Ziesmer wieder am Unfallort
Gründung einer «Allianz der
Hoffnung»
Von Frank Thomas, dpa=
Kienbaum (dpa/ost) - Ronny Ziesmer ist am
Dienstag erstmals wieder an den Ort seines schweren Unfalls am 14. Juli 2004
zurückgekehrt. «Da bin ich wieder. Ich fühle mich keineswegs deprimiert. Aber
ich glaube, das entspricht meinem Wesen», meinte der 26-jährige Cottbuser im
Sportzentrum Kienbaum, wo er sich an einem Workshop für Handbiker beteiligt.
Das Treffen wird vom viermaligen Paralympics-Sieger Heinrich Köberle
organisiert, der Ronny Ziesmer am Dienstag ein auf seinen Körper angepasstes
Handbike überreichte. «Ronny ist ein Glücksfall für unsere Zunft. Über ihn
können wir unseren Problemen eine große Plattform geben», meinte der Athlet aus
Wiesloch-Beiertal.
Seit dem schweren Unfall in der
Olympia-Vorbereitung ist Ziesmer querschnittsgelähmt und an den Rollstuhl
gefesselt. «Das Handbiking macht unheimlich Spaß. Es vermittelt ein tolles
Gefühl der Geschwindigkeit», sagte der frühere deutsche Mehrkampf-Meister im
Turnen. «Im Moment ist das alles noch Rehabilitation, doch ich kann mir schon
vorstellen, einmal Marathon zu fahren und an Paralympics teilzunehmen», sagte
der Lausitzer 113 Tage nach der Entlassung aus dem Unfallkrankenhaus Berlin.
«Im Moment ist die Alltagsbewältigung meine
größte Herausforderung», gestand Ziesmer, der am 1. September ein Studium der
Biotechnologie an der Fachhochschule Lausitz beginnt. «Ich werde anfangs nicht
von 08.00 bis 20.00 Uhr auf dem Campus sein und vorsichtig mit zwei oder drei
Fächern beginnen. Es ist ganz wichtig, die Belastungen gut zu dosieren», meinte
er.
Zudem stellte Ziesmer in Kienbaum seine
Vorstellungen von einer «Allianz der Hoffnung» vor, in der künftig alle
Bemühungen und Projekte zur Lebenshilfe für Querschnittsgelähmte gebündelt
werden. Große Hoffnungen setzt er wie andere Behinderte auf die Forschungen der
Firma Neuraxo Biotec aus Düsseldorf, die gegenwärtig ein Präparat entwickelt,
mit dem Querschnittsgelähmte mit chronischen Verletzungen künftig wieder laufen
können. «Unsere Erfolgschance ist groß, natürlich gibt es ein Restrisiko»,
erklärte Herbert Tröscher, der Aufsichtsrat der Düsseldorfer Firma, die für
ihre Studien noch mindestens 2,5 Millionen Euro benötigt.
Am Nachmittag besuchte Ziesmer in Kienbaum
auch die Turnhalle, in der vor mehr als einem Jahr der schwere Unfall
passierte. «Das war ein Blitzschlag, der uns damals getroffen hat», sagte
Cheftrainer Andreas Hirsch, der dort mit den deutschen Auswahlturnern ein
Trainingslager bestreitet. «Ronny hat mit seinem Unfall und seiner positiven
Ausstrahlung danach auch mein Leben verändert. Ich habe erkannt, dass die
Ausrichtung auf ausschließlich sportliche Ziele auch irgendwie beschränkt
macht», sagte Hirsch. «Wie Ronny mit der Situation umgeht, ist ein Zeichen von
Stärke. Ich gebe zu, ich habe ihn unterschätzt. Diese Potenzen, die er auch
außerhalb des Sports jetzt beweist, hatte ich ihm nicht zugetraut», fügte
Hirsch hinzu. Ziesmers früherer Trainingsgefährte Robert Juckel übergab seinem
Freund einen weiteren Scheck der Daimler-Chrysler-Bank über 6000 Euro, die
durch Spenden im Stuttgarter Raum, Ziesmers früheren Trainingsmittelpunkt,
zusammengekommen waren. dpa ft yybb se
231506 Aug 05