Hört!)
Weiter, meine Damen
und Herren, wieder Zitat Helmut Kohl:
In der
augenblicklichen Situation würde es niemanden überzeugen, wenn ein derartiges
Verfahren eingeschlagen würde, um den Bundespräsidenten zur Auflösung des
Bundestages zu nötigen.
Ich
- wieder Helmut Kohl
-
bin der Auffassung,
dass der von mir gewählte Weg zur Auflösung des Bundestages überzeugend und
verfassungsrechtlich einwandfrei ist.
Ich teile diese
Argumentation meines Vorgängers.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Meine Damen und
Herren, die Bundesregierung und die Koalitionsfraktionen von SPD und Grünen
haben in unserem Land einen tief greifenden Veränderungsprozess eingeleitet.
Dieser Reformprozess ist in seinem Umfang und in seinen Konsequenzen einmalig
in der Geschichte der Bundesrepublik.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Wir haben in Angriff
genommen, was unsere Vorgängerregierung unterlassen hatte.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Wir haben begonnen,
wozu CDU/CSU und FDP 16 Jahre Zeit, aber niemals den Mut hatten.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Mit den Reformen der
Agenda 2010 haben wir wichtige Bereiche unserer Gesellschaft in ihren
Strukturen grundlegend erneuert: in der Gesundheitsversorgung, in der
Rentenpolitik und auf dem Arbeitsmarkt. Diese Reformen sind notwendig, um
unseren Sozialstaat auch in Zukunft zu erhalten und unsere Wirtschaft auf die
Herausforderungen der Globalisierung und des Älterwerdens unserer Gesellschaft
einzustellen. Diese notwendigen Reformen mussten gegen massive Widerstände von
Interessengruppen durchgesetzt werden. Einige haben in dieser Situation auf
unverantwortliche Weise die Verunsicherungen der Bürgerinnen und Bürger
instrumentalisiert.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN - Franz Müntefering [SPD]: Das kann man wohl
sagen!)
Mit populistischen
Kampagnen wurden Ängste geweckt und geschürt, weil die Reformen zunächst mit
Belastungen verbunden sind, ihre positiven Wirkungen aber erst später,
teilweise durchaus erst in einigen Jahren, zu spüren sein werden. Nur zu gut
erinnern wir uns an die öffentliche Aufregung bei der Einführung der
Praxisgebühr und an die Protestwelle beim Beschluss der so genannten
Hartz-IV-Gesetze im vergangenen Jahr.
Keine Frage, das
Reformprogramm der Agenda 2010 hat zu Streit zwischen den Parteien und in den
Parteien geführt. In den regierenden Parteien und Fraktionen ist es zu inneren
Spannungen und auch zu Konflikten um die richtige Richtung gekommen. Meine Partei
- das will ich nicht verschweigen - hat darunter besonders gelitten. Die SPD
hat seit dem Beschluss der Agenda 2010 bei allen Landtagswahlen und der
Europawahl Stimmen verloren, in vielen Fällen sogar die Regierungsbeteiligung
in den Ländern. Das war ein hoher Preis für die Durchsetzung der Reformen. Dass
wir diesen hohen Preis, zuletzt in Nordrhein-Westfalen, zu zahlen hatten, hat
innerhalb meiner Partei und meiner Fraktion zu heftigen Debatten um den
künftigen Kurs der SPD geführt. Das gilt in ähnlicher Weise für unseren
Koalitionspartner. Es ging und es geht um die Frage, ob die Reformen der Agenda
2010 überhaupt notwendig sind oder ob sie nicht gar zurückgenommen werden
sollten. Diese Debatte hat so weit geführt, dass SPD-Mitglieder damit drohten, sich
einer rückwärts gewandten, linkspopulistischen Partei anzuschließen, die vor
Fremdenfeindlichkeit nicht zurückschreckt.
(Beifall bei
Abgeordneten der SPD)
Einige haben diesen
Schritt vollzogen; an die Spitze jener Partei hat sich ein ehemaliger SPD-Vorsitzender
gestellt.
Meine Damen und
Herren, solch eindeutige Signale aus meiner Partei, der führenden
Regierungspartei, musste und muss ich ernst nehmen, zumal in den Wochen vor dem
22. Mai dieses Jahres fast täglich in den Medien darüber berichtet wurde, auch
aus dem parlamentarischen Raum heraus. Am 22. Mai lag die Frage offen auf dem
Tisch, ob bei diesem Wahlausgang eine volle Handlungsfähigkeit für mich und
meine Politik noch gegeben war, zumal die Mehrheit für diese Regierung im
Deutschen Bundestag von Anfang an denkbar knapp war. Diese Mehrheit hat sich
durch den Verlust nicht nachzubesetzender Überhangmandate weiter reduziert und
beträgt nur noch drei Stimmen, wenn die so genannte Kanzlermehrheit
erforderlich ist.
Grundvoraussetzung
für die gesamte Regierungspolitik, ganz besonders aber für unsere Außen- und
Sicherheitspolitik sind Planbarkeit und Verlässlichkeit. Dies betrifft
grundsätzliche Fragen wie die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zur
Europäischen Union, die weitere Vertiefung unserer Beziehungen zu Russland und
den Ausbau unserer politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu China.
Hierfür ist die Bundesregierung auf die Geschlossenheit der
Koalitionsfraktionen angewiesen. Auch hier sind vermehrt abweichende,
jedenfalls die Mehrheit gefährdende Stimmen laut geworden.
Meine Damen und
Herren, über die Zweifler und jene, die mit Austritt oder abweichendem
Stimmverhalten gedroht haben, will und kann ich moralisch nicht rechten; denn
das stetige Vertrauen gemäß Art. 68 unseres Grundgesetzes ist keine moralische,
sondern eine politische Kategorie. Art. 38 Abs. 1 des Grundgesetzes erlaubt den
Abgeordneten, abweichende Positionen einzunehmen. Diese Tatsache unterliegt
nicht einer moralischen Bewertung oder gar einer moralischen Verurteilung von Abgeordneten.
Da aber der Bundeskanzler auf dauerhaftes Vertrauen angewiesen ist, um nach
innen wie nach außen seine Politik verwirklichen zu können, muss er ein solches
abweichendes Ankündigen, Fordern oder Verhalten stets politisch bewerten. Klar
abweichende Positionierungen mögen subjektiv betrachtet als durchaus berechtigt
angesehen werden, müssen aber vom Bundeskanzler politisch anders beurteilt
werden; denn er braucht eine stetige und verlässliche Basis für seine Politik.
Ebenso klar muss auch
sein, dass dort, wo Vertrauen nicht mehr vorhanden ist, öffentlich nicht so
getan werden darf, als gäbe es dieses Vertrauen. Ich habe auch das erleben
müssen. Auch das ist Bestandteil meiner politischen Bewertung. Und diese ist
eindeutig: Eine Bewertung der politischen Kräfteverhältnisse vor und nach der
Entscheidung, Neuwahlen anzustreben, muss dazu führen - dessen bin ich mir ganz
sicher -, dass ich unter den aktuellen Bedingungen nicht auf das notwendige,
auf stetiges Vertrauen im Sinne des Art. 68 Grundgesetz rechnen kann.
Meine Damen und
Herren, was die bestehenden Kräfteverhältnisse anlangt, so muss ich auch die
Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zwischen Bundestag und Bundesrat
berücksichtigen. Die Situation im Bundesrat ist dabei nicht nur eine Frage der Mehrheit,
sondern ist zunächst einmal eine Frage der Haltung, wie die Zahl der Einsprüche
nach abgeschlossenen Vermittlungsverfahren exemplarisch zeigt. In der laufenden
Wahlperiode hat die Bundesratsmehrheit nach abgeschlossenen
Vermittlungsverfahren in 29 Fällen Einspruch gegen das entsprechende Gesetz
eingelegt. Das ist fast so häufig wie in den ersten zwölf Wahlperioden der
Jahre 1949 bis 1994 zusammen.
(Zurufe von der SPD:
Unglaublich! - Frechheit!)
Ersichtlich geht es
der Bundesratsmehrheit in diesen wie in anderen Fällen, etwa in der
Steuerpolitik oder beim Subventionsabbau, nicht mehr um inhaltliche Kompromisse
oder staatspolitische Verantwortung, sondern um machtversessene Parteipolitik,
die über die Interessen des Landes gestellt wird.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Ich kann es weder der
Regierung noch den Regierungsfraktionen zumuten, immer wieder Konzessionen zu
machen und doch zu wissen, dass die Bundesratsmehrheit ihre destruktive
Blockadehaltung nicht aufgeben wird.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Nur eine durch die
Wählerinnen und Wähler klar und neuerlich legitimierte Regierungspolitik wird
bei der Mehrheit des Bundesrates zu einem Überdenken der Haltung und - wenn
auch nicht kurzfristig - zu einer Änderung der Mehrheit führen.
Meine Damen und
Herren, das Ziel des Machterhalts um der Macht willen rechtfertigt niemals
Entscheidungen gegen die bessere Einsicht und den Rat des Gewissens. Ich
handele in der Gewissheit, dass die von mir begonnene Politik der Reformen
richtig und notwendig ist - für unser Land und für seine Menschen. Darum werde
ich mich auch mit all meiner Energie und mit ganzer Kraft darum bemühen, dass
die Wählerinnen und Wähler mich beauftragen, das Begonnene fortzuführen.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Die Vertrauensfrage
gibt daher jedem Abgeordneten die Chance, sich zu entscheiden. Mit einer
Enthaltung und auch mit einem Nein eröffnen die Mitglieder dieses Hohen Hauses
dem Herrn Bundespräsidenten die Möglichkeit, die Entscheidung über die Zukunft
der Politik und über die Zukunft unseres Landes dem Souverän, unseren
Bürgerinnen und Bürgern, in die Hand zu geben. Ich bin davon überzeugt, dass
dieser Weg mit dem Sinn und den Bestimmungen unserer Verfassung in Einklang
ist, und ich bin davon überzeugt, dass der Herr Bundespräsident die richtige
Entscheidung treffen wird.
Meine Damen und
Herren, ich weiß mich mit den weitaus meisten unserer Landsleute darin einig,
dass in der gegenwärtigen Situation die Wähler zu ihrem Recht kommen sollten -
nicht im Zuge eines Plebiszits, nicht im Rahmen einer Volksabstimmung, die
unsere Verfassung eben nicht vorsieht, sondern durch Neuwahlen, die das
erklärte Ziel meiner heutigen Vertrauensfrage sind. Insoweit - das lässt sich
gar nicht bestreiten - richtet sich die Vertrauensfrage über den Deutschen
Bundestag hinaus natürlich und in letzter Konsequenz an die Wählerinnen und
Wähler selbst. Vordergründig betrachtet handelt es sich um einen Vorgang, mit
dem der Bundeskanzler sein eigenes Schicksal der Entscheidung des Volkes
anvertraut. Die wahre Dimension unserer heutigen Entscheidung weist aber weit
darüber hinaus. Tatsächlich geht es um die Möglichkeit des demokratischen
Souveräns, die Grundrichtung der künftigen Politik selbst zu bestimmen.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Geben wir den
Menschen also die Wahl und die Freiheit, selbst zu entscheiden, welchen Weg
unser Land gehen soll, welchen Staat sie sich wünschen, welchen Stellenwert
soziale Gerechtigkeit künftig haben soll und wie viel Solidarität das
Zusammenleben in unserem Gemeinwesen prägen soll. Wecken wir ihren Lebensmut
und ihr Vertrauen in die Zukunft. Lösen wir sie aus jenen Ängsten und
Bedrückungen, die auch Folge eines Niederredens unseres Landes und der
Leistungen seiner Menschen durch die Opposition sind,
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
eine Opposition im
Übrigen, die sich aus Furcht vor der Verantwortung fast jeder konstruktiven
Zusammenarbeit mit uns verweigerte
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN - Widerspruch bei der CDU/ CSU)
oder - das füge ich
hinzu - eine vollzogene Zusammenarbeit im Nachhinein desavouierte,
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
eine Opposition, die
den Bürgerinnen und Bürgern aus schierem Opportunismus verschweigt - auch jetzt
-, welche konkreten Pläne sie hat.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Auch in der Politik
gilt: Festklammern an dem, was schon immer war oder was man einmal hat, führt
geradewegs in die Erstarrung. Bewahren kann nur derjenige, der zur Veränderung
bereit ist. Wenn wir also Energien freisetzen, Bewegungen ermöglichen und
weitere Reformen in Gang setzen wollen, dann müssen wir mit den üblichen Regeln
der politischen Mechanik, mit der Physik der Macht gleichsam brechen. Die von
uns begonnenen Reformen gilt es, entschlossen fortzuführen, damit wir den sich
immer rascher wandelnden Anforderungen im Innern und nach außen auch gerecht
werden. Im Innern heißt das für uns, die soziale Marktwirtschaft zu bewahren
und unser Gesellschaftsmodell weiterzuentwickeln, ein Gesellschaftsmodell, das
Produktivität und ökonomische Effizienz mit Solidarität und Gerechtigkeit
verbindet.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Es ist gewiss: Der
Wandel verlangt einen langen Atem, verlangt Beharrlichkeit und Standfestigkeit,
verlangt Überzeugungskraft und Willensstärke. Nach außen heißt das, unsere
Rolle als Garant der europäischen Einigung und Integration entschieden und aus
tiefer Überzeugung anzunehmen.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Unseren geeinten
Kontinent weiter voranzubringen, dazu braucht es wie bisher die Dynamik und die
Verlässlichkeit der deutsch-französischen Partnerschaft.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Das heißt,
Deutschlands Rolle als angesehene Friedensmacht zu stärken im Kampf gegen
Hunger, Armut und Unterdrückung in der Welt, im Kampf gegen Terror und
Fanatismus, im Einsatz für einen effektiven Multilateralismus, für eine
internationale Ordnung des Rechts, für eine Stärkung der Vereinten Nationen, in
denen Deutschland seiner internationalen Verantwortung gemäß einen ständigen
Sitz im Sicherheitsrat anstrebt.
Dies alles sind
Aufgaben, denen wir nicht genügen können, wenn die Gefahr eines
Legitimationsverlustes unseren Energien keinen Raum lässt. Darum braucht es
heute das Votum des Hohen Hauses. Darum braucht es, wenn mir das Vertrauen der
Mehrheit versagt bleibt, das Urteil des Souveräns, des Volkes. Es ist keine
Zeit zu verlieren. Die Reformen dulden keinen Aufschub. Sie bedeuten auch
Abschied von Gewohntem. Das zu sagen verlangt die Aufrichtigkeit, die wir den
Bürgern schuldig sind. Meine Sache und der Auftrag der deutschen
Sozialdemokratie ist es, dafür zu sorgen, dass wirtschaftliche Effizienz eben
nicht auf Kosten der Schwachen erzielt wird, dass also die soziale Balance
keinen Schaden nimmt.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Diese Regierung tut
ihre Pflicht und sie tut, was für unser Land notwendig ist. Diese Regierung hat
das durch die Vorgängerregierung auf dem Land lastende Phlegma, die
Realitätsverweigerung und die Reformunwilligkeit überwunden.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN)
Es sind - ich bin
stolz darauf - gute Jahre für unser Land,
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Zurufe von der CDU/CSU:
Ah!)
Jahre, die unser Land
nach innen liberaler, toleranter, sicherer und demokratischer gemacht haben
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN - Widerspruch bei der CDU/ CSU)
und nach außen
selbstbewusster, freier und geachteter.
(Beifall bei der SPD
und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN - Widerspruch bei der CDU/ CSU)
Wir brauchen jetzt
klare Verhältnisse.
(Beifall bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP)
- Sie sollten
vorsichtig sein. Es schauen uns viele zu.
(Beifall bei der SPD
sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN - Zuruf von der CDU/CSU:
Sie auch!)
Darum stelle ich die
Vertrauensfrage. Öffnet der Bundestag den Weg zu Neuwahlen, dann haben, wenn
der Herr Bundespräsident so entscheidet, unsere Bürgerinnen und Bürger das
Wort. Ich vertraue auf die Vernunft und auf die Einsicht der Deutschen. Ich
vertraue auf den Mut und die Kraft meiner Partei, die in den 142 Jahren ihrer
stolzen Geschichte jederzeit Verantwortung für das Ganze, für sozialen
Fortschritt, Gerechtigkeit, Teilhabe und Demokratie wahrgenommen hat. Für genau
diese Werte werde ich weiter kämpfen.
(Anhaltender Beifall
bei der SPD - Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Die Abgeordneten der SPD
sowie Abgeordnete des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN erheben sich)