Süddeutsche Zeitung Themen des Tages Samstag, 31.
Januar 2009
Außenansicht
Wenn der Papst ein Obama wäre
Aber leider ist er ein Bush: Dem Pontifex bedeutet
„Versöhnung” mit einigen Erzreaktionären mehr als
das Vertrauen von Millionen
Von Hans Küng
>Präsident Barack Obama ist es gelungen, in kurzer
Zeit die Vereinigten Staaten aus Stimmungstief und Reformstau
herauszuführen, eine
glaubhafte Hoffnungsvision vorzustellen und eine
strategische Wende in der Innen- wie Außenpolitik dieses
großen Landes einzuleiten. Anders
in der katholischen Kirche. Die Stimmung ist
bedrückend, der Reformstau lähmend. Nach fast vier Jahren im
Amt sehen viele Papst Benedikt
XVI. auf der Linie eines George W. Bush. Kein Zufall,
dass der Papst seinen 81. Geburtstag im vergangenen Jahr im Weißen
Haus gefeiert hat.
Beide, Bush und Ratzinger, sind lernunfähig in
Fragen von Geburtenkontrolle und Abtreibung, abgeneigt allen ernsthaften
Reformen,
selbstherrlich und ohne Transparenz in ihrer
Amtsführung, die Freiheiten und Rechte der Menschen
einschränkend.
Wie Bush seinerzeit, so leidet auch Papst Benedikt unter einem
wachsenden Vertrauensverlust. Viele Katholiken erwarten
von ihm nichts mehr.
Schlimmer noch: Durch die Rücknahme der
Exkommunikation von vier illegal geweihten traditionalistischen
Bischöfen, darunter ein notorischer
Holocaust-Leugner, wurden alle bei der Wahl Ratzingers
zum Papst geäußerten Befürchtungen bestätigt. Der
Papst wertet Leute auf, die nach
wie vor die vom Zweiten Vatikanischen Konzil bejahte
Religionsfreiheit, den Dialog mit den anderen Kirchen, die
Aussöhnung mit dem
Judentum, die Hochschätzung des Islam und der
anderen Weltreligionen sowie die Reform der Liturgie ablehnen.
Um die „Versöhnung” mit einem
Häuflein erzreaktionärer Traditionalisten
voranzubringen, riskiert dieser Papst den Vertrauensverlust von
Millionen von Katholiken in allen Ländern, die
dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Treue halten. Dass gerade einem
deutschen Papst solche
Fehltritte unterlaufen, verschärft die Konflikte.
Nachträgliche Entschuldigungen können das zerschlagene
Porzellan nicht kitten.
Dabei hätte es ein Papst noch leichter als ein Präsident der
Vereinigten Staaten, eine Kursänderung
vorzunehmen. Er hat keinen Kongress als
Legislative neben sich und kein Oberstes Gericht als
Judikative über sich. Er ist uneingeschränkter Regierungschef,
Gesetzgeber und
höchster Richter in der Kirche. Er könnte,
wenn er wollte, über Nacht die Empfängnisverhütung
gestatten, die Priesterehe zulassen, die
Frauenordination ermöglichen und die
Abendmahlsgemeinschaft mit den evangelischen Kirchen erlauben.
Was würde ein Papst tun, der im Geist Obamas
handelte? Er würde ähnlich wie Obama erstensdeutlich
aussprechen, dass die römisch-katholische
Kirche sich in einer tiefen Krise befindet und
würde die Krisenherde benennen: viele Gemeinden ohne Priester,
ausbleibender Nachwuchs für
das Priestertum, durch unpopuläre Pfarreifusionen
verschleierter Zusammenbruch seelsorgerlicher Strukturen, die oft
über Jahrhunderte
gewachsen waren. Er würde zweitens die Hoffnungsvision von einer
erneuerten Kirche, einer revitalisierten Ökumene,
einer Verständigung mit
den Juden, den Muslimen und den anderen Weltreligionen
und einer positiven Wertung der modernen Wissenschaft verkünden. Er
würde
drittensdie fähigsten Mitarbeiter um sich
versammeln, keine Jasager, sondern eigenständige
Persönlichkeiten, unterstützt von kompetenten
und furchtlosen Experten. Er würde viertens die
dringendsten Reformmaßnahmen durch Dekret („executive
orders”) sofort initiieren und
fünftensein ökumenisches Konzil zur
Beförderung des Kurswechsels einberufen.
Doch welch deprimierender Kontrast:
Während Präsident Obama unter Zustimmung aus
der ganzen Welt nach vorne blickt und sich den Menschen und der Zukunft
öffnet, orientiert sich
dieser Papst vor allem nach rückwärts, inspiriert vom
Ideal der mittelalterlichen Kirche, skeptisch
gegenüber der Reformation, zwiespältig
gegenüber den Freiheitsrechten der Moderne.
Während Präsident Obama sich kooperativ neu um Partner und
Bundesgenossen bemüht, ist Papst
Benedikt wie George W. Bush im Freund-Feind-Denken
befangen. Mitchristen in den evangelischen Kirchen stößt er
vor den Kopf, indem er diese
Gemeinschaften nicht als Kirchen anerkennt. Der Dialog mit Muslimen ist
über Lippenbekenntnisse zum „Dialog”
nicht hinausgekommen. Das
Verhältnis zum Judentum muss als tief
gestört bezeichnet werden. Während Präsident Obama
Hoffnung ausstrahlt, Bürgeraktivitäten fördert und
eine „neue Ära der
Verantwortlichkeit” fordert, ist Papst Benedikt in
Angstvorstellungen befangen und will die Freiheit der Menschen
möglichst einschränken, um eine „Ära der
Restauration” durchzusetzen. Während
Präsident Obama in Washington offensiv die Verfassung und die
große Tradition seines Landes zur
Begründung kühner Reformschritte heranzieht, legt Papst
Benedikt in Rom die Dekrete des Reformkonzils von
1962 bis 1965 restriktiv nach rückwärts aus: in
Richtung auf das Restaurationskonzil von 1870.
Aber weil Papst Benedikt XVI. aller Wahrscheinlichkeit nach selber kein
Obama wird, brauchen wir für die nächste Zeit erstens
einen
Episkopat, der die offenkundigen Probleme der Kirche
nicht verschleiert, sondern offen benennt und auf Diözesanebene
energisch angeht;
zweitens Theologen, die aktiv an einer Zukunftsvision
unserer Kirche mitarbeiten und keine Scheu haben, die Wahrheit zu sagen
und zu
schreiben; drittens Seelsorger, die sich wehren gegen
die ständige Überbelastung durch Zusammenlegung von mehreren
Pfarreien, und die ihre
Eigenverantwortung als Seelsorger mutig wahrnehmen; viertens
insbesondere Frauen, ohne die vielerorts die Seelsorge
zusammenbrechen würde,
die ihre Möglichkeiten des Einflusses
selbstbewusst wahrnehmen.
Aber können wir das wirklich? Yes, we can.
Hans Küng , 80, ist emeritierter Professor
für ökumenische Theologie an der Uni versität
Tübingen und Präsident der Stiftung Weltethos.
Foto: Jürgen Bauer