Süddeutsche
Zeitung POLITIK Freitag, 17. März 2006
Das Streiflicht
(SZ) Wer ist Koch, Robert Koch? „Ganz
klar“, sagt einer am Biertisch, „das ist doch dieser Politiker in diesem
Bundesland, wie heißt es doch
gleich wieder, ziemlich in der Mitte
Deutschlands liegt es, und die Hauptstadt ist Frankfurt.“ – „Unsinn“, sagt ein
anderer, „der, den du
meinst, heißt vorne Roland, der Robert Koch
hingegen ist Sportreporter und kommt samstags immer in der Sendung Heute im
Stadion, wenn in
Nürnberg ein Bundesligaspiel stattfindet.“ –
„Meiner Meinung nach“, wirft da ein Dritter ein, „schreibt sich der Mann vorne
Günther, und
der Robert Koch steht beim MSV Duisburg im
Tor.“ – „Georg heißt der Torwart“, schreien da die anderen und lachen sich
kaputt darüber, dass
einer nicht einmal die Bundesligaspieler
kennt.
Am Nebentisch aber erhebt sich ein
schmächtiger Mann, dunkle Haare, vermutlich südosteuropäischer Herkunft, wie
die Polizei in einer
Täterbeschreibung mitteilen würde. Tritt heran
und klärt in gebrochenem Deutsch darüber auf, dass Robert Koch ein deutscher
Mediziner
gewesen sei, dessen Arbeiten schon im 19.
Jahrhundert zur Entdeckung des Tuberkels und des Cholera-Erregers geführt
hätten. Und außerdem
sei Roland Koch Ministerpräsident in Hessen, dessen
Hauptstadt im übrigen Wiesbaden heiße. Da ist nun ein
großes Erstaunen, und die
Stammtischbrüder schämen sich sehr. Dabei hat
der Mann nur vorsorglich den Fragebogen des hessischen Innenministeriums
abgearbeitet, weil
dieser möglicherweise bundesweit zur
Vorbereitung auf den obligatorischen Wissens- und Wertetest vor einer
Einbürgerung dienen könnte.
Die 100 Fragen haben es in sich, vor
allem für die Deutschen, weil ein solcherart eingebürgerter Ausländer quasi das
Zertifikat einer
geprüften Wissens- und Wertefestigkeit
besitzt, während den originär Einheimischen dieser Nachweis fehlt. Sollte der
Katalog aber in den
Schulen verbreitet werden, sind in der Folge
familiäre Verwerfungen zu erwarten. Die Kinder könnten die Mutter nach dem
Inhalt von Artikel
1 der Verfassung fragen und den Vater nach dem
Prinzip der Gewaltenteilung, und wenn die Altvorderen dann nur herumeiern und
die Augen
verdrehen, dient das nicht der Festigung ihrer
elterlichen Autorität. Weiß die Mutter aber, dass nach Artikel 1 die Würde des
Menschen, und
zwar jedes Menschen, unantastbar ist, dann
wird das Kind antworten, seine Würde werde in einer Tour verletzt, weil es
nicht über die Höhe
des Taschengeldes und die Einschlafzeiten
bestimmen darf. Dem Vater aber hilft es nicht, dass er die Pioniere des
deutschen Automobilbaus
kennt und die Europameister-Mannschaft aus dem
Jahr 1972 (Maier, Höttges, Schwarzenbeck usw.). Er steht da als ein älterer
Mitbürger, der
es eigentlich nicht verdient hat, ein
Deutscher zu sein.